Welche Potenziale von KI sehen Sie für die Psychotherapie? Prof. Kittel-Schneider: Es gibt immer mehr Menschen mit psychischen Erkrankungen, aber auch mit leichteren Belastungen. Nicht alle können bei begrenzten Ressourcen eine Psychotherapie bekommen. Hier sehe ich Chancen durch KI. Es gibt ja bereits auch Apps und Online-Angebote, die Wartezeiten überbrücken oder präventiv wirken können. Prof. Kornhuber: Ich halte KI für eine spannende, tolle Entwicklung. Unser Fach ist sprachgebunden und KI-Sprachmodelle können genau das. In der Psychotherapie sind zum Beispiel Empathie und das Schaffen einer angenehmen Atmosphäre sehr wirksam. Das kann KI auch. Es gibt eine erste Studie zu einem KI-Chatbot namens Therabot, der mit Patientengesprächen trainiert wurde. Man hat Sicherheitsmechanismen eingebaut, um zum Beispiel eine mögliche Suizidalität nicht zu übersehen, und reale Therapeutinnen und Therapeuten haben die KI-Antworten geprüft. Es wurde gezeigt: Therabot war bei Depressionen so wirksam wie eine herkömmliche Psychotherapie. Sind therapeutische Effekte immer auch ohne persönlichen Kontakt möglich? Prof. Kittel-Schneider: Bei manchen Menschen wird es sehr gute Effekte geben, aber nicht bei allen Betroffenen und auch nicht bei allen Krankheitsbildern. Manche Patientinnen und Patienten haben sehr komplexe Problematiken und ich glaube, auch der besttrainierte Therabot kann das nicht vollumfänglich erfassen. Für diese Menschen arbeiten wir multiprofessionell im Team zusammen – das kann eine KI nicht leisten. Warum wird KI von vielen gern zur Lebensberatung genutzt? Prof. Kittel-Schneider: KIs sind nett, wohlwollend und freundlich, nicht kritisch. Wenn es einem nicht gut geht, ist das angenehm, aber eben nicht immer therapeutisch sinnvoll. Es wäre wichtig, dass insbesondere junge Menschen lernen, auch mit Konflikten umzugehen. Man gerät aber nicht in einen Konflikt mit ChatGPT. Prof. Kornhuber: Die KI hört zu, ist empathisch. In einer Gruppe wird dann vielleicht schnell mal das Thema gewechselt und die Aufmerksamkeit wieder von einem weggelenkt. Die KI bleibt bei mir und sagt „Das ist interessant, erzähl mir mehr!“ Wie bewerten Sie die permanente Verfügbarkeit von KI? Prof. Kittel-Schneider: Einerseits ist das positiv, denn keine menschlich besetzte Telefon-Hotline kann so was leisten. Andererseits sehe ich die Gefahr, dass Menschen gar nicht mehr versuchen, selbst auf Lösungen zu kommen, und immer nachfragen, wie sie mit ihren Emotionen umgehen sollen. Prof. Kornhuber: Auch Unverfügbarkeit ist etwas sehr Schönes. Ein gutes Gespräch mit Freunden kann ich zum Beispiel nicht immer herzaubern, das macht aber auch den besonderen Reiz aus. Prof. Kittel-Schneider: Es könnte sein, dass die KITherapie durch diese Dauerverfügbarkeit auch an Wirksamkeit verliert. Wo könnte es gefährlich werden? Prof. Kittel-Schneider: Es gab einen Amoklauf in Kanada, wo die Person vorher mit ChatGPT → Prof. Dr. Johannes Kornhuber war 26 Jahre lang Direktor der Erlanger Psychiatrie, bevor er den Staffelstab 2026 an Prof. Kittel-Schneider übergab. Heute ist er Senior-Professor der FAU. Prof. Dr. Sarah KittelSchneider ist seit 1. April 2026 neue Direktorin der Psychiatrischen und Psychotherapeutischen Klinik des Uniklinikums Erlangen. | 47 Kopfsache
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