Das kostenlose Magazin des Uniklinikums Erlangen | www.gesundheit-erlangen.com | Frühling 2026 ■ Wilma will leben: Hilfe bei angeborenem Herzfehler ■ Aneurysma der Hauptschlagader: guter Ausgang einer heiklen OP ■ Endlich transplantiert: Jakob hat ein neues Herz Medizin mit Herz Sicher gebor(g)en Sicherheit und Empathie in der Geburtshilfe Feel to heal Gefühle ausdrücken, Schmerzen reduzieren Pflege mit Köpfchen Neue Ausbildungsstation in der Neurochirurgie
| 3 Editorial Jakob kennt jeder. Jeder, der in den vergangenen fünf Jahren in unserer Kinder- und Jugendklinik unterwegs war. Hier sah man Jakob mit den Erzieherinnen im Gruppenzimmer, im Foyer malen und basteln mit seinem Bruder Paul; man entdeckte ihn auf den Klinikgängen, sein rollbares Kunstherz immer im Schlepptau. Da posierte Jakob mit Prof. Dr. Robert Cesnjevar für eine Aktion zugunsten herzkranker Kinder, die ein Spenderorgan brauchen; dort stand er beim „Feuerwehreinsatz“ vor der Kinderklinik mit auf der Drehleiter. Man sah Jakob mit Ärztin Dr. med. univ. Saya Aziz beim Herumalbern und Lachen, mit seiner kleinen Freundin Lena, die ebenfalls ein Kunstherz hatte, und in einem Video, in dem Jakob im Heli- kopter über seine oberpfälzische Heimat flog. Diesen Wunsch des Jungen hatte das Klinikteam an einen erfahrenen Piloten weitergegeben. Das Uniklinikum Erlangen wurde Jakobs zweites Zuhause. Weit über die Hälfte seines bisherigen Kinderlebens wartete der heute Siebenjährige auf ein Spenderherz; lernte in dieser Zeit laufen, bekam ein Geschwisterchen, erlebte die Coronapandemie, wurde Experte für Blutabnahmen und andere medizinische Abläufe und bekam eines Tages sogar einen eigens für ihn ausgestellten „Mitarbeiterausweis“ der Kinderklinik. Und obwohl der Junge dank eines weltweit einmaligen, ausgeklügelten Systems auch mit seinem Kunstherz immer wieder nach Hause durfte, Sieg eines kleinen Kämpfers Chefredakteurin von „Gesundheit erlangen“ stand das oberste Ziel außer Frage: eine Herztransplantation. Im Mai 2025 wurde dann endlich ein passendes Organ für Jakob gefunden und ihm erfolgreich eingesetzt. Seitdem hat er seine Freiheit zurück und kann endlich Dinge tun, die mit Kunstherz unmöglich waren. Jakobs Geschichte erzählen wir auf S. 16. Was die Herzchirurgische Klinik des Uniklinikums Erlangen für erkrankte Kinder, Jugendliche und Erwachsene leistet, zeigen darüber hinaus auch die beiden Beiträge über die kleine Wilma und den 44-jährigen Alexander B. Beide wurden mit einem Herzfehler geboren. Aber während bei dem Mädchen schon im ersten Lebensjahr mehrere hochkomplexe Operationen nötig wurden (S. 8), konnte Alexander B. mit einem Eingriff warten, bis er 25 war. Doch: Fast 20 Jahre danach musste er aus heiterem Himmel den Notruf wählen. Warum, lesen Sie auf S. 12. Mit viel Herz und Empathie geht es auch auf den folgenden Seiten weiter: unter anderem auf der Ausbildungsstation der Kopfkliniken (S. 22), in der Geburtshilfe der Frauenklinik (S. 30), im OP-Saal der Neurochirurgie (S. 38) und im Schmerzzentrum (S. 46). Haben Sie viel Freude beim Lesen und bleiben Sie neugierig! Das große Zittern Wie oft führen Sie ein Glas zum Mund? Wie oft unterschreiben Sie etwas? Wie oft geben Sie jemandem die Hand? Derart alltägliche Tätigkeiten waren für Irene F. jahrzehntelang kaum umsetzbar - bis ein OP-Team zwei Elektroden in ihrem Gehirn platzierte, die für Ruhe in ihren zitternden Händen sorgten (S. 38).
4 | Themen dieser Ausgabe WUNSCHGEBURT In der Frauenklinik und im Perinatal- zentrum am Uniklinikum Erlangen werden zukünftige Eltern umfassend betreut und begleitet. Das beginnt oft schon vor der Schwangerschaft. 3 Editorial NEUES AUS DEM UNIKLINIKUM 6 Hoch die Hände – Vollblutspende! | Klimaschutz ist Gesundheitsschutz 7 Bayern stärkt den Infektionsschutz | Neues Zentrum für die Krebstherapie TITEL 8 Wilma will leben Wie Wilma trotz Herzfehler ins Leben fand 12 Die unsichtbare Gefahr Vom Herzfehler zum gefährlichen Aneurysma 16 Ins Herz geschlossen Wie Jakob ein neues Herz bekam FEATURE 22 Pflege mit Köpfchen Stippvisite auf der neuen Ausbildungsstation der Neurochirurgischen Klinik MEDIZIN 26 Sprechstunde Frühjahrsmüdigkeit: Wahrheit oder Mythos? 28 Sprechstunde Eisenwerte: Was hilft bei einem Mangel? 30 Mit Sicherheit gebor(g)en Die Geburt selbstbestimmt und sicher erleben 34 Der Weg ist das Ziel Therapie der Schaufensterkrankheit 36 Mittel der Wahl Brennnessel: Kraut on fire 37 Kolumne – Kleine Sp[r]itze Der König aller Gemüse? JAKOBS NEUES HERZ Viereinhalb Jahre sollte es dauern, bis Jakob endlich ein passendes Spenderherz bekam. Sein Weg – und wer ihn begleitet hat. 30 16
| 5 Themen dieser Ausgabe MENSCHEN 38 Meine Geschichte Warum Tremorpatientin Irene F. endlich nicht mehr zittert 42 Zwei Seiten von Restaurantfachfrau Sabine Wagner 44 Aus dem Medizinkästchen Gefäßchirurg Prof. Dr. Ulrich Rother KOPFSACHE 46 Feel to heal Wie die Verarbeitung von Gefühlen Schmerzen lindern kann ERNÄHRUNG 50 Kraut und Rüben Warum Fermentieren gesund und lecker ist ERFORSCHT UND ENTDECKT 45 Gesundheitsmesse Bamberg im März 53 Buchprojekt: Elf ist eine gerade Zahl 54 Da Vinci: Große Präzision für kleine Patienten 55 Einmalige CAR-T-Zell-Infusion hilft AKTIV LEBEN 56 Bewegung beginnt im Kopf Einführung in das neurozentrierte Training ZUM SCHLUSS 60 Blut gespendet, Leben gerettet 61 Rätsel | Gewinnspiel 62 Vorschau | Impressum GEFÜHLE UND SCHMERZEN Werden Gefühle nicht wahrgenommen und ausgedrückt, können sie Schmerzen verursachen oder verstärken. Das Erlanger Schmerzzentrum setzt deshalb jetzt auf einen neuen Therapiebaustein. PFLEGE MIT KÖPFCHEN In der Neurochirurgie hat eine neue Ausbildungsstation eröffnet. Zwei Auszubildende im dritten Jahr der generalistischen Pflegeausbildung berichten. 22 46
