| 57 Aktiv leben Einige Menschen kräftigen sehr löblich ihre Muskeln, trainieren regelmäßig mit Gewichten und Geräten, stretchen sich, mobilisieren die Gelenke – und kommen dennoch manchmal an einen Punkt, an dem sie sich nicht mehr verbessern. Kraft, Beweglichkeit, Schmerzbewältigung – Fortschritte scheinen mithilfe herkömmlicher Ansätze manchmal kaum mehr möglich. Ganz klar vornweg: Regelmäßige, vielseitige Bewegung ist und bleibt wichtig. Doch es gibt einen Ansatz, der physiologische Übungen sinnvoll ergänzen kann: neurozentriertes Training. Die Sicht des Nervensystems Neurozentriertes Training betrachtet das Verhalten des Körpers aus der Perspektive des Nervensystems. Denn: Jede Bewegung entsteht im Kopf – Muskeln führen lediglich motorische Befehle des Gehirns aus. Im Neuro-Training wird deshalb davon ausgegangen, dass Schmerzen, Bewegungseinschränkungen oder Kraftverluste nicht allein muskuläre Ursachen haben. Manchmal ist auch die Verarbeitung sensorischer Informationen gestört. Vereinfacht heißt das: Das Gehirn „weiß“ einfach zu wenig über den eigenen Körper und seine Umgebung bzw. nimmt zu wenig wahr. Das Nervensystem bewertet kontinuierlich alles hinsichtlich Sicherheit und Bedrohung. Fällt diese Bewertung ungünstig aus, reagiert der Körper mit Schutzmechanismen: eingeschränkter Mobilität, verminderter Kraft oder Schmerzen. Genau dort setzt das Neuro-Training an. → Ursprung des neurozentrierten Trainings Grundlagen des Neuro-Trainings stammen aus der modernen Schmerzforschung, die Schmerzen als Ergebnis einer zentralnervösen Verarbeitung versteht, sowie aus der Neuroplastizitätsforschung, die zeigt, dass sich das Gehirn durch gezielte Reize verändern kann. Praktisch wurde der Ansatz zunächst im Leistungssport (Neuroathletik) eingesetzt, später dann auch im thera- peutischen Kontext. Was bringt Neuro-Training und wem kann es helfen? Die Effekte können sein: ■ verbesserte Beweglichkeit ■ bessere Kraftentfaltung ■ mehr Stabilität und Koordination ■ Reduktion von Schmerzen Der Ansatz wird vor allem genutzt: ■ bei chronischen oder wiederkehrenden Schmerzen ■ nach Verletzungen (auch in der Reha) ■ bei Sportlerinnen und Sportlern, deren Leistung stagniert Wichtig: Die Wirkung ist individuell verschieden und nicht garantiert. Neurozentriertes Training ist kein Allheilmittel, sondern kann Kraft- und Ausdauertraining ergänzen. Voraussetzung ist eine fachkundige diagnostische Testung durch eine speziell ausgebildete Therapeutin oder Trainerin bzw. einen entsprechenden Therapeu- ten oder Trainer. Sonst besteht die Gefahr, un- spezifisch zu trainieren oder medizinische Ursa- chen zu übersehen. In Erlangen können Kurse u. a. bei medi train besucht werden.
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