Das kostenlose Magazin des Uniklinikums Erlangen | www.gesundheit-erlangen.com | Sommer 2026 In KI-Therapie Chancen und Risiken künstlicher Intelligenz Lebendige Beispiele Mentoren machen jungen Krebsbetroffenen Mut 30 Jahre danach Patientin mit Spenderleber besucht Erlangen ■ Hautkrebs: lebensrettende Immuntherapie ■ Vitiligo: leben mit der Weißfleckenkrankheit ■ Nagelpilz: sicher erkennen, richtig behandeln Hau(p)tsache, gut geschützt
Veranstalter In Kooperation mit Patientenorganisation Industrie MELANOM DEUTSCHLAND INFO Mach mit – schütze Dich! Sonnenschutz kann so einfach sein: Mach’s richtig: www.gemeinsam-gegen-hautkrebs.de Plakat-Gemeinsam-gegen-Hautkrebs 2026_V03.indd 1 23.03.26 10:27
Marija P. öffnet die Tür ihrer Wohnung und sieht gar nicht aus wie eine mitgenommene Patientin. Eher wie „das blühende Leben“, würde man meinen – freudestrahlend, gut angezogen und zurechtgemacht. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Eine enge Freundin leistet Marija P. beim Interviewtermin Gesellschaft. Die Vertraute sagt: „Wenn man über die Straße läuft oder im Wartebereich einer Klinik sitzt und sich da umguckt, stellt man fest: Vielen sieht man ihre Krankheit gar nicht an. Aber jeder hat sein Schicksal zu tragen.“ So auch Marija P. Die heute 57-Jährige erkrankte 2024 an schwarzem Hautkrebs. Plötzlich tastete sie Knoten an ihrem Hals – es waren Melanommetastasen. Viele weitere Tochtergeschwülste wurden in ihrem ganzen Körper gefunden. Wie eine Immuntherapie das Leben der Patientin rettete, lesen Sie auf S. 8. Wer wie Marija P. einen hellen Hauttyp hat, dessen Hautkrebsrisiko ist erhöht. Auch viele Muttermale und Solarienbesuche machen ein Melanom wahrscheinlicher. Der bedeutendste Risikofaktor ist allerdings die UVStrahlung der Sonne. Hautkrebsfälle, die Ärztinnen und Ärzte heute feststellen, sind oft die Folge eines unzureichenden Sonnenschutzes in den 1970er- und 1980er-Jahren. Damals war das Bewusstsein über die Schattenseiten der Sonne noch nicht so Hau(p)tsache, gesund ausgeprägt. Doch obwohl die Gefahren heute bekannt sind, bekommen auch junge Menschen Hautkrebsdiagnosen: Zwischen Mitte und Ende 20 ist das Melanom sogar die häufigste Tumorart bei Frauen. Je mehr Schäden die Haut im Lauf des Lebens sammelt, desto eher entwickelt sich Krebs. Insofern ist es nie zu spät, mit dem Sonnenschutz anzufangen – egal, ob mit 27 oder 57 Jahren. Wir möchten Sie mit dieser Ausgabe also daran erinnern, Ihre Haut gut vor der Sonne zu schützen. Darüber hi- naus hält das Heft aber auch andere dermatologische Themen für Sie bereit: Sie erfahren, welche Sicht Patientinnen und Patienten sowie Ärztinnen und Ärzte heute auf die Weißfleckenkrankheit (Vitiligo) haben (S. 12), welche Expertise es am Uniklinikum Erlangen im Bereich der Nesselsucht (Urtikaria) gibt (S. 16) und wie sich Nagelpilz sicher feststellen und erfolgreich behandeln lässt (S. 18). Also: Machen Sie es sich im Schatten gemütlich und haben Sie interessante Lesestunden! Einen schönen Sommer wünscht Ich war wie du Im Rahmen eines mutmachenden Projekts in der Kinderonkologie durfte ich junge Erwachsene kennenlernen, die eine Krebserkrankung überlebt haben und heute anderen betroffenen Kindern und Jugendlichen beistehen. Die „Survivor“ wissen genau, wovon sie sprechen. Das macht sie so glaubwürdig und nahbar (S. 20). Chefredakteurin von „Gesundheit erlangen“ | 3 Editorial
3 Editorial NEUES AUS DEM UNIKLINIKUM 6 Familienpsychiatrie im Fokus | Mehr als Ästhetik 7 Herzensangelegenheit | Sonnenlicht vs. Augenlicht FEATURE 20 Lebendige Beispiele Mit jungen Mentorinnen und Mentoren unterwegs in der Kinderonkologie MEDIZIN 26 Sprechstunde Was gehört in die Reiseapotheke? 28 Parasiten im Paradies Unliebsame Urlaubsmitbringsel vermeiden 30 Medizin gestern und heute Patientin mit Spenderleber kehrt nach über 30 Jahren nach Erlangen zurück 32 30 Sekunden gegen Arthrose Röntgentherapie gegen Schmerzen 36 Mittel der Wahl Haferkraft 37 Kolumne – Kleine Sp[r]itze Aufruf zur Langsamkeit SCHWARZER HAUTKREBS Was mit Knoten am Hals begann, endete mit der Diagnose Melanom. Marija P. hat ihr Überleben einer neuartigen Immuntherapie zu verdanken. 30 8 LEBEN VERVIELFACHT Barbara Hobmeier erhielt im Alter von zehn Jahren am Uniklinikum Erlangen eine Spenderleber. Wie sie mehr als 30 Jahre später darüber denkt und was sie anderen mitgeben will. 4 | Themen dieser Ausgabe