6 | Neues aus dem Uniklinikum Das Uniklinikum Erlangen ist nun offiziell Partner der Erlanger Klima-Allianz – ein Netzwerk lokaler Unternehmen, Organisationen und Wissenschaftseinrichtungen, das sich durch gemeinsames Handeln für eine klimaneutrale Zukunft einsetzt. Damit bekräftigt das Uniklinikum Erlangen sein Engagement für Klimaschutz und Nachhaltigkeit. Das Ziel: auf Grundlage einer umfassenden Nachhaltigkeitsstrategie langfristig Treibhausgasemissionen reduzieren. Schon heute wird am Uniklinikum Erlangen bei Operationen beispielsweise auf das klimaschädliche Narkosegas DesUniklinikum Erlangen jetzt Partner der Erlanger Klima-Allianz Klimaschutz ist Gesundheitsschutz fluran verzichtet. Dadurch können jährlich rund 200 Tonnen CO₂ eingespart werden. Weitere Maßnahmen sind in Planung, etwa der Ausbau der Photovoltaikleistung auf den Klinikgebäuden; außerdem sollen weitere grüne Dächer und bepflanzte Fassaden angelegt werden. „Klimaschutz ist präventiver Gesundheitsschutz“, betont Dr. Albrecht Bender, Kaufmännischer Direktor des Uniklinikums Erlangen. „Wir wollen nicht nur reagieren, wir wollen gestalten – als Teil dieser Stadt, als Teil dieses Netzwerks und als Teil einer Bewegung, die Erlangen nachhaltig prägt!“ Samstage sind toll! Denn sie bieten viele Möglichkeiten: ausschlafen, Zeit mit der Familie verbringen oder gemütlich durch die Innenstadt bummeln. Nun kommt eine weitere Option hinzu: Ab sofort können gesunde Erwachsene zwischen 18 und 68 Jahren auch samstags in der Transfusionsmedizinischen und Hämostaseologischen Abteilung des Uniklinikums Erlangen (Hartmannstraße 14) Blut spenden – und damit übers Wochenende zur Lebensretterin bzw. zum Lebensretter werden. Mit dem neuen Angebot reagiert die Transfusionsmedizin auf die anhaltend hohe Nachfrage nach Blutpräparaten und bietet Blutspende auch samstags möglich – Zusatzangebot soll erhöhten Bedarf decken Hoch die Hände – Vollblutspende! zugleich flexible Spendeoptionen – besonders für Berufstätige. Termine (Vollblut, Plasma, Thrombozyten) können über die App „Smartimer Blutspende“ oder direkt online vereinbart werden. Möglich sind sie immer montags von 9.45 bis 19.00 Uhr, dienstags und mittwochs von 8.00 bis 15.00 Uhr, donnerstags von 12.30 bis 19.00 Uhr, freitags von 8.00 bis 11.00 Uhr und samstags von 9.00 bis 13.00 Uhr. Blutspende des Uniklinikums Erlangen www.blutspende-erlangen.de
| 7 Neues aus dem Uniklinikum Nicht erst seit der Coronapandemie treten immer wieder neue Krankheitserreger auf, während zugleich die Zahl antibiotikaresistenter Bakterien stetig zunimmt. Zur Stärkung der Infektionsforschung, -prävention und -versorgung hat das Bayerische Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst nun das Bayerische Zentrum für präventive Infektionsmedizin (BZI) ins Leben gerufen. Es vernetzt alle sechs bayerischen Universitäten mit Medizinischer Fakultät: Erlangen, Augsburg, München (LMU und TU), Regensburg und Würzburg sowie die Hochschulmedizin und den öffentlichen Gesundheitsdienst. Das BZI gliedert sich in drei Bereiche: das Bayerische SurveillanceMit seinem neuen Interdisziplinären Tumortherapiecentrum (ITC) setzt das Uniklinikum Erlangen einen Meilenstein für eine moderne, patientenzentrierte Krebsversorgung. Das ITC bündelt erstmals subkutane und systemische Tumortherapien klinikübergreifend in einem gemeinsamen Therapiebereich und vereint Expertinnen und Experten der Frauenklinik, der Hautklinik, der Medizinischen Klinik 1 – Gastroenterologie, Pneumologie und Endokrinologie, der Medizinischen Klinik 5 – Hämatologie und Internistische Onkologie, der Strahlenklinik und der Urologischen und Kinderurologischen Klinik. Rund 120 Patientinnen und Patienten werden dort fortan täglich multiprofessionell, interdisziplinär und ganzheitlich betreut. „Das ITC ist mehr als ein neuer Therapiebereich“, betont dessen ärztlicher Leiter Bayerisches Zentrum für präventive Infektionsmedizin nimmt Arbeit auf Interdisziplinäres Tumortherapiecentrum öffnet Türen am Uniklinikum Erlangen Bayern stärkt den Infektionsschutz Neues Zentrum für die Krebstherapie zentrum, das Bayerische Long-COVID-Register und das Bayerische Vakzinezentrum. Letzteres ist am Virologischen Institut – Harald-zur-Hausen-Institut für Virologie des Uniklinikums Erlangen verortet und koordiniert ab sofort die bayernweite Forschung zu Impfstoffen und -strategien sowie die wissenschaftlich fundierte Kommunikation rund um das Thema Impfen. PD Dr. Norbert Meidenbauer. „Es ist ein zukunftsweisendes Organisationsmodell, das medizinische Expertise bündelt, von der die Patientinnen und Patienten nachhaltig profitieren werden.“ Weitere Informationen zum BZI www.bzi-bayern.de Die erste Patientin (im roten Pullover) zog am 26. Januar 2026 um 7.30 Uhr im neuen Interdisziplinären Tumortherapiecentrum des Uniklinikums Erlangen, das sich im dritten Stock des Internistischen Zentrums im Ulmenweg 18 befindet, die Wartenummer 1.
8 | Titel ANGEBORENER HERZFEHLER Schon in ihren ersten Lebenstagen beginnt für Wilma aufgrund eines angeborenen Herzfehlers ein langer, beschwerlicher Weg mit zahlreichen Operationen. Doch Wilmas Eltern und das ärztliche Team geben die Hoffnung nicht auf – und das Mädchen findet Schritt für Schritt ins Leben. VON MAGDALENA HÖGNER Ihre Äuglein strahlen. Der Mund ist weit offen, kleine Zähnchen blitzen hervor. Ein fröhliches Glucksen. Dass Wilma ein Sonnenschein ist, erkennt man sofort – mit neugierigen Augen und ansteckendem Lachen blickt sie der Welt entgegen. Doch ihr Leben war nicht immer so unbeschwert wie heute. Mit gerade einmal zwei Jahren hat das Mädchen bereits einen monatelangen Überlebenskampf hinter sich: neun Operationen, fünf Herzkathetereingriffe und fünf Monate Klinikaufenthalt. Der Grund: ein angeborener Herzfehler. „Sie lächelt unglaublich viel, schäkert mit fremden Menschen, ist einfach mega drauf!“, sagt Miriam F., die Mutter der Zweijährigen, und lacht. „Dass es ihr heute so gut geht, ist unglaublich. Man merkt ihr ihre lange Reise nicht an.“ Holpriger Start Im sechsten Schwangerschaftsmonat wurde bei Miriam F. eine singuläre Nabelschnurarterie festgestellt. Eine Feindiagnostik zeigte schließlich, dass das Herz ihres heranwachsenden Babys nicht vollständig ausgebildet war. Der behandelnde Arzt überwies Miriam F. daher ans Uniklinikum Erlangen. „Die Diagnose hat uns überrollt“, erinnert sich die heute 29-jährige Mutter. „Aber die Prognose war gut. Also waren wir vorsichtig zuversichtlich.“ Doch als Wilma im März 2024 auf die Welt kam, stellte sich der Herzfehler als deutlich gravierender heraus als gedacht. „Wilmas linke Herzhälfte war kleiner und damit leistungsschwächer als die Wilma will leben Auf in Mamas Arme: Fröhlich lachend läuft Wilma auf Miriam F. zu. In den ersten Lebensmonaten konnten sie nicht immer beieinander sein.
