Gesundheit erlangen - Frühling 2026

26 | Medizin Der Müde-Mythos Herr Prof. Kornhuber, während sich Krokusse und Narzissen nach oben ans Licht kämpfen, kommt bei manchen Menschen das große Gähnen. Aber: Gibt es die Frühjahrsmüdigkeit tatsächlich oder ist sie nur ein Mythos? Ich würde sagen: eher Letzteres. In einer erst 2025 erschienenen Studie hat man über 400 Teilnehmende gefragt, ob sie Frühjahrsmüdigkeit kennen. Fast die Hälfte hat das bejaht. Doch dann haben die Forschenden bei diesen Personen circa anderthalb Jahre lang alle sechs Wochen deren Müdigkeit, Tagesschläfrigkeit und Schlafqualität erfasst. Das Ergebnis: Es ließ sich objektiv keine saisonale Müdigkeit ermitteln. Also: Frühjahrsmüdigkeit existiert nicht. Nein, nicht real – nur als kulturelles Phänomen. In nördlichen Ländern scheint Frühjahrsmüdigkeit dabei öfter wahrgenommen zu werden als in südlicheren. Aber sie ist eben wissenschaftlich nicht belegt und auch kein Krankheitsbild. Bei der Depression hingegen sehen wir ja zum Beispiel einen saisonalen Zusammenhang: Wenn es im Herbst und Winter weniger Licht gibt und die Tage kürzer sind, können depressive Symptome nachweislich zunehmen. Auch das Schlafbedürfnis ist dann bei dieser Lichtmangel-Depression größer. Heißt das, Menschen, die angeben, „frühjahrsmüde“ zu sein, bilden sich das nur ein? Natürlich können sie im Frühling antriebslos und müde sein. Ich könnte mir vorstellen, dass zu dieser Zeit auch einfach viele Anforderungen auf einmal auf einen zukommen: Die Sonne scheint durchs Fenster und man sieht die dreckigen Scheiben – Zeit für den Frühjahrsputz! Dann muss das Fahrrad aus dem Keller geholt und fit gemacht werden, dann der Rasenmäher, SPRECHSTUNDE Viele Menschen fühlen sich im Frühjahr schlapp und schläfrig. Aber existiert die allseits bekannte Frühjahrsmüdigkeit wirklich? INTERVIEW VON FRANZISKA MÄNNEL Kurze Geschichte des Begriffs „Frühjahrsmüdigkeit“ Im deutschsprachigen Raum findet der Begriff 1906 eine der ersten belegbaren Erwähnungen in der Zeitung „Der oberschlesische Wanderer“. Hier wird die Frühjahrsmüdigkeit als „Umstellungsreaktion“ des Kreislaufs beschrieben: „Die Hauptgefäße unseres Körpers aber füllen sich während der eintretenden warmen Frühlingstage wieder auf Kosten des Gehirns stärker mit Blut, der Sauerstoffverbrauch wird ein größerer und eine Erschlaffung resp. Müdigkeit der übrigen nicht davon profitierenden Organe, ja des ganzen Körpers ist die unausbleibliche Folge. Wir müssen daher zur Lenzeszeit […] dafür Sorge tragen, daß der ganz besondere Saft […] durch geeignete leichte Kost und leichte Getränke hübsch dünnflüssig erhalten bleibt. Vermeiden wir also jetzt schwere Fleischgerichte, fette Saucen und erregende Getränke und halten wir uns dafür an Mehlspeisen, grüne Gemüse, Kompotts und harmlose Limonaden.“ In den 1920er-Jahren wird der Ausdruck eher in Richtung einer Erschöpfung und psychischen Ermattung nach krisenhaften Jahren umgedeutet. Schließlich kehrt man in der Nachkriegszeit der 1950er- und 60er-Jahre zurück zu physiologischen Erklärungen, wonach die saisonale Schlappheit mit richtiger Ernährung, Bewegung und adäquater Vitaminversorgung eingedämmt werden könne. Seitdem ist die Frühjahrsmüdigkeit ein jährlich wiederkehrendes Phänomen, das allerdings eher kultureller als medizinischer Natur ist. Als Direktor der Psychiatrischen und Psychotherapeutischen Klinik des Uniklinikums Erlangen sind Prof. Dr. Johannes Kornhuber schon viele Patientinnen und Patienten begegnet, die sich müde und antriebslos fühlten – oft infolge von Schlafstörungen oder einer damit zusammenhängenden psychischen Erkrankung.

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