LEBENDIGE BEISPIELE Junge Erwachsene, die eine Krebserkrankung überstanden haben, zeigen betroffenen Kindern und Jugendlichen, dass es ein Leben nach der Krankheit gibt. MENSCHEN 38 M eine Geschichte Wie Thu Thao Vu Thi den Wolf besiegte 42 Zwei Seiten von CI-Audiologe Franz Wichert 44 Aus dem Medizinkästchen Kinder- und Erwachsenenherzchirurg Prof. Dr. Robert Cesnjevar KOPFSACHE 46 In KI-Therapie Was kann künstliche Intelligenz in der Psychotherapie – und was nicht? ERNÄHRUNG 50 Mehr Power, weniger Pause? Wie schädlich sind Energydrinks? ERFORSCHT UND ENTDECKT 45 Was gibt es Neues im Bereich Parkinson? 53 Der Weg der Schuppenflechte ins Gelenk 54 Trotz Herz-OP: starker Start ins Leben 55 Immunsystem wieder in der Spur AKTIV LEBEN 56 Damits wieder läuft Übungen gegen das „Läuferknie“ ZUM SCHLUSS 60 Schöner Schweiß 61 Rätsel | Gewinnspiel 62 Vorschau | Impressum KI IN DER PSYCHOTHERAPIE Werden wir künftig alle von ChatGPT therapiert? Eine Expertin und ein Experte erklären, welche therapeutischen Potenziale künstliche Intelligenz hat und welche Gefahren sie noch birgt. 20 46 | 5 Themen dieser Ausgabe
Seit 1. April 2026 ist Prof. Dr. Sarah Kittel-Schneider Direktorin der Psychiatrischen und Psychotherapeutischen Klinik des Uniklinikums Erlangen. Sie folgt auf Prof. Dr. Johannes Kornhuber, der die Klinik seit Juli 2000 leitete. Bis zu ihrem Wechsel nach Erlangen war die gebürtige Hamburgerin mit unterfränkischen Wurzeln Lehrstuhlinhaberin für Psychiatrie am University College Cork in Irland. Ihre klinischen und wissenschaftlichen Schwerpunkte liegen auf entwicklungspsychiatrischen und affektiven Erkrankungen über die gesamte Lebensspanne hinweg, insbePsychiatrische und Psychotherapeutische Klinik unter neuer Leitung Familienpsychiatrie im Fokus sondere auf ADHS, bipolaren Störungen, dem Übergang vom Jugend- ins Erwachsenenalter sowie psychischen Erkrankungen von Eltern rund um die Geburt ihres Kindes, etwa postpartalen Depressionen. In der Forschung setzt die neue Klinikdirektorin auf Zellmodelle, Biomarker und künstliche Intelligenz, um psychische Erkrankungen früher erkennen und personalisiert behandeln zu können. In Erlangen möchte sie die Familienpsychiatrie als neuen Schwerpunkt stärken und fachübergreifende Angebote für Eltern, Kinder und junge Erwachsene ausbauen. Mehr als Ästhetik Auch in der Plastisch- und Handchirurgischen Klinik des Uniklinikums Erlangen gab es zum 1. April 2026 einen Wechsel: Prof. Dr. Andreas Arkudas folgte auf Prof. Dr. Dr. h. c. Raymund E. Horch, der die Einrichtung seit 2003 führte. Andreas Arkudas, bisheriger stellvertretender Klinikdirektor, treibt in seiner Forschung u. a. das Tissue Engineering – die künstliche Herstellung biologischer Gewebe – voran. Klinische Schwerpunkte sind etwa die Mikrochirurgie sowie rekonstruktive Eingriffe nach Tumorentfernungen und Unfällen. Zudem legt Prof. Arkudas sein Augenmerk auf KörProf. Arkudas ist neuer Direktor der Plastisch- und Handchirurgischen Klinik performungen nach starkem Gewichtsverlust sowie auf Brustrekonstruktionen, etwa nach einer Krebserkrankung. Des Weiteren zählen zum Portfolio der Klinik komplexe handchirurgische Eingriffe, Nervenchirurgie und die Behandlung von Lymph- und Lipödemen. Wie die Plastische/Handchirurgie Patientinnen und Patienten konkret hilft, erläutert der neue Klinikdirektor am 15. Juni 2026 in seiner Bürgervorlesung „Mehr als Ästhetik – wie die Plastische Chirurgie für mehr Lebensqualität sorgt“ (18.15 Uhr, Hörsäle Medizin, Ulmenweg 18, Erlangen). 6 | Neues aus dem Uniklinikum