| 9 Titel rechte. Außerdem hatte sie eine Aortenisthmusstenose, eine Verengung der Aorta, die den Blutfluss vom Herzen in den Körper beeinträchtigte. Hinzu kam ein Ventrikelseptumdefekt – ein großes Loch in der Herzscheidewand“, erklärt Dr. Ariawan Purbojo, leitender Oberarzt der Sektion Kinderherzchirurgie in der Herzchirurgischen Klinik des Uniklinikums Erlangen. Schritt für Schritt Angesichts der Komplexität von Wilmas Herzfehler musste das Team der Kinderherzchirurgie gemeinsam mit den Kolleginnen und Kollegen der Kinderkardiologischen Abteilung unter Leitung von Prof. Dr. Sven Dittrich sorgfältig abwägen, welcher Defekt als Erstes zu beheben ist. „Es war schnell klar, dass wir zuerst die Aorta versorgen müssen, damit nicht mehr so viel Blut in den Lungenkreislauf fließt“, sagt Dr. Michela Cuomo, ebenfalls Oberärztin der Kinderherzchirurgie. Die Idee: Durch die Erweiterung der verengten Aorta Kleines Loch, schwerwiegende Folgen Bei einem gesunden Herzen versorgt die linke Kammer den Körper mit sauerstoffreichem Blut, während die rechte Herzhälfte sauerstoffarmes Blut zur Lunge pumpt, wo es mit Sauerstoff angereichert wird. Ist die Herzscheidewand wie bei Wilma durchlässig, vermischen sich sauerstoffreiches und sauerstoffarmes Blut. Das Mischblut, das in den Körperkreislauf fließt, hat eine geringere Sauerstoffsättigung als gewöhnlich. Die Folge: Die Organe erhalten zu wenig Sauerstoff, gleichzeitig wird die Lunge überlastet. kann mehr Blut aus dem Herzen in den Körperkreislauf fließen, während gleichzeitig weniger Blut zur Lunge gelangt. Einige Monate später, nachdem Wilmas Körper schon ein bisschen he- ranwachsen konnte, sollte dann der Ventrikelseptumdefekt (VSD) in der Herzscheidewand korrigiert werden. Das langfristige Ziel war es, dadurch eine stabile Herzfunktion mit getrenntem Körper- und Lungenkreislauf zu erreichen. Kaum vier Tage alt, wurde Wilma also zum ersten Mal operiert. „Leider brachte die Erweiterung der Aorta aber nicht den gewünschten Effekt“, erklärt Dr. Purbojo. Deshalb führte das Team der Kinderherzchirurgie vier Tage später einen weiteren Eingriff durch. Doch auch die zweite Operation führte keine ausreichende Verbesserung herbei, weshalb sich der ursprüngliche Plan, Wilma bis zur VSDKorrektur zu stabilisieren, vorerst nicht umsetzen ließ. Eine neue Lösung musste her. Plan B „Wir sahen eine Alternative in der sogenannten Norwood-Operation“, sagt Michela Cuomo. Dieser Eingriff ist in der Regel der erste von drei Schritten zur Versorgung des hypoplastischen Linksherzsyndroms mit einem Ein-Kammer-Kreislauf. Dabei wird die rechte, gesunde Herzkammer zur „Hauptpumpe“ für den Körperkreislauf umfunktioniert, während die linke Hälfte stillgelegt wird. Das sauerstoffarme Blut fließt dann passiv, ohne Unterstützung einer Herzkammer, zur Lunge. → Ihre linke Herzhälfte war zu klein, aber nicht so stark unterent- wickelt, dass es keine Hoffnung gegeben hätte. Dr. Ariawan Purbojo
10 | Titel Nach allem, was Wilma durchgemacht hatte, glich das einem Wunder! Miriam F. Fortsetzung von S. 9 „Als uns die Ärztinnen und Ärzte den neuen Plan erklärten, war das ein ziemlicher Schock“, erinnert sich Miriam F. Auch das behandelnde ärztliche Team hatte Respekt: Denn obwohl die Erlanger Herzchirurgie eine überdurchschnittliche Erfolgsquote bei der Norwood-Operation hat, gilt das Verfahren als sehr herausfordernd. „Wilma war außerdem ein sehr zartes Baby und zu diesem Zeitpunkt ohnehin schon geschwächt“, berichtet Dr. Cuomo. „Das waren nicht die besten Voraussetzungen.“ Keine zwei Wochen nach Wilmas Geburt erfolgte die bisher größte Operation. Nach sechs Stunden des Hoffens und Bangens erhielten die Eltern des Mädchens die erlösende Nachricht: Der Eingriff war geglückt. Doch Wilmas Pechsträhne wollte einfach nicht abreißen: Nach wie vor floss zu viel Blut in die Lunge. Hinzu kam ein wiederholter Gefäßverschluss am Herzen; zusätzlich entwickelte Wilma kurz darauf Fieber und ihr Herz begann unregelmäßig zu schlagen. Drei weitere Operationen folgten. Dann, zweieinhalb Wochen später, ging es für Wilma im Juni 2024 endlich zum ersten Mal nach Hause. „Die Monate davor haben viel mit uns gemacht. Man bekommt ein Kind – und darf es nicht mit nach Hause nehmen. Das fühlt sich falsch an“, erzählt die junge Mutter. „Umso schöner, dass wir dann endlich vereint waren.“ Ein neuer Weg tut sich auf Nach dem ersten Klinikaufenthalt kam die Familie erst im September 2024 wieder zur Kontrolle. „Niemand hätte gedacht, dass wir so lange durchhalten“, sagt Miriam F. und schmunzelt. Doch es folgte gleich der nächste Rückschlag: Die Aorta hatte sich wieder verengt und musste erneut erweitert werden – erst mittels Ballondilatation im Herzkatheterlabor, und wenige Wochen später durch einen weiteren chirurgischen Eingriff. Im Februar 2025 – kurz vor Wilmas erstem Geburtstag – sollte eigentlich die zweite Operation für den Ein-Kammer-Kreislauf stattfinden: die Glenn-OP. Doch bei der vorbereitenden Herzkatheteruntersuchung stellte sich heraus, dass sich Wilmas linke Herzkammer inzwischen sehr gut entwickelt hatte und auch der VSD geschrumpft war. „Wilma war von Anfang an ein Grenzfall. Ihre linke Herzhälfte war zwar bei der Geburt zu klein, aber nicht so stark unterentwickelt, dass es keine Hoffnung gegeben hätte, sie könne mit der Zeit zu einer funktionsfähigen Herzkammer heranwachsen“, erläutert Ariawan Purbojo. „Wir wollten Wilma diese Chance geben.“ Anders als ursprünglich geplant, sollte nun also doch kein Ein-Kammer-Kreislauf gestaltet, sondern der VSD korrigiert und eine Prothese als Ersatz für die Lungenschlagader eingesetzt werden. Zwar würde ein Schrittmacher ab da die Pumpfunktion ihres Herzens unterstützen müssen, doch Wilma hätte nach dem Eingriff nicht nur zwei getrennte Herzkammern, sondern auch einen jeweils eigenständiWilma und ihre Eltern haben eine lange Reise hinter sich. Jetzt ist die Familie endlich wieder vereint.
