| 27 Medizin Wenn es ein Wort für eine Sache gibt, schreibt man ihr auch eher Dinge zu. Prof. Dr. Johannes Kornhuber und schon geht es an die Gartenarbeit. Vielleicht ist das für manche Menschen zu viel auf einmal. Aber noch mal: Es gibt keinen messbaren Zusammenhang zwischen der Jahreszeit Frühling und einer gesteigerten Müdigkeit. Die Betroffenen können genauso gut im Sommer oder im Herbst schlapp sein. „Sommermüde“ fühlt sich ja selten jemand. Genau, weil es dafür aber auch kein Wort gibt. Wir kennen den Ausdruck „Frühjahrsmüdigkeit“, im Englischen: spring fatigue. Es ist etwas, das in der Gesellschaft bekannt ist und das man bei bestimmten Empfindungen dann auch sich selbst eher zuschreibt – das man regelrecht erwartet. Man könnte sagen, es ist eine Art Wahrnehmungsverzerrung. Das Wort Frühjahrsmüdigkeit taucht in geschriebener Form erstmals Anfang des 20. Jahrhunderts auf, dann wieder vermehrt ab 1920, und zur Zeit des Zweiten Weltkriegs erreicht seine Verwendung in Druckerzeugnissen einen Höhepunkt. Hier kann man mutmaßen, dass die Menschen aufgrund eines temporären Nahrungs- und Vitaminmangels im Winter dann im Frühling tatsächlich abgeschlagener waren und dass sich dadurch der neue Begriff festigte. Welche Rolle spielt denn die Zeitverschiebung? Dieses Jahr verlieren wir zum Beispiel am 29. März wieder eine Stunde Schlaf an die Sommerzeit. Diese Umstellung ist wirklich körperlich spürbar – und nachweisbar ungesund! Durch die Zeitumstellung verkürzt sich die Schlafdauer. Infolgedessen treten mehr Verkehrsunfälle und mehr Schlafstörungen auf, die psychische Gesundheit leidet und es gibt häufiger Herz-Kreislauf-Probleme. Die Zeitumstellung ist also schon ein Faktor, aber bestimmt nicht der alleinige Grund für die im Frühling wahrgenommene Müdigkeit. Was raten Sie für den Schlaf im Frühling und Sommer? Auch wenn es länger hell ist, sollte man seinen Schlaf priorisieren und ihn nicht immer weiter nach hinten verschieben. Also lieber das Schlafzimmer abdunkeln, um auf seine sechs bis acht Stunden Schlaf zu kommen. Man kann Schlaf leider wie alles andere Wichtige auch – Sport, Gesundheitsvorsorge, Beziehungspflege – aufschieben. Tun sollten wir das allerdings nicht. Was sind generell häufige Gründe dafür, dass wir uns tagsüber müde fühlen – ganz unabhängig vom Frühjahr? Müdigkeit ist natürlich etwas sehr Unspezifisches. Gründe können unter anderem sein: eine schlechte Schlafqualität – dazu zählen auch nächtliche Atemaussetzer, also die Schlafapnoe; Medikamente, zu wenig Licht, Depressionen, eine Eisenmangelanämie (s. S. 28), Probleme mit der Schilddrüse oder dem Blutdruck, aber auch andere Ursachen. Was raten Sie bei Dauermüdigkeit? Wer vier Wochen oder länger auffällig müde ist, sollte das ärztlich abklären lassen – vor allem dann, wenn sich jemand im Alltag eingeschränkt fühlt, wenn es Konzentrationsstörungen gibt, einen sozialen Rückzug oder wenn die Person unfähig ist, Freude zu empfinden. Grundsätzlich rate ich, regelmäßig rauszugehen und sich dem Tageslicht auszusetzen. Abends sollte man dann aber auf „Festbeleuchtung“ verzichten und störende Lichtquellen aus dem Schlafzimmer verbannen.
RkJQdWJsaXNoZXIy ODIyMTAw