Herzensangelegenheit Info-Bus der Aufklärungstour „Herzenssache Lebenszeit“ hält am 4. Juli in Erlangen Diabetes mellitus, Schlaganfall sowie Herz- und Nierenschwäche sind Volkskrankheiten. Dabei lässt sich das Risiko, daran zu erkranken, durch einen gesunden Lebensstil mit einer ausgewogenen Ernährung und regelmäßiger Bewegung oft deutlich senken. Unter dem Motto „Risikofaktoren vermeiden – Lebensqualität erhöhen“ touren deshalb auch dieses Jahr wieder rote Info-Busse der Aufklärungsinitiative „Herzenssache Lebenszeit“ quer durch Deutschland. Einer davon legt am Samstag, 4. Juli 2026, einen Stopp auf dem Hugenottenplatz in Erlangen ein: Von 10.00 bis 15.00 Uhr beraten ExperAm 4. Juli 2026 wird der rote Info-Bus wieder auf dem Hugenottenplatz stehen. tinnen und Experten des Uniklinikums Erlangen kostenlos zur Prävention der Volkskrankheiten. Zugleich besteht die Möglichkeit, an einem Ernährungsquiz teilzunehmen, mit Selbsthilfegruppen ins Gespräch zu kommen und sich über weitere Unterstützungsangebote zu informieren. Die Veranstaltung wird vom Schlaganfallnetzwerk mit Telemedizin in Nordbayern (STENO), von der Medizinischen Klinik 1 – Gastroenterologie, Pneumologie und Endokrinologie und der Medizinischen Klinik 2 – Kardiologie und Angiologie des Uniklinikums Erlangen koordiniert und findet in Kooperation mit der Boehringer Ingelheim Pharma GmbH & Co. KG statt. Am 12. August 2026 ist in Deutschland nach mehr als zehn Jahren wieder eine partielle Sonnenfinsternis zu sehen – je nach Standort werden rund 80 bis 90 Prozent der Sonne durch den Mond bedeckt sein. „Wer das verfolgen will, sollte seine Augen unbedingt richtig schützen“, betont Prof. Dr. Antonio Bergua, Oberarzt der Augenklinik des Uniklinikums Erlangen. Eine aktuelle Studie der Erlanger Augenklinik zeigt, dass das ungeschützte Betrachten einer Sonnenfinsternis vor allem zu Sehkraftminderungen und Gesichtsfeldausfällen führen kann – mit teils bleibenden Beschwerden. „Normale Sonnenbrillen bieten bei einer Sonnenfinsternis keinen ausreichenden Schutz, da sie zu viel Licht sowie UV- und Infrarotstrahlung durchlassen. Damit riskiert man Netzhautschäden“, erklärt Antonio Bergua. „Nutzen Sie deshalb nur ISO-12312-2-zertifizierte Brillen und prüfen Sie das CE-Zeichen. Achten Sie auf unbePartielle Sonnenfinsternis am 12. August 2026 – Augenschutz besonders wichtig Sonnenlicht vs. Augenlicht schädigte Filter und kaufen Sie ausschließlich bei seriösen Händlern wie Astronomie-Shops“, rät der Augenarzt, der kürzlich selbst eine Sonnenfinsternisbrille entwickelt hat. Auch unabhängig von dem bevorstehenden Himmelsphänomen empfehlen Expertinnen und Experten einen konsequenten Schutz der Augen: „Durch eine gute Sonnenbrille wird unter anderem das Risiko für Grauen Star und Makuladegeneration und damit auch für eine nach- lassende Sehschärfe gesenkt“, so Prof. Bergua. | 7 Neues aus dem Uniklinikum
Glaube, Freundschaft, Hoffnung MELANOM Bevor es Immuntherapien gab, war fortgeschrittener schwarzer Hautkrebs oft ein Todesurteil. Welche neuen Behandlungen es heute gibt und was das Erkrankungsrisiko senken kann. VON FRANZISKA MÄNNEL Im Juli 2026 feiert Marija P. ihren 58. Geburtstag. Dass sie den noch erleben kann, verdankt sie einer Immuntherapie gegen schwarzen Hautkrebs. „Es ist ein Wunder“, sagt sie. Und Prof. Dr. Carola Berking, Direktorin der Hautklinik des Uniklinikums Erlangen, stellt klar: „Vor zehn Jahren wären Patientinnen wie sie innerhalb eines halben Jahres gestorben.