| 11 Titel gen Körper- und Lungenkreislauf – wie ein Kind mit gesundem Herzen. „Das Aufklärungsgespräch war sehr intensiv. Es war zu spüren, dass die Ärztinnen und Ärzte großen Respekt vor der OP hatten“, erzählt Miriam F. „Wir wussten nicht, ob Wilma den Eingriff überleben würde.“ Das Risiko war groß, doch die Hoffnung überwog – und die neunstündige OP verlief schließlich erfolgreich. Wilma hatte ab sofort zwei funktionsfähige Herzkammern. „Nach allem, was Wilma durchgemacht hatte, glich das einem Wunder!“, sagt die 29-Jährige. Hinaus ins Leben Wilma erkundet mit neugierigen Schritten die Ronald-McDonald-Oase in der Kinder- und Jugendklinik. Bobbycar, Laufrad, Hängeschaukel, Bauklötze – alles wird freudig ausgetestet. Als sie die Puppensammlung entdeckt, ist ihr Strahlen nicht zu stoppen. Sie nimmt zwei Püppchen in die Hände, eines auf den Arm – gerade so viel, wie ihr kleiner Körper tragen kann. „Sie ist ganz vernarrt in Puppen“, erzählt Miriam F. und blickt liebevoll zu ihrer Tochter. Als Dr. Purbojo und Dr. Cuomo hinzustoßen, winkt Wilma den beiden Erwachsenen zu, die noch vor wenigen Monaten um ihr Leben gekämpft haben. Heute, fast ein Jahr nach der letzten Operation, Video: Wilmas Weg ins Leben www.gesundheit-erlangen.com geht Wilma in die Kita, tollt auf Spielplätzen he- rum und liebt es, zu tanzen. Trotz ihrer langen Reise mit zahlreichen Komplikationen konnte sich das Mädchen weitgehend gesund entwickeln. Bis ins Erwachsenenalter werden voraussichtlich zwei weitere chirurgische Eingriffe folgen, da die Lungenarterien-Prothese nicht mitwächst und zweimal durch eine jeweils größere ersetzt werden muss; doch abgesehen davon steht Wilma eine unbeschwerte Kindheit und Jugend bevor. „Ihr geht es heute so gut, weil wir die Hoffnung trotz aller Widrigkeiten nicht aufgegeben haben“, sagt Dr. Purbojo. Dr. Cuomo fügt hinzu: „Nicht alle Eltern hätten so viele Operationen mitgemacht. Ohne das Vertrauen der Eltern hätten wir diesen langen Weg für Wilma nicht gehen können.“ Für Miriam F. ist aktuell nur noch eine wichtige Frage offen: „Wird Wilma mit dem Herzschrittmacher Ski fahren können?“ – „Das sollte möglich sein“, sagt Dr. Purbojo mit einem Lächeln. Nur ein kleiner Teil von Wilmas Lebensrettern und Lebensretterinnen: Dr. Michela Cuomo, Dr. Ariawan Purbojo und Onise Chaduneli (r.) von der Sektion Kinderherzchirurgie. Viele weitere Ärztinnen und Ärzte sowie Pflegefachpersonen haben Wilma in ihren ersten zwei Lebensjahren begleitet.
12 |Titel Die unsichtbare Gefahr AORTENANEURYSMA Alexander B. kam mit einem Herzfehler zur Welt. Im Sommer 2025 schwebte der 44-Jährige plötzlich in Lebensgefahr – doch nicht etwa aufgrund seines angeborenen Herzleidens, sondern wegen einer riesigen Aussackung der Hauptschlagader, die bei jeder noch so kleinen Erschütterung zu platzen drohte. VON MAGDALENA HÖGNER Ein Tag im August 2025. Es ist 18.00 Uhr. Alexander B. sitzt gemütlich auf dem Sofa. Plötzlich bekommt er Herzrasen. Panik. Kurz darauf Erleichterung: Es klingt wieder ab. Um 21.00 Uhr schlägt sein Herz erneut ungewöhnlich schnell. Ein weiteres Mal um Mitternacht. „Da habe ich den Notruf gewählt“, erzählt der 44-Jährige. In der Notaufnahme des Uniklinikums Erlangen angekommen, sind sich die behandelnden Ärztinnen und Ärzte sofort sicher, dass es ernst ist. Die Computertomografie bestätigt kurze Zeit später den Verdacht: In Alexander B.s Aorta hat sich unbemerkt ein riesiges Aneurysma – eine Gefäßaussackung – gebildet. Statt der normalen zwei bis drei misst seine Hauptschlagader nun neun Zentimeter im Durchmesser. Schnell ist klar, dass der 44-Jährige operiert werden muss – und zwar zeitnah. Denn das vergrößerte Blutgefäß ist eine tickende Zeitbombe: Käme es zu einer Ruptur, würde Alexander B. verbluten – jede Hilfe käme zu spät. Bis zum OP-Termin gilt daher: kein Fahrradfahren, keine Treppen steigen, Homeoffice statt Büro. Der Patient soll jede vermeidbare Anstrengung, die zu einer Verletzung der Aorta führen könnte, umgehen. „Das Gefühl, dass es jeden Moment vorbei sein könnte, war für meine Familie und mich sehr belastend,“ blickt er zurück. „Das Aneurysma und das Risiko, dass es platzen könnte, hingen über uns wie ein Damoklesschwert.“ Ein Herz wie Schwarzenegger Alexander B. wusste zu diesem Zeitpunkt bereits, was es bedeutet, sich einer anspruchsvollen OP zu unterziehen. Denn schon im Alter von 26 Jahren hatte er zwei große chirurgische Eingriffe am Herzen hinter sich. Auch damals blieb seine Erkrankung lange unentdeckt. „Ich hatte schon immer das Gefühl, dass etwas mit meinem Körper nicht stimmt“, erzählt er. Dennoch seien seine Kindheit und Jugend, so sagt er heute, „ganz normal“ verlaufen. Auffällig war nur, dass er jegliche Art von körperlicher Aktivität mied. Erst bei der Musterung für den Wehrdienst stellte ein Arzt den Grund für Alexander B.s Unlust an sportlicher Betätigung fest: Die Herzklappe zwischen seiner linken Herzkammer und der Aorta hatte nur zwei statt drei Taschen. Dadurch war sie durchlässig und das Herz des damals 18-Jährigen weniger belastbar. „So eine biskupide Aortenklappe ist einer der häufigsten angeborenen Herzfehler. Rund ein bis zwei Prozent der Menschen kommen damit zur Welt – auch Arnold Schwarzenegger“, ordnet Prof. Dr. Francesco Pollari, Oberarzt der Herzchirurgischen Klinik des Uniklinikums Erlangen, ein. „Im Gegen-
| 13 Titel Das Gefühl, dass es jeden Moment vorbei sein könnte, war für meine Familie und mich sehr belastend. Alexander B. Die Erfahrungen des vergangenen Jahres haben Alexander B. geprägt. Heute blickt er mit mehr Gelassenheit und in großer Dankbarkeit auf das Leben. satz zu anderen angeborenen Herzleiden muss dieses nicht sofort nach der Geburt versorgt werden. Oft erfolgt die Korrektur erst im Erwachsenenalter, sobald Symptome einer Herzinsuffizienz auftreten, etwa belastungsabhängige Atemnot, plötzliche Ohnmachtsanfälle oder Ödeme an den Beinen.“ Augen zu und durch So war es schließlich auch bei Alexander B. Als er 25 Jahre alt war, bekam er am Uniklinikum Erlangen im Rahmen einer mehrstündigen Operation eine neue Aortenklappe. Dabei wurde die defekte Klappe durch seine eigene gesunde Klappe der Lungenschlagader ersetzt, statt durch eine künstliche Prothese, wie sonst eher üblich. An deren Stelle wurde wiederum ein Implantat aus biologischem Gewebe gesetzt. Ein Jahr nach dem ersten Eingriff musste der Patient dann wegen einer Stenose, einer krankhaften Verengung eines Blutgefäßes, erneut operiert werden. Aus Angst davor, dass ein weiterer Eingriff notwendig werden könnte, versuchte er von da an, seinen Herzfehler einfach zu vergessen. Er wollte nicht darüber reden, nicht daran erinnert werden, ignorierte Symptome und verzichtete auf Kontrolltermine in einer kardiologischen Praxis. „Keiner möchte sich krank und verletzlich fühlen“, erklärt Alexander B. Erst, als sein erstes Kind zur Welt kam, wollte er seine Augen nicht mehr verschließen. „Ich hatte nicht mehr nur für mich selbst Verantwortung“, sagt er rückblickend. Dennoch: Der erste Besuch beim Kardiologen – nach vielen Jahren – fiel ihm schwer. „Ich habe natürlich erst mal eine klare Ansage bekommen – zurecht!“, erzählt der 44-Jährige. „Heute weiß ich, dass ich großes Glück hatte, dass in der Zwischenzeit keine Komplikationen aufgetreten waren. Und wer weiß, ob ich im vergangenen Sommer den Notruf gewählt hätte, wenn ich mich damals nicht meiner Angst gestellt hätte.“ →
