58 |Aktiv leben Das Nervensystem mancher Menschen reagiert besonders gut auf Abklopfen, Abreiben oder leichte Vibrationen auf der Haut. Andere profitieren von anderen Reizen, etwa Augenbewegungen, Zungenkreisen oder Summen. Anwendungsbeispiele Schmerzen: Bei chronischen Nackenschmerzen besteht oft eine erhöhte Schutzspannung der Muskulatur. Neuro-Training kann hier z. B. über gezielte Augen- und Kopfbewegungen das visuelle und das vestibuläre System verbessern. Bekommt das Gehirn mehr solcher Reize, bewertet es die Situation als sicherer – Schutzspannung und Schmerzen können nachlassen. Bewegungseinschränkung: Nach einer Sprunggelenksverletzung bleibt die Beweglichkeit oft eingeschränkt, obwohl das Gewebe längst verheilt ist. Durch gezielte propriozeptive Übungen, etwa die Positions- und Belastungswahrnehmung des Gelenks, wird die neuronale Ansteuerung verbessert. Das Gehirn erhält präzisere Informationen über die Gelenkstellung, wodurch sich der Bewegungsumfang vergrößern kann. Kraftverlust: Nach längerer Ruhigstellung oder bei neurologisch bedingtem Kraftdefizit ist die Muskulatur oft zwar noch intakt, wird aber nicht mehr richtig aktiviert. Neuro-Training kann hier zum Beispiel durch die Aktivierung motorischer Areale im Gehirn wieder mehr Kraft abrufbar machen. Fortsetzung von S. 57 Mehr Informationen fürs Gehirn Trainiert werden deshalb nicht primär Muskeln, sondern Sinnes- und Kontrollsysteme, die für Bewegung zentral sind. Dazu zählen vor allem: das visuelle System (Augenbewegungen, Blickstabilität), das vestibuläre System (Gleichgewicht, Lage des Körpers im Raum) und die Propriozeption (Körperwahrnehmung, vornehmlich über Haut und Bänder). Neurozentrierte Übungen wirken auf den ersten Blick vielleicht ungewöhnlich: gezielte Augenbewegungen, Abklopfen bestimmter Körperstellen, Wippen oder Gelenkkreisen. Doch entscheidend ist die Rückmeldung des Körpers: Lässt sich eine bestimmte Bewegung danach leichter ausführen? Sind die Muskeln weniger angespannt? Ist der Stand stabiler oder der Schmerz etwas schwächer? Dies gilt es genau zu beobachten, denn jedes „System“ reagiert anders und braucht andere Reize. Liefert man dem Kopf klare, besser organisierte sensorische Informationen, kann er die Motorik effizienter steuern.
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