48 |Kopfsache Fortsetzung von S. 47 Betroffenen bietet die EAET großes Potenzial. „Was ich in der Therapie über mich und meine Gefühle erfahren habe, war extrem interessant“, berichtet der Vater einer fünfjährigen Tochter. Bis dato war er ein emotional verschlossener Mann gewesen, der alles mit sich selbst ausmachte. „Ich dachte, ich muss immer stark sein und alles perfekt machen, ein zuverlässiger Papa und Partner sein – sonst geht das Schiff unter“, räumt er ein. In der Schmerztherapie erkannte er allmählich, dass sich in ihm viel Wut angestaut hatte. „Nach und nach habe ich verstanden, dass darunter eine große Hilflosigkeit lag, ein Gefühl von Einsamkeit. Das Gefühl, dass ich alles alleine schaffen muss.“ Johannes K. erlebte, dass er oftmals weniger Schmerzen hatte, wenn er sich all diesen Empfindungen stellte. Papa hat auch Gefühle Mit Unterstützung der Psychologinnen und Psychologen des Schmerzzentrums fand er einen Weg in seine innere Welt. „Ich habe mir die Bücher ‚Der Gefühls- und Bedürfnisnavigator‘ und ‚Praktische Selbst-Empathie‘ von Gerlinde Fritsch gekauft und wollte alles dazu wissen“, berichtet der Patient. Er spürte, dass er seine Schmerzen häufig beeinflussen konnte, indem er einen Zugang zu seinen Emotionen fand. „Früher waren meine Frau und mein Kind für mich immer ganz oben. Jetzt sind es meine Bedürfnisse auch. Und trotzdem kann ich ein guter Vater und Ehemann sein.“ Sich mal Zeit für einen Kaffee nehmen, allein einen Spaziergang machen, Musik hören, bouldern gehen – Johannes K. hat Fürsorge und Mitgefühl für sich selbst entwickelt. Er schafft sich aktiv Momente, in denen er sich gut fühlt, was wiederum seine Schmerzen senkt. Mittlerweile könne er es sogar genießen, einfach mal auf einer Bank zu sitzen und durchzuatmen – ohne dabei in Habachtstellung schon an die nächsten To-dos zu denken. Vor der Therapie sei alles in seinem Inneren eine „graue Suppe“ gewesen. „Durch das Zulassen, Fühlen und Benennen akzeptiere ich jetzt aber, dass ich überhaupt bestimmte Emotionen habe“, sagt der 37-Jährige. „Sie dürfen da sein. Und indem ich sie erkenne, kann ich frühzeitig handeln.“ Peter Mattenklodt beschreibt Emotionen in diesem Zusammenhang als wichtige Hinweisgeber, die der fühlenden Person zu einer angemessenen Reaktion verhelfen. „Es ist wichtig, diese Botschaften zu hören, denn sie verraten einem viel über sich selbst.“ Sind die Gefühle erlebt und ausgedrückt, können sie losgelassen werden. Der neue Johannes Bei der Emotional Awareness and Expression Therapy lernen Patientinnen und Patienten, ihre Emotionen zunächst für sich selbst zu spüren. „Das gelingt gut über die Körperwahrnehmung. Wo ist Druck, Enge, Spannung, vielleicht Hitze – wenn Sie an diese oder jene Situation denken?“, erklärt Peter Mattenklodt. „Im nächsten Schritt können die Gefühle im geschützten Raum der Therapiegruppe artikuliert werden – verbal, über Mimik und Körpersprache. Im dritten Schritt folgt das Ausdrücken gegenüber Personen im näheren Umfeld. Dort geht es dann darum, im sozialen Miteinander neue, posiDass ich auf meine Gefühle höre, wirkt sich positiv auf meine Schmerzstärke aus. Johannes K. „Wie reagiert Ihr Körper, wenn Ihre Tochter sich keine Jacke anziehen will, Sie aber dringend losmüssen?“, fragt Peter Mattenklodt. „Mein Nacken verspannt sich, ich kriege Kieferschmerzen, irgendwann vielleicht Migräne“, entgegnet Johannes K.
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