“ Heute haben Krebsexpertinnen und -experten neue Behandlungsoptionen gegen das maligne Melanom – selbst, wenn es schon tief in die Haut hineingewachsen ist oder bereits Metastasen gebildet hat. Im Mai 2024 tastete Marija P. plötzlich Knoten am Hals, hinter ihrem rechten Ohr, an Schlüsselbein, Brust und Arm. Später fand sie blaue Flecken auf der Haut, ohne sich gestoßen zu haben. Ein Knoten an ihrer Schilddrüse, der im Klinikum Fürth untersucht wurde, stellte sich als Metastase heraus: Marija P. hatte schwarzen Hautkrebs, der bereits gestreut hatte. „Es war sehr schwer“, sagt sie und schließt die Augen, damit ihr nicht die Tränen kommen. Bis dahin hatte Marija P. selbst im Patientenservice einer Klinik gearbeitet, sah viele Hautkrebs vorbeugen Sonnenschutz: gut eincremen (mind. Lichtschutzfaktor 30, besser 50), Schatten suchen, Mittagssonne meiden, die Haut mit langer Kleidung schützen, Sonnenbrille und -hut tragen, Sonnenbrände vermeiden (vor allem in der Kindheit) UV-Index: „Prüfen Sie den aktuellen UV-Index per Wetter-App“, empfiehlt Carola Berking. Bei Stufe 1 bis 2 ist kein Schutz erforderlich, von 3 bis 7 wird er empfohlen und ab 8 ist er absolut notwendig. Hautkrebsscreening: „Auch wenn es aktuell Kürzungspläne gibt, befürworte ich das Hautkrebsscreening, vor allem für Risikogruppen. Je früher ein Melanom entdeckt wird, desto besser“, so die Meinung von Prof. Berking. Persönliches Risiko beachten: Neben der UVStrahlung der Sonne erhöhen auch Solarienbesuche, Hautkrebsfälle in der Familie, helle Haut, viele Muttermale, Sonnenbrände in der Kindheit und ein höheres Lebensalter das persönliche Hautkrebsrisiko. 8 | Titel
Krebspatientinnen und -patienten weinen. Sie erinnert sich noch gut daran, wie ihr Sohn sie damals von der Untersuchung abholte und immer wieder verzweifelt auf das Lenkrad seines Autos schlug. „Die Ärztin in Fürth klärte dann alles mit Erlangen ab, sodass ich dort schnell einen Termin bekam“, berichtet Marija P. „Es war wie ein Räderwerk, das perfekt ineinandergriff. Jeder wusste immer, was der andere schon gemacht hatte“, bestätigt eine Freundin der Patientin. Sie hat Marija P. in all der Zeit begleitet. „Sie ist mein Engel. Ich weiß nicht, wie ich das ohne sie geschafft hätte“, sagt Marija P. Im Juni 2024 zeigten CT-Aufnahmen am Uniklinikum Erlangen, dass der Krebs schon mehrere Lymphknoten sowie Lunge und Leber befallen hatte. Ein späteres MRT offenbarte auch Metastasen im Gehirn. Stadium vier von vier. Doch der Ursprungstumor, ein ursächliches Muttermal auf der Haut, ließ sich nicht finden. „Bei etwa fünf Prozent aller Melanomfälle ist das so“, erklärt PD Dr. Michael Erdmann, Oberarzt der Hautklinik. „Der Tumor kann zum Beispiel versteckt irgendwo auf der Schleimhaut sitzen oder vom Immunsystem abgebaut werden, bevor wir ihn entdecken. Mit feingeweblichen Untersuchungen von Metastasen können wir die Tumorzellen aber trotzdem näher bestimmen.“ Anfang Juli leiteten Dr. Erdmann und seine Kollegin Dr. Rafaela Kramer eine Immuntherapie für Marija P. ein – drei Infusionen innerhalb von sechs Wochen. „Ich habe gebetet und ich hatte so ein Vertrauen zu der Ärztin, dass ich dachte: Es wird schon“, sagt die 57-Jährige. Wenn eine OP nicht reicht „Mehr als 90 Prozent der Melanompatientinnen und -patienten können wir sehr gut mit einer Operation helfen“, erklärt Prof. Berking. „Der Hauttumor wird dann großzügig entfernt. Je kleiner und oberflächlicher er ist, desto besser die Prognose. Wenn er schon in die Tiefe gewachsen ist und Metastasen gebildet hat, stehen die Chancen schlechter.“ Marija P. gehörte zu den weniger als 10 Prozent der Erkrankten, bei denen der Tumor schon weiter fortgeschritten oder nicht operabel ist. Für diese Fälle sind erst seit rund zehn Jahren moderne Immuntherapien verfügbar. Carola Berking erklärt: „Meistens meinen wir damit → Die Hälfte der Behandelten führen wir dank Immuntherapien in Richtung Langzeitüberleben. Prof. Dr. Carola Berking Marija P. im Flur ihrer Nürnberger Wohnung. „Das ist mein Lieblingsbild, weil es einfach mein Leben zeigt – mit einem Licht der Hoffnung in der Mitte“, sagt sie. | 9 Titel