14 | Titel Biologisch oder mechanisch? Muss eine Herzklappe ersetzt werden, stehen in der Regel zwei Arten von Prothesen zur Verfügung: biologische und mechanische. Biologische Implantate bestehen aus tierischem Gewebe, mechanische aus synthetischen Materialien wie Carbon oder Titan. Während sich biologische Implantate im Lauf der Zeit abnutzen und meist nach einigen Jahren erneut ersetzt werden müssen, sind mechanische Herzklappen in der Regel lebenslang haltbar. Der Nachteil: Am synthetischen Material kann Blut leichter gerinnen, wodurch das Risiko für eine Thrombose erhöht ist. Daher ist die Einnahme von blutverdünnenden Medikamenten erforderlich. Die Wahl der Herzklappe erfolgt immer individuell – abgestimmt auf Alter, Lebensstil, Begleiterkrankungen und persönliche Wünsche. Kleine Prothesen, große Wirkung: Biologische Herzklappenprothesen (rechts) aus Schweine- oder Rindergewebe und mechanische Klappen (links) aus Carbon oder Titan übernehmen lebenswichtige Aufgaben, wenn die eigene Herzklappe versagt. Fortsetzung von S. 13 Von Risiko zu Risiko Angesichts der Größe des Aneurysmas war diesmal, im August 2025, eine operative Entfernung nicht zu diskutieren. Zugleich barg die Operation selbst aber auch ein sehr hohes Risiko. Der Grund: Die Aussackung war nicht nur sehr groß, sondern lag auch sehr nah an der Brustwand. „Es bestand die Gefahr, dass das Aneurysma direkt bei der Öffnung des Thorax reißt – noch bevor wir überhaupt damit beginnen können, es zu entfernen“, erklärt Francesco Pollari. Er war neben Prof. Dr. Robert Cesnjevar, Direktor der Herzchirurgie, Dr. Timo Seitz und Melika Hajymiri Teil des chirurgischen Teams. „Wir haben deshalb besondere Vorsichtsmaßnahmen getroffen“, sagt Prof. Pollari. So wurde das Herz von Alexander B. bereits vor dem ersten Schnitt über die Leistengefäße an die Herz-Lungen-Maschine angeschlossen. Ebenso senkten die Ärzte seine Körpertemperatur. „Beides sollte den Blutfluss mindern und dadurch das Risiko für eine lebensgefährliche Blutung reduzieren“, erläutert der Herzchirurg. Alexander B. wusste, dass die Operation unausweichlich war. Aber zugleich wuchs seine Angst, je näher der Eingriff rückte. Wird er wieder aufwachen? Was ist, wenn er danach ein Pflegefall ist? Die Aufklärungsgespräche mit den Operateuren und den Ärztinnen und Ärzten der Anästhesiologischen Klinik gaben ihm schließlich ein sicheres Gefühl. „Es hat mich sehr beruhigt, vorab alle kennenzulernen. Das Vertrauen war da“, sagt er. „Ich war froh, als es endlich losging.“ Die Ärzte, die mich hier behandelt haben, wussten, was sie tun. Ich war in sehr guten Händen. Alexander B.
| 15 Titel Im Durchmesser verdreifacht: Prof. Dr. Francesco Pollari zeigt im CT-Schnittbild auf die vergrößerte Aorta. Herzchirurgische Klinik Telefon: 09131 85-33319 E-Mail: herz-sekretariat@uk-erlangen.de Der große Tag Am Tag des Eingriffs stand das Operationsteam unter Leitung von Prof. Cesnjevar ab 9.00 Uhr im OP-Saal und kämpfte um das Leben des Familienvaters. Die Öffnung des Thorax verlief ohne Komplikationen. Anschließend befreiten die Operateure das Herz von Vernarbungen und Verwachsungen, die von den zwei vorherigen Eingriffen zurückgeblieben waren. An der Stelle des Aneurysmas wurde ein klappentragender Conduit eingesetzt, eine Gefäßprothese mit eingenähter mechanischer Herzklappe. Auch die biologische Herzklappe an der Lungenschlagader zeigte nach fast 20 Jahren „Gebrauchsspuren“ – die Ärzte ersetzten also auch sie durch eine neue biologische Prothese. Um 16.00 Uhr war es endlich geschafft. Alexander B. kam nach der Narkose gerade wieder zu Bewusstsein, als eine Nachblutung an einer Naht festgestellt wurde. „Auch bei höchster Vorsicht lässt sich so etwas bei hochkomplexen Eingriffen leider nicht ausschließen“, erklärt Prof. Pollari. Der Patient musste notoperiert werden. „Ich bin kurz aufgewacht – und schon ging es weiter. Ich hatte gar keine Zeit, Angst zu haben“, erinnert er sich. Als er das nächste Mal aufwachte, war er verunsichert. War nun wirklich alles gut? Dann die Erlösung: Die behandelnden Ärzte bejahten. Als Alexander B. wieder bei vollem Bewusstsein war, griff er zum Smartphone und rief seine Frau an. „Das war sehr emotional“, erzählt er. Wenige Wochen später wurde er schließlich entlassen. Es folgte eine dreiwöchige Reha. Am 23. Dezember konnte der Patient – pünktlich zu Weihnachten – endlich nach Hause. Ein Geschenk fürs Leben Heute – mehrere Monate nach der Operation – kann Alexander B. sagen: „Mir gehts super!“ Blutverdünnende Medikamente begleiten ihn ab sofort täglich, und in einigen Jahren könnte ein weiterer Eingriff an der biologischen Lungenschlagaderklappe notwendig werden. Bis dahin jedoch kann er ein weitgehend normales, gesundes Leben führen. „Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie viel Glück ich hatte. Ich weiß mein Leben jetzt noch mehr zu schätzen“, bekräftigt der 44-Jährige und lächelt. Auch bei Prof. Pollari wird der Eingriff in Erinnerung bleiben: „Die Entfernung des Aneurysmas war hochriskant. Hinzu kam der angeborene Herzfehler und dadurch eine besondere Anatomie. Aber Prof. Cesnjevar verfügt über viel Erfahrung“, erklärt er. „Er war der richtige Mann für diese Operation.“ Video: Aortenaneurysma: Riskante OP mit Happy End www.gesundheit-erlangen.com Expertise für die Aorta Erkrankungen der Hauptschlagader werden am Uniklinikum Erlangen interdisziplinär im Aortenboard besprochen. Daran beteiligt sind Spezialistinnen und Spezialisten der Herzchirurgischen Klinik und der Gefäßchirurgischen Abteilung sowie des Radiologischen Instituts.
