Gesundheit erlangen - Herbst 2019

41 Medizin-Report D er Chef kritisiert meine Arbeit: Frust. Ein Streit mit dem Partner: Wut. Diese Gefühle kennt jeder. Doch während gesunde Men- schen über die kleinen Tiefs des Alltags schnell hinwegkommen, haben andere Schwierigkeiten damit: Sie werden von ih- ren Emotionen wie von einer Welle mitge- rissen, statt smart auf ihr zu surfen – Ärzte sprechen dann von einer gestörten Emoti- onsregulation. Manche reagieren auf Krisen zum Bei- spiel mit Wutausbrüchen, andere verletzen sich selbst. Die Binge-Eating-Störung be- schreibt unkontrollierte und exzessive Ess- anfälle. Da bleibt es nicht beim Frust-Scho- koriegel oder der Extraportion Lasagne, weil der Tag so mies war – beim Binge-Ea- ting leeren die Betroffenen vielmehr den ganzen Kühlschrank oder die gesamte Auf- laufform. So war es auch bei Nathalie K. (Name ge- ändert): Die heute 30-Jährige hat eine schwierige Kindheit hinter sich, war oft auf sich allein gestellt. „Mit 16 Jahren ging es los, da habe ich bei Frust einfach geges- sen. Und zwar so viel, dass mein Kopf und der Bauch gesagt haben ‚Hör auf, es reicht!‘ – aber ich konnte es einfach nicht.“ Mehrmals pro Woche kamen diese Anfälle, und in ihrer schlimmsten Zeit nahm die jun- ge Frau innerhalb von zwei Jahren rund 70 Kilo zu. „Meine Betreuerin hat dann die Reißleine gezogen und mir geholfen, einen Therapieplatz zu finden.“ Was triggert Essanfälle? Hilfe bekommt Nathalie K. jetzt bei Prof. Dr. (TR) Yesim Erim, Leiterin der Psychoso- matischen und Psychotherapeutischen Ab- teilung des Uni-Klinikums Erlangen. Auf Station 22 behandelt das Team der Psy- chosomatik auch Betroffene mit anderen Essstörungen wie Magersucht oder Buli- mie. Nathalie K. wird hier acht Wochen ver- bringen. „Der stationäre Aufenthalt ist nur ein erster Schritt, danach gibt es ambulan- te Unterstützung“, erklärt Prof. Erim. „Zu- nächst finden wir mit der Patientin → Binge Eating Das Wort „to binge“ stammt aus dem Englischen und bedeutet „sich vollstop- fen“. Der Begriff wird auch im Zuge des „Komasaufens“ (Binge Drinking) oder exzessiven Fernsehens (Binge Watching) gebraucht. In Gesprächen üben Patienten wie Nathalie K., bei negativen Gefühlen nicht mit einem Essanfall zu reagieren, sondern die Krise durch Bewältigungstechniken zu überstehen.

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