Fortsetzung von S. 9 Immuncheckpoint-Inhibitoren. Das sind Antikörper, die das körpereigene Immunsystem aktivieren, damit es den Krebs selbst bekämpfen kann.“ Bei den meisten metastasierten Melanomen beginnen die Erlanger Hautkrebsexpertinnen und -experten sofort mit einer Immuntherapie. Die Patientinnen und Patienten bekommen Infusionen, in der Regel so lange, bis kein Krebs mehr nachweisbar ist – vorausgesetzt, die Nebenwirkungen sind tolerier- und behandelbar. Der aktuelle Goldstandard ist eine Kombination der Antikörper Ipilimumab und Nivolumab; auch Marija P. erhielt diese Wirkstoffe. „Immuntherapien haben die beste Langzeitwirkung. Die Hälfte der Behandelten führen wir damit in Richtung Langzeitüberleben. Für die andere Hälfte forschen wir weiter“, betont Prof. Berking. „Alternativ gibt es auch sogenannte zielgerichtete Therapien in Tablettenform, die den Tumor direkt attackieren und sein Wachstum hemmen. Leider bilden sich dabei aber schnell Resistenzen und die Krebszellen finden Wege, das Medikament zu umgehen.“ Der Preis der starken Wirkung Bei Marija P. schlug die Immuntherapie außergewöhnlich gut und schnell an: Ihr anfangs 20-fach erhöhter Tumormarker sank innerhalb von sechs Wochen in den Normalbereich. „Häufig geht eine sehr gute Wirkung aber leider auch mit stärkeren Nebenwirkungen einher“, räumt Carola Berking ein. „Das liegt daran, dass das Immunsystem sehr stark aktiviert wird und dabei auch gesunde körpereigene Strukturen angreift.“ Häufig beobachte sie Darm-, Leber- und Schilddrüsenentzündungen, Hautausschläge mit Juckreiz, Entzündungen der hormonproduzierenden Hirnanhangsdrüse oder einen neu auftretenden Diabetes. „Da steuern wir schnell mit entzündungshemmenden Medikamenten oder auch mit Ersatzhormonen gegen.“ Folgenreicher seien jedoch oft neurologische Nebenwirkungen, etwa Entzündungen von Gehirn und Nerven – so auch bei Marija P. Weil ihr Immunsystem intensiv reagierte, bekam sie entzündliche Schwellungen am Augenhintergrund – mit Folgen für ihre Sehkraft. „Aber der Krebs war zurückgegangen, die Immuntherapie hatte angeschlagen“, betont Dr. Erdmann. „Sobald das passiert, beenden wir die Infusionen, um alle Organfunktionen bestmöglich zu schützen.“ Bis heute ist das Sichtfeld der Patientin eingeschränkt und sie sieht wie durch Nebel. Auch ihr Darm war durch die Immuntherapie stark entzündet. „Aber ich hatte immer ein Warum. Ich habe das in Kauf genommen, um gesund zu werden. Als die Metastasen zurückgingen, habe ich geschrien vor Glück“, erzählt sie. Weniger Nebenwirkungen, neue Ansätze Seit April 2026 ist in Deutschland eine neue Kombination von Checkpoint-Inhibitoren verfügbar: Nivolumab und Relatlimab. Sie kommen für BetrofIm neuen Interdisziplinären Tumortherapiecentrum (ITC) des Uniklinikums Erlangen bekommen alle Krebspatientinnen und -patienten ihre individuellen Infusionen. Auch Junge betroffen Bei 25- bis 29-jährigen Frauen ist das Melanom die häufigste Tumorart. 10 | Titel
fene infrage, deren Krebszellen kein oder nur eine kleine Menge des Proteins PD-L1 enthalten. „Mit der neuen Kombi können wir die aktuellen Nebenwirkungen um rund 50 Prozent reduzieren“, zeigt sich Carola Berking zuversichtlich. „Wenn jemand also beispielsweise sehr große Angst vor unerwünschten Wirkungen hat oder wenn zusätzlich andere Vorerkrankungen bestehen, haben wir jetzt eine neue Alternative.“ Zudem arbeiten Krebsforscherinnen und -forscher mit tumorinfiltrierenden Lymphozyten. Dazu entnehmen sie Abwehrzellen aus dem Tumor, bereiten sie auf und verabreichen sie der erkrankten Person als Infusion. „Die Therapie ist anspruchsvoll und bisher noch experimentell. Die Patientinnen und Patienten müssen sehr fit sein, weil sie vorher eine anstrengende Chemotherapie bekommen“, erläutert Prof. Berking. Die bisher beobachtete Wirkung sei aber vielversprechend. Große Hoffnungen setzen Forschende auch in die T-Zell-RezeptorTherapie. Dabei handelt es sich um eine Zelltherapie, bei der patienteneigene T-Zellen genetisch so verändert werden, dass sie tumorspezifische Antigene erkennen und Krebszellen gezielt angreifen. Und auch individualisierte Krebsimpfstoffe werden aktuell in Studien erprobt. Erste Ergebnisse haben gezeigt, dass damit das Rückfallrisiko von Hochrisikopatientinnen und -patienten um 50 Prozent gesenkt werden könnte. Marija P. sagt, sie sei heute nicht mehr dieselbe – schneller erschöpft, mit schlechteren Augen und in der Erwerbsminderungsrente. Aber sie lebt. „Der Krebs hat mir viel genommen, aber er hat mir auch viel gegeben“, erklärt sie. „Ich weiß, wer meine Freunde sind, ich bin dankbar für meine Kinder, meine Familie und meinen Partner und bestärkt in meinem Glauben.