16 | Titel „Der Anruf kam um 3.00 Uhr nachts“, erzählt Jakobs Mutter Miriam K. „Vom Ronald-McDonald-Haus, in dem wir untergebracht waren, liefen wir sofort rüber zur Klinik. Die Gefühle in dieser Nacht lassen sich kaum beschreiben: Freude, Angst, Erleichterung – und tiefe Dankbarkeit gegenüber der Spenderfamilie, die in ihrem größten Schmerz den Mut hatte, Leben zu schenken.“ Auf der kinderkardiologischen Station, auf der Jakob schläft, auf der er 16 Monate seines Lebens verbracht hat, setzen sich Miriam K. und ihr Mann Matthäus K. zu den Pflegefachfrauen im Nachtdienst. Schlafen können die Eltern nicht mehr. Um 6.00 Uhr wecken sie ihren Sohn, erklären ihm, dass ein Herz für ihn gefunden wurde. „Dann wollte Jakob unbedingt Saya Aziz anrufen und ihr selbst sagen, dass es ein Herz gibt. Sie hat uns von Anfang an begleitet. Um 7.00 Uhr hat er ihr gesagt: ‚Heute kommt der Akku weg. Es gibt ein Angebot.‘ Sie war da gerade übers Wochenende am Tegernsee und hat sich sofort ins Auto gesetzt.“ Kurz darauf wird die Information von der Herzchirurgischen Klinik bestätigt: In wenigen Stunden wird Jakob transplantiert. Ins Herz geschlossen HERZTRANSPLANTATION Mit nur anderthalb Jahren musste Jakob ein Kunstherz implantiert werden – seine einzige Chance, zu überleben. Doch langfristig brauchte der schwer herzkranke Junge ein Spenderorgan. Seine Wartezeit brach europaweit Rekorde. Was ihm half, sie zu überstehen. VON FRANZISKA MÄNNEL Rückblick: Jakob kam 2019 scheinbar gesund zur Welt. Doch mit fünf Monaten bekam der Säugling einen merkwürdigen Husten. Der Kinderarzt schickte die Eltern ins Krankenhaus nach Nürnberg, wo am nächsten Tag Röntgen- und Ultraschalluntersuchungen gemacht wurden. Miriam K. erinnert sich: „Kurz darauf wurde er auf die Intensivstation verlegt. Ohne große Vorwarnung änHeute kann sich Jakob (r.) genau so frei bewegen wie sein Bruder Paul. „Er würde am liebsten ständig in einen Freizeitpark, Karussell und Sommerrodelbahn fahren, baden und planschen. Auch wir als Eltern können jetzt etwas loslassen“, sagt seine Mutter.
| 17 Titel derte sich unser Leben schlagartig: Jakob war schwer herzkrank.“ Die linksventrikuläre NonCompaction-Kardiomyopathie, die man bei ihm feststellte, ist eine seltene, genetisch bedingte Herzmuskelerkrankung. „Bei solchen Kindern kann sich die Pumpfunktion innerhalb weniger Wochen dramatisch verschlechtern“, erklärt Prof. Dr. Sven Dittrich, Leiter der Kinderkardiologischen Abteilung des Uniklinikums Erlangen. Das interdisziplinäre Team des Kinderherzzentrums tat alles, um Jakob zu helfen: Medikamente, engmaschige Kontrollen und schließlich ein erster chirurgischer Eingriff, der Jakobs Herz im Januar 2020 kurzfristig stabilisieren sollte. Zeitgleich begann die Coronapandemie. Zutrittsbeschränkungen in Kliniken, schwere Krankheitsverläufe, Angst, dass sich vulnerable Patientinnen und Patienten wie Jakob mit dem Virus anstecken. Und während auf der ganzen Welt Chaos ausbrach, verschlechterte sich auch Jakobs Zustand zusehends. Er trank weniger, wollte immer öfter getragen werden, konnte irgendwann nicht mal mehr die Treppe hochkrabbeln. 24. November 2020: Um weiterleben zu können, muss das Kind an ein Kunstherzsystem angeschlossen werden – eine mechanische Blutpumpe außerhalb des Körpers, die über Kanülen mit dem Herzen und den Blutgefäßen des Jungen verbunden ist. Zu diesem Zeitpunkt weiß niemand: Es ist Tag 1 von 1.650 Tagen an diesem Gerät. Es folgen viereinhalb Jahre voller Hoffen und Warten. Ein Zeitraum, der in ganz Europa seinesgleichen sucht. Mit Kunstherz aufs Lastenrad Als Miriam und Matthäus K. im Mai 2021 ihren Sohn Paul bekommen, lernt er seinen Bruder Jakob am Kunstherz kennen – am „Berlin Heart“. „Das System war immer nur als Überbrückung bis zur → Jakob war immer so ein tapferer kleiner Kämpfer, den wir alle ins Herz geschlossen haben. Dr. med. univ. Saya Aziz 2021 machten Prof. Dr. Robert Cesnjevar (l.), Prof. Dr. Sven Dittrich (3. v. l.) und Prof. Dr. Christian Heim (2. v. l.) auf Kinder wie Jakob aufmerksam und sammelten mit der Aktion „Ich lauf um dein Leben“ Spenden für junge Patientinnen und Patienten.
18 |Titel Fortsetzung von S. 17 Herztransplantation gedacht“, betont Prof. Dr. Robert Cesnjevar, aktueller Direktor der Herzchirurgischen Klinik. „Als Dr. Purbojo und ich Jakob das Kunstherz Ende 2020 einsetzten, hätte ich nie gedacht, dass er damit so lange würde leben müssen. Risiken waren nie ganz auszuschließen – zum Beispiel lebensgefährliche Blutungen oder GerinnKinderherzzentrum: alle für einen Jakobs Weg steht beispielhaft für die enge Zusammenarbeit von Herz- und Kinderherzchirurgie, Kinderkardiologie, Transplantationsmedizin, Perfusiologie, Anästhesie, Intensivmedizin, Pflege sowie psychologischer und pädagogischer Begleitung. Das Uniklinikum Erlangen ist eines von nur wenigen Zentren in Deutschland, die Herztransplantationen nicht nur bei Erwachsenen, sondern auch bereits bei Kleinkindern durchführen. sel.“ Bis dato war es immer so gewesen, dass Kinder mit Herzunterstützungssystem in der Klinik bleiben mussten. Die Antriebseinheiten waren groß, schwer und technisch anspruchsvoll. Ein Leben abseits des medizinischen Sicherheitsnetzes schien viel zu riskant. Doch das Uniklinikum Erlangen ging einen neuen, weltweit einmaligen Weg: Ein kleineres Modell des Berlin Hearts – rund 15 Kilogramm schwer, mit rollbarer Antriebseinheit – ermöglichte es den jungen Patientinnen und Patienten erstmals, mobil zu sein und auch daheim betreut zu werden. „Wir mussten dafür sorgen, dass alle organisatorischen, technischen, medizinischen und rechtlichen Voraussetzungen erfüllt waren, um Kunstherzkinder wie Jakob sicher nach Hause zu entlassen. Insbesondere das Engagement unserer Kinderkardiologie und Perfusiologie war hier ganz entscheidend“, erklärt Prof. Cesnjevar. Das Erlanger Team entwickelte ein einmaliges Versorgungskonzept, das den Betroffenen ein Stück ihrer Kindheit zurückgab. Wochenlang wurLinks: In etwa so schwer wie sein eigenes mobiles Kunstherzsystem: Jakob 2021 auf dem Flur der Kinderklinik. Rechts: Weil Jakob Feuerwehrautos liebt, bekam er eines auf seinen Kunstherzverband.
