Gesundheit erlangen - Frühling 2026

| 39 Vielseitig einsetzbar Die tiefe Hirnstimulation wurde in den 1990er-Jahren erstmals bei einem Tremorpatienten erfolgreich durchgeführt. Inzwischen wird sie am Uniklinikum Erlangen u. a. zur Behandlung der Parkinson-Erkrankung, von essenziellem Tremor, Epilepsie, chronischen Schmerzsyndromen, Zwangsstörungen und dem Gilles-de-la-Tourette-Syndrom eingesetzt. Menschen Manchmal helfen Medikamente Leichte Formen des essenziellen Tremors können medikamentös, beispielsweise mit Betablockern, behandelt werden. Bei starker Ausprägung des Zitterns ist eine tiefe Hirnstimulation oft sinnvoll. Gerade bei Frauen wird der essenzielle Tremor im Frühstadium oft verkannt oder auf die Psyche geschoben und daher nicht oder nicht richtig behandelt. Dr. Franziska Schmidt Oft fühlte sie sich von den Ärztinnen und Ärzten nicht ernst genommen. Einer entgegnete ihr sogar: „Sie müssen halt damit leben.“ Doch das Leben mit dem Tremor wurde von Jahr zu Jahr schwieriger: Beim Einkaufen mussten Verkäuferinnen helfen, das Geld aus dem Portemonnaie zu nehmen. Ein Treffen mit Freundinnen im Café war undenkbar. „Ich hätte den Kaffee ja nur verschüttet!“, schildert die 71-Jährige. Aus Scham blieb sie immer öfter zu Hause. Als ihr schließlich auch das Autofahren verboten wurde, war sie beinahe von der Außenwelt abgeschnitten. Wie sollte sie von ihrem kleinen Heimatdorf aus zum Supermarkt kommen? „Ich konnte mein Leben nicht mehr meistern“, sagt Irene F. heute. Die Alleinstehende war auf die Unterstützung von Verwandten, Freundinnen und Nachbarn angewiesen. Ein Lichtblick im Dunkeln „Gerade bei Frauen wird die Erkrankung im Frühstadium oft verkannt oder auf die Psyche geschoben und daher nicht oder nicht richtig behandelt“, ordnet Dr. Schmidt ein. Nach mehr als dreißig Jahren hatte sich Irene F. beinahe mit ihrer Bewegungsstörung abgefunden. Doch als sie 2022 aufgrund eines anderen gesundheitlichen Problems in die Kreisklinik Roth kam, überwiesen die dortigen Ärztinnen und Ärzte sie zur Behandlung des Tremors an die Bewegungsambulanz der Molekular-Neurologischen Abteilung des Uniklinikums Erlangen. „Dort wurde mir das erste Mal wirklich geholfen!“, erinnert sich die 71-Jährige. Auch in Erlangen wurden zu Beginn medikamentöse Therapieversuche unternommen – vergeblich. Daher unterbreiteten ihr die Erlanger Expertinnen und Experten der Neurochi- rurgie und der Molekularen Neurologie einen neuen Vorschlag: die tiefe Hirnstimulation (THS) – auch bekannt als Gehirnschrittmacher. „Dabei handelt es sich um eine Operation, bei der feine Elektroden ins Gehirn eingesetzt werden. Diese übertragen dauerhaft elektrischen Strom und modulieren damit eines der Hirnareale, die den Tremor verursachen“, erläutert PD Dr. Martin Regensburger, Oberarzt in der Molekularen Neurologie. Das Ziel: den Tremor deaktivieren, die Bewegungen kontrollieren und den Alltag wieder leichter machen. Der Weg zum Reiskorn Das Umfeld von Irene F. zeigte sich zunächst skeptisch – ein chirurgischer Eingriff am Kopf stellt schließlich immer ein gewisses Risiko dar und löst häufig Ängste aus. Doch die 71-Jährige war sofort überzeugt. Dass sie sich beim Behandlungsteam um Dr. Regensburger und Dr. Schmidt gut aufgehoben fühlte, bestärkte ihren Entschluss. „Ich habe mich richtig auf die Operation gefreut“, sagt sie und lacht. „Eine THS ist ein Eingriff in zwei Etappen: →

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