“ Ihre Vertraute sagt: „Ich denke schon, dass eine Freundin in so einer Klinikdirektorin Prof. Dr. Carola Berking und Oberarzt PD Dr. Michael Erdmann vor einem modernen 3D-Ganzkörperscanner zur Hautkrebserkennung Situation eine große Hilfe ist – auch bei dem ganzen Papierkram und bei allen finanziellen Sorgen, die sich an so eine Erkrankung anschließen, wenn man nicht mehr arbeiten kann. Das Sozialsystem lässt einen da leider ziemlich im Stich.“ Marija P. ist sich sicher: „Du wurdest mir geschickt, genau zur richtigen Zeit.“ Hautklinik Sprechstunde für Hauttumorerkrankungen Telefonische Terminvereinbarung: 09131 85-33842 (8.00–11.00 Uhr) E-Mail: hochschulambulanz.de@uk-erlangen.de www.hautklinik.uk-erlangen.de Infoportal Hautkrebs www.infoportal-hautkrebs.de | 11 Titel
Mehr als weiße Flecken VITILIGO Erst verlieren einzelne Stellen ihre Farbe, dann werden immer größere Flächen blass. Und mit jedem weißen Hautfleck nimmt die seelische Belastung bei vielen Betroffenen zu: Bis zu zwei Prozent der Menschen weltweit leben mit Vitiligo. Was die Erkrankung für sie bedeutet, welche Therapiemöglichkeiten es gibt und was Hoffnung schenkt. VON MAGDALENA HÖGNER Es war 1973, als Georg Pliszewskis Haut an einzelnen Stellen farblos wurde. Erst an den Händen und den Armen, später auch im Gesicht. Die Diagnose: Vitiligo, auch Weißfleckenkrankheit genannt. „Damals gab es ja noch kein Internet. Ich konnte mich weder informieren noch mit anderen Betroffenen austauschen. Ich wusste nur, dass ich helle Flecken auf der Haut hatte, dass sie sich ausbreiteten und dass es eine Autoimmunerkrankung ist“, erzählt der heute 70-Jährige. „Vitiligo ist die häufigste depigmentierende Hauterkrankung weltweit“, ordnet PD Dr. Anke Hartmann ein. Sie ist Oberärztin der Hautklinik des Uniklinikums Erlangen und leitet dort die Sprechstunde für Pigmentstörungen. „Das Immunsystem der Patientinnen und Patienten greift fälschlicherweise Melanozyten, also pigmentbildende Zellen, an. Das führt dazu, dass die Haut an diesen Stellen farblos wird und weiße, scharf abgegrenzte Flecken entstehen.“ Ausgelöst wird die Erkrankung vermutlich durch ein Zusammenspiel aus einer genetischen Veranlagung – sogenannten Empfänglichkeitsgenen – und äußeren Faktoren wie Stress, Verletzungen oder Infektionen, die das anfällige Immunsystem aus dem Gleichgewicht bringen. Die Empfänglichkeitsgene erhöhen auch das Risiko von Vitiligo-Betroffenen, andere Autoimmunerkrankungen, etwa Schilddrüsenfunktionsstörungen, zu entwickeln. Zugleich schützt sie ihr hyperaktives Immunsystem vor anderen Erkrankungen wie weißem und schwarzem Hautkrebs oder Lymphdrüsenkrebs. Seelisch belastend „Wir unterscheiden zwischen nicht-segmentaler und segmentaler Vitiligo. Letztere ist einseitig, entsteht häufig im Kindesalter und bleibt nach einem einmaligen Schub meist unverändert“, erläutert Anke Hartmann. „Bei der nicht-segmentalen Vitiligo sind beide Körperhälften betroffen. Hier beobachten wir oft einen schubweisen Verlauf.“ Obwohl die veränderten Hautstellen nur selten jucken, brennen oder andere Beschwerden verursachen, ist die Belastung für viele Patientinnen und Patienten groß – besonders dann, wenn die hellen Flecken an gut sichtbaren Körperstellen auftreten. „Einige erleben Ausgrenzung, etwa in der Schule oder auf der Arbeit. Sie ziehen sich zurück, gehen nicht mehr ins Schwimmbad, sagen Treffen mit Freundinnen und Freunden ab. Das mindert die Lebensqualität enorm“, ordnet Dr. Hartmann ein. Zugleich sei es oft auch die Angst vor weiteren Schüben, die lähme. „Viele fühlen sich ohnmächtig und haben Sorge, dass sich die Flecken ausbreiten.“ Auch Studien belegen, dass Vitiligo mit einer hohen seelischen Be12 |Titel