| 19 Titel Unser Sohn durfte auf der Station nicht nur Patient sein, sondern Kind. Miriam K. den die Eltern intensiv geschult, ein telemedizinisches System aufgebaut und Notfallpläne entwickelt. „Wir haben versucht, Jakob trotzdem Spielplatzbesuche und Gokart-Fahrten zu ermöglichen“, berichtet Miriam K. „Die kinderherzen Stiftung Erlangen hat uns ein E-Lastenrad finanziert. Das wurde so umgebaut, dass wir Jakob und das Kunstherz damit transportieren konnten. Trotzdem war es herausfordernd: Ich musste aufpassen, dass Paul nicht versehentlich irgendein Kabel aus dem Kunstherz seines Bruders zieht. Jakob brauchte viele Medikamente, tägliche Blutgerinnungskontrollen, regelmäßige Verbandswechsel. Und jede Infektion bedeutete einen längeren Klinikaufenthalt. Durch das Kunstherz war Jakob auch nie so beweglich wie andere Kinder. Bei Motorik und Gleichgewicht hinkt er deshalb noch immer hinterher. Dafür ist er kognitiv sehr weit.“ Jakob war das zweite Kind weltweit, das mit einem Berlin Heart nach Hause durfte. Seine Mutter erinnert sich: „Ab Januar 2021 stand er auf der Warteliste für ein Spenderherz. In den folgenden Jahren gab es immer wieder Komplikationen, KrankenhausDr. med. univ. Saya Aziz hat über die Jahre eine besonders enge Beziehung zu Jakob aufgebaut. „Wir haben es vor allem ihr zu verdanken, dass er heute keine Angst vor Blutabnahmen und Krankenhäusern im Allgemeinen hat“, sagt Jakobs Mutter (r.). aufenthalte und Rückschläge. Und doch blieb da immer diese Hoffnung – dass irgendwann der erlösende Anruf kommt.“ Die Transplantation Ende Mai 2025 fährt Herzchirurg Dr. Markus Kondruweit mit einem dreiköpfigen Entnahmeteam los, um endlich das rettende Organ für Jakob abzuholen. Nachdem die Ärzte es dem spendenden Kind entnommen haben, läuft die Zeit: Ab jetzt ist das Herz nicht mehr durchblutet – ein Zustand, der nicht länger als vier Stunden anhalten darf. →
20 | Titel Fortsetzung von S. 19 Gekühlt und in einer speziellen Lösung konserviert – freischwebend, sodass sie keine Druckstellen bekommt –, bringt das herzchirurgische Team die kostbare Fracht nach Erlangen. „Das gesamte OPErgebnis hängt maßgeblich davon ab, in welcher Qualität das Herz entnommen, wie gut es konserviert und transportiert wird“, unterstreicht Robert Cesnjevar. „Damit alles perfekt läuft, benötigt es sehr viel Erfahrung. Dr. Kondruweit macht das seit über 20 Jahren und leistet da hervorragende Arbeit.“ Die Transplantation beginnt um 12.00 Uhr. Auch Saya Aziz hat es rechtzeitig geschafft. „Das Kunstherz zu entfernen, ist der schwierigste Part. Die eigentliche Organtransplantation ist nicht das Anspruchsvollste“, erklärt Prof. Cesnjevar. Das OPTeam, bestehend aus Kinderherz- und Herzchirurgie, Anästhesie, OP-Pflege und Perfusiologie, arbeitet hochkonzentriert. „Der Moment, wenn dann der leere Brustkorb vor einem liegt, ist immer sehr emotional“, weiß Robert Cesnjevar aus all den Eingriffen, die er selbst durchgeführt hat. „Dr. Kondruweit, einer unserer hiesigen Transplantationsexperten, hat das an diesem Tag mit seinem OP-Team einfach toll gemacht“, sagt er. Saya Aziz beobachtet alles aus nächster Nähe. Sie erinnert sich: „Anfangs war ich sehr angespannt. Der ganze Saal war still. Alle warteten auf den ersten eigenen Schlag des neuen Herzens. Dann kam er – und hat den ganzen Raum erfüllt.“ Die OP endet um 18.15 Uhr. Erfolgreich. Jakobs neues Herz schlägt und wird fortan mit ihm mitwachsen. Vier Wochen nach der Transplantation darf der Junge die Klinik verlassen. Doch zuvor gibt es noch eine Abschiedsparty mit allen, die seinen Weg bis dahin begleitet haben. Aus tiefstem Herzen „Die Akutphase ist mittlerweile längst vorbei“, erklärt Prof. Cesnjevar acht Monate später. „Und auch wenn Jakob heute noch viele Medikamente nehmen muss, die unter anderem die Organabstoßung verhindern, hat er jetzt eine sehr gute Lebensqualität. Unsere Einbettung in das Transplantationszentrum Erlangen-Nürnberg hilft uns, eventuelle immunologische Probleme oder andere Komplikationen jederzeit schnell abzufangen.“ Miriam K. wird etwas nachdenklich: „Im Nachhinein weiß ich nicht, wie wir das alles durchgestanden haben.“ Was die Eltern aber wissen, ist, dass es Teamwork war; Medizin mit Herz und Empathie, die alles ausgeschöpft hat, was in der modernen Kinderherzmedizin heute möglich Der Moment, wenn der leere Brustkorb vor einem liegt, ist immer sehr emotional. Prof. Dr. Robert Cesnjevar Nach der Transplantation: Jakobs erster „Ausflug“ auf den Balkon der Kinderklinik, begleitet von seinen Eltern.
| 21 Titel ist. „Wir sind jetzt mit so vielen Ärztinnen, Ärzten und Pflegenden per Du – uns verbindet so eine lange Zeit“, fährt Jakobs Mutter fort. „Wir sind allen, die für uns da waren, so unendlich dankbar, auch dem Ronald-McDonald-Haus und der -Oase, unserem Zuhause auf Zeit, und allen voran meiner Mama – ohne sie als Oma hätten wir es nicht geschafft.“ An das gesamte Kinderherzteam schrieb die Familie zum Abschied: „Ihr wart in all der Zeit mehr als nur ein Teil von Jakobs Alltag. Ihr wart sein Zuhause. Seine Zuflucht. Seine Freunde. Seine Familie im Krankenhaus. Unser Sohn durfte auf der Station nicht nur Patient sein, sondern Kind – geFür sein Abschiedsfest in der Kinderklinik im Juni 2025 wünschte sich Jakob eine „Pizzaparty“. Eingeladen waren alle seine Weggefährtinnen und -gefährten, darunter Ärztinnen und Ärzte, Pflegteams aus dem OP, von der Normal- und Intensivstation, Erzieherinnen, Physiotherapeuten, Logopädinnen und Psychologen. liebt, umsorgt, ernst genommen, getröstet, beschenkt und zum Lachen gebracht. Ihr habt mit ihm gespielt, vorgelesen, gekuschelt, Quatsch gemacht, seine Wünsche erfüllt und ihm Geborgenheit gegeben. Ihr habt ihn mit Liebe, Wärme und Menschlichkeit durch schwere Zeiten getragen. Es ist schwer, in Worte zu fassen, wie viel uns das bedeutet. Ihr habt ihn stark gemacht – nicht nur körperlich, sondern auch im Herzen.“ Im März 2026 wird Jakob sieben Jahre alt. Seit nunmehr fast einem Jahr schlägt das Herz eines anderen Kindes in ihm weiter.