lastung einhergeht: Bei mehr als der Hälfte der Betroffenen wird eine psychische Erkrankung diagnostiziert, meist Angststörungen oder Depressionen. Gemeinsam stark Georg Pliszewski ist ein Beispiel dafür, dass es nicht immer so sein muss. „Mir ging es damit gut“, sagt er heute. Dass dem so ist, führt er unter anderem darauf zurück: „Ich hatte beruflich immer viel mit Menschen zu tun – die allermeisten haben positiv auf mich reagiert. So konnte erst gar keine Angst vor der Ablehnung entstehen.“ Zugleich habe er früh begonnen, sich intensiv mit seiner Erkrankung auseinanderzusetzen: „Als in den 90erJahren das Internet eingeführt wurde, habe ich mich dort auf die Suche nach anderen Betroffenen gemacht. Dieser Erfahrungsaustausch war für mich sehr wertvoll.“ Im Oktober 2006 gründete er den Deutschen Vitiligo-Bund e. V. mit, eine bundesweite Selbsthilfeorganisation. Seit 20 Jahren setzt sich die Vereinigung nun schon für Betroffene ein, etwa indem sie aufklärt, berät und informiert, Menschen mit Vitiligo im In- und Ausland vernetzt und das Gespräch mit Ärztinnen und Ärzten, Krankenkassen, politischen Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträgern sowie der breiten Öffentlichkeit sucht. Unter anderem durch dieses Engagement wurde Vitiligo 2020 als behandlungsbedürftige Krankheit eingestuft. „Das war für uns ein Meilenstein, denn Vitiligo ist kein kosmetisches Problem. Aufgrund der oft hohen psychischen Belastung handelt es sich um eine ernst zu nehmende Erkrankung“, betont Georg Pliszewski. Auch Dr. Hartmann teilt diese Einschätzung. Zugleich sieht sie weiteren Handlungsbedarf: → Sonnenschutz nicht vergessen! Da das Pigment Melanin nicht nur den Hautton bestimmt, sondern auch vor schädlicher UV-Strahlung schützt, reagieren von Vitiligo betroffene Hautstellen besonders empfindlich auf Sonne. Titel | 13
Bei Vitiligo entstehen beim Abbau der Pigmentzellen Stoffe, die unter UV-Licht „aufleuchten“. So lassen sich betroffene Hautstellen mit der Wood-Lampe sichtbar machen (r.) – selbst dann, wenn sie mit bloßem Auge kaum zu erkennen sind (l.). Vitiligo ist nicht heilbar, aber durchaus zu behandeln. PD Dr. Anke Hartmann Fortsetzung von S. 13 „Neben Vitiligo führen auch andere vermeintlich rein kosmetische Störungen zu einem deutlichen Verlust der Lebensqualität, etwa kreisrunder Haarausfall oder Melasmen, also dunkle Hautveränderungen. Ihre Behandlung wird aber noch nicht von den Kassen erstattet. Wir haben also noch einen weiteren Weg vor uns.“ Geduld ist gefragt Für die Weißfleckenkrankheit kommen unterschiedliche Therapieoptionen infrage. Seit 2023 ist in Deutschland erstmals eine Creme mit dem Wirkstoff Ruxolitinib zugelassen. Zweimal täglich auf die farblose Haut aufgetragen, unterbricht sie die fehlgeleitete Immunreaktion und es kommt zu einer schrittweisen Wiederpigmentierung der Haut. Alternativ können Calcineurininhibitoren oder Kortikosteroide eingesetzt werden, die off-label – also ohne offizielle Zulassung für Vitiligo – auf die betroffenen Stellen aufgetragen werden. Auch verschiedene Lichttherapien können helfen; selten und in ausgewählten Fällen kommen auch chirurgische Verfahren zur Hauttransplantation zum Einsatz. „Welche Behandlungsform angewandt wird, ist abhängig vom bisherigen Krankheitsverlauf, vom Alter sowie davon, welche Körperstellen betroffen sind und ob eine segmentale oder nicht-segmentale Vitiligo vorliegt. Auch der Patientenwunsch ist wichtig“, erklärt Anke Hartmann. Zugleich variiere die Wirksamkeit von Person zu Person. „Bei dem einen wirkt Ruxolitinib hervorragend, bei dem anderen ist sehr viel mehr Geduld gefragt. Bei ihm ist dafür vielleicht eine Lichttherapie oder eine Kombination damit Erfolg versprechend“, fährt sie fort. Und auch im Einzelfall gibt es Unterschiede: Nicht alles, was im Gesicht wirkt, erzielt auch Erfolge an den Beinen – und umgekehrt. „Es gilt, verschiedene Jetzt mitmachen bei weltweiter Studie Ein internationales Netzwerk von Patientenorganisationen, das Vitiligo International Patient Organisations Committee, hat im Mai 2026 eine weltweite Befragung gestartet. Sie untersucht die Lebensrealität von Vitiligo-Betroffenen und ihren Angehörigen und soll helfen, die Versorgung zu verbessern. www.vpv.vipoc.org 14 | Titel
Therapien auszuprobieren und sehr viel Geduld mitzubringen“, sagt die Dermatologin. „Oft tritt eine Besserung erst nach Monaten oder Jahren ein.“ Das Leben mit Vitiligo lernen Aus ihrer Sprechstunde weiß Dr. Hartmann, wie positiv sich eine erfolgreiche Behandlung auf die Lebensqualität auswirken kann. „Ich erinnere mich sehr gut an eine 15-jährige Patientin. Sie litt seelisch sehr stark und wurde in der Schule ausgegrenzt. Als die Therapie bei ihr eine deutliche Repigmentierung der Haut erreichte, berichtete sie mir stolz, dass sie jetzt eine Friseurlehre macht und einen Partner hat – sie ist richtig aufgeblüht!“ Sowohl Anke Hartmann als auch Georg Pliszewski wollen Betroffenen Mut machen. „Es gilt, das Leben mit Vitiligo zu lernen“, sagt der engagierte Patient. Er rät, sich Rituale zu schaffen und sich selbst Gutes zu tun, etwa jeden Sonntag einen Waldspaziergang zu machen. „Natürlich verschwinden die Flecken dadurch nicht, aber man gewinnt das Gefühl zurück, der Erkrankung nicht ausgeliefert zu sein, sondern das eigene Leben gestalten zu können.“ Auch die Teilnahme an lokalen Selbsthilfegruppen des Deutschen Vitiligo-Bunds können unterstützend wirken. Tritt die Hautveränderung bereits im Kindesalter auf, sei es außerdem wichtig, dass Eltern Ruhe bewahren. „Man sollte das Kind aufklären, aber nicht verängstigen und stattdessen seinen Selbstwert stärken. Eltern können ihrem Kind etwa zeigen, dass die Vitiligo ein Alleinstellungsmerkmal ist oder dass es inzwischen auch Models damit gibt“, sagt Dr. Hartmann. „Bei Bedarf können auch Lehrkräfte einbezogen werden, um Mitschülerinnen und Mitschüler aufzuklären. Und: Äußert das Kind, die oder der Jugendliche einen Therapiewunsch, sollten Eltern das ernst nehmen und Unterstützung anbieten.“ Allen Patientinnen und Patienten – unabhängig vom Alter – möchte die Dermatologin drei Dinge mit auf den Weg geben: „Suchen Sie sich Ärztinnen und Ärzte, die sich mit Vitiligo auskennen, nehmen Sie bei Bedarf psychotherapeutische Hilfe in Anspruch und haben Sie Geduld – die Behandlung der Vitiligo ist kein Sprint, sondern ein Langstreckenlauf.“ Save the date: Deutscher Vitiligo-Tag 2026 Von Betroffenen für Betroffene: Am Samstag, 27. Juni 2026, findet in Erlangen der 4. Vitiligo-Tag des Deutschen Vitiligo-Bunds statt – eine bundesweit einzigartige Informations- und Austauschveranstaltung rund um die Weißfleckenkrankheit. Von 9.00 bis 17.00 Uhr erwartet Betroffene, Angehörige und Interessierte im Hörsaal Östliche Stadtmauerstraße 11 in Erlangen ein vielfältiges Programm. www.vitiligo-bund.de/informationen/deutscher-vitiligo-tag-2026 PD Dr. Anke Hartmann, Oberärztin der Hautklinik des Uniklinikums Erlangen, ist auf Vitiligo und andere Pigmentstörungen spezialisiert. Georg Pliszewski ist Gründungsmitglied und erster Vorsitzender des Deutschen Vitiligo-Bunds. Hautklinik Sprechstunde für Pigmentstörungen Telefonische Terminvereinbarung: 09131 85-33842 (8.00–11.00 Uhr) E-Mail: hochschulambulanz.de@uk-erlangen.de www.hautklinik.uk-erlangen.de Deutscher Vitiligo-Bund e. V. Telefon: 09195 992039 E-Mail: mail@vitiligo-bund.de www.vitiligo-bund.de | 15 Titel
Die Qual der Quaddeln NESSELSUCHT Es brennt, juckt und die Haut bildet Quaddeln – wie nach dem Kontakt mit einer Brennnessel. Für Menschen mit Urtikaria, der sogenannten Nesselsucht, gehören diese Beschwerden oft zum Alltag. Welche Ursachen