22 | Pflege mit Köpfchen AUSBILDUNG In der Neurochirurgie hat im Januar 2026 die erste Ausbildungsstation in den Kopfkliniken des Uniklinikums Erlangen eröffnet. Hier ist der Pflegenachwuchs ab Tag eins mittendrin statt nur dabei und trägt nach kurzer Zeit viel Verantwortung. Zwei Auszubildende berichten. VON FRANZISKA MÄNNEL „Wir starten Phase eins“, beginnt Verena Neubauer, Leiterin der Stabsstelle Ausbildungsmanagement und Personalentwicklung. „In dieser Einarbeitung sind wir ganz nah an dir dran und erklären viel“, sagt sie und legt einem Auszubildenden in der ersten Reihe des voll besetzten Besprechungsraums kurz ihre Hand auf die Schulter. „In Phase zwei, der Begleitung, vergrößern wir den Abstand zu dir. Du versorgst Patientinnen und Patienten jetzt schon weitgehend selbstständig.“ Sie macht ein paar Schritte zurück. „Trotzdem sind wir aber auch dann zur Sicherheit immer da.“ Jetzt entfernt sich Verena Neubauer mehrere Meter von dem Auszubildenden vor ihr. „Phase drei: die Übernahme. Du planst und organisierst alle Abläufe selbst, kümmerst dich um mehrere Patientinnen und Patienten und Grün, gelb oder rot – super, mittelmäßig oder gar nicht gut? Wie sie ihre Schicht fanden, dokumentieren angehende Pflegefachpersonen wie Michaela Schorr nicht nur ausführlich schriftlich, sondern auch per Smiley-Magnet im „Azubibüro“. Feature
| 23 Kommunikation kann man lernen Die Patientinnen und Patienten der Neurochirurgie weisen Erkrankungen oder Verletzungen an Gehirn, Rücken bzw. Rückenmark oder Nerven auf. Das reicht vom Bandscheibenvorfall über Schädel-Hirn-Traumata bis hin zu Hirnaneurysmen und -tumoren. Sie haben Operationen am Kopf oder an der Wirbelsäule vor oder hinter sich und sind deshalb häufig nervös. „Ein bösartiger Hirntumor, der entfernt werden muss, ist furchteinflößend. Es ist also unsere Aufgabe, diesen Menschen zuzuhören und sie bestmöglich zu begleiten“, erklärt Olga Oliger. „Es gibt verschiedene Typen: Die einen werden vor ihrer OP ganz still, in sich → Feature Generalistik und Ausbildungsstart Die generalistische Pflegeausbildung bündelt seit 2020 die früheren Ausbildungen in der Altenpflege, Gesundheits- und Krankenpflege sowie Gesundheits- und Kinderkrankenpflege. Am Uniklinikum Erlangen und am Staatlichen Beruflichen Schulzentrum für Gesundheitsberufe Erlangen kann die Ausbildung jeweils im April und im September begonnen werden. übernimmst die Kommunikation mit anderen Berufsgruppen.“ Das, was Verena Neubauer hier für die Zuhörenden visuell darstellt, ist das Lehrkonzept der neuen Ausbildungsstation der Neurochirurgischen Klinik des Uniklinikums Erlangen, die in diesem Moment offiziell eröffnet ist. Hier, auf Station 22, werden die Pflegefachfrauen und -männer von morgen ausgebildet – die zukünftigen Mitarbeitenden des Uniklinikums Erlangen. Intensives Lernerlebnis „Das ist eine der schönsten Stationen, auf denen ich bisher gearbeitet habe“, sagt Michaela Schorr einige Tage später. Sie ist im dritten Ausbildungsjahr der generalistischen Pflegeausbildung und wird auf Station 22 gerade eingearbeitet. In ein paar Wochen wird sie hier ihre praktische Examensprüfung ablegen. „Hier wird sich richtig Zeit für uns genommen. Wir dürfen alles sehen und auch alles selbst machen: den Patienten und seine Vitalwerte im Blick behalten, Verbände wechseln, Wunden dokumentieren, Flüssigkeitshaushalt und Urinmengen überprüfen“, sagt Michaela Schorr. Stationsleitung Olga Oliger stimmt zu und erklärt: „Ja, das Urometer ist bei uns zum Beispiel total wichtig. Damit kontrollieren wir, wann wie viel Urin ausgeschieden wird. In der Neurochiurgie ist das sehr relevant, besonders bei Operationen an der Hirnanhangsdrüse, weil danach – wegen hormoneller Veränderungen – der Wasserhaushalt gestört sein kann. Deswegen müssen unsere Auszubildenden besonders wachsam sein, wenn jemand plötzlich extremen Durst bekommt – oder auf einmal gar nichts mehr trinken will.“ Michaela Schorr und die anderen Nachwuchskräfte werden von Olga Oliger und anderen pädagogisch geschulten Pflegefachpersonen – den Praxisanleiterinnen und -anleitern – betreut; aber auch das restliche Team unterstützt sie. „Mein Herz brennt für die Ausbildung – das war schon immer so“, sagt die Stationsleitung voller Euphorie. Bis zu acht Nachwuchskräfte sind auf ihrer „AUSI“ parallel im Einsatz – vom ersten bis zum dritten Ausbildungsjahr. Das hat den Vorteil, dass die Auszubildenden auch füreinander Mentorinnen und Mentoren sein können: Sie geben ihr Wissen an andere weiter, festigen so ihre eigenen Kenntnisse und lernen zu delegieren. Im „Azubibüro“ können Auszubildende wie Kamil Mackowiak Fachwissen nachschlagen, Arbeits- und Lernaufgaben bearbeiten und ihre Reflexionsbögen ausfüllen. Hier ist auch Platz, um sich für lernbegleitende Gespräche zurückzuziehen.
24 | Fortsetzung von S. 23 gekehrt oder ängstlich. Die anderen sind eher aufgedreht, euphorisch und erzählen ganz viel, weil sie damit Anspannung abbauen“, weiß die erfahrene Pflegefachfrau. „Ich habe gestern eine Frau von der zweiten Sorte in den OP gebracht“, hakt die Auszubildende Michaela Schorr ein. „Sie hat mir ihre Gedanken und Sorgen mitgeteilt – zur Operation, aber auch zur Chemotherapie. Ich bin darauf eingegangen und habe mein Wissen mit ihr geteilt.“ Auch Kamil Mackowiak, ebenfalls im dritten Ausbildungsjahr, hat die unterschiedlichen Patientencharaktere schon erlebt. „Jeder ist anders und ich versuche, die persönlichen Bedürfnisse zu erkennen“, sagt er. „Ich habe festgestellt, dass es in angespannten Situationen hilft, wenn ich selbst Ruhe bewahre – dann bleibt auch die Patientin oder der Patient ruhig.“ Olga Oliger ordnet ein: „Trotzdem kann es ja aber sein, dass dich den Tag über etwas beschäftigt, vielleicht sogar frustriert. Deshalb ist es wichtig, damit zu uns zu kommen und das zu reflektieren.“ Die Auszubildenden und alle übrigen Mitarbeitenden sind angehalten, sich so mitzuteilen, dass es anderen damit gut geht, aber auch ihnen selbst. Michaela Schorr ergänzt: „Für mich gehört dazu auch, Verantwortung zu übernehmen, wenn ich das Gefühl habe, eine Patientin allein mit meinen pflegerischen Mitteln nicht mehr adäquat versorgen zu können. Dann muss ich eine Ärztin oder einen Arzt hinzuziehen.“ Eine gemeinsame Sprache finden Genau diese Kooperation über Berufsgruppen hinweg wird auf der Ausbildungsstation gefördert. Prof. Dr. Oliver Schnell, Direktor der Neurochirurgie, telefonierte wegen des Themas bereits 2022 mit Manuela Haß, Pflegedienstleitung der Kopfkliniken – noch bevor er überhaupt nach Erlangen kam. „Mir gefielen die Ideen der Pflege sofort, weil ich das Konzept der Ausbildungsstation schon aus Freiburg kannte und wusste, welches riesige Potenzial das hat. Langfristig soll es auch am Uniklinikum Erlangen hin zu einem interprofessionellen, also berufsgruppenübergreifenden Ansatz gehen: Pflegeauszubildende und Medizinstudierende lernen von Anfang an gemeinsam und finden eine gemeinsame Sprache. Das wünscht sich der medizinische Nachwuchs, und den wollen wir gewinnen“, so der Neurochirurg. Manuela Haß ist zufrieden: „Dieser Support ist großartig und motivierend! Wir freuen uns unheimlich, dass auch so viele Ärztinnen und Ärzte das Projekt mittragen und unterstützen.“ Ganz genau beobachten Zurück auf der Ausbildungsstation: In der Neurochi- rurgie kommt es öfter vor, dass Patientinnen und Patienten wegen ihrer Grunderkrankungen oder infolge einer Hirn-OP desorientiert sind; dass sie nicht mehr genau wissen, wer sie sind oder wo sie sich befinden. Ihnen muss das Pflegeteam behutsam vermitteln, was auf Station passiert. „Ich gebe Ihnen jetzt Ihre Medikamente“, sagt Michaela Schorr nun zu einem solchen älteren Patienten im Rollstuhl und führt langsam eiWundkontrollen sind nur ein Teil der umfangreichen Pflegetätigkeiten. Dazu kommen Körperpflege, Lagern und Mobilisieren, Kontrolle von Vitalzeichen und neurologischen Reaktionen, Delir- und Thromboseprophylaxen, Vorbereitung von Visiten und Übergaben, Dokumentation u. a. Feature Nummer drei Die Ausbildungsstation der Neurochirurgie ist die dritte ihrer Art am Uniklinikum Erlangen. Auch in der Thoraxchirurgie und in der Nephrologie gibt es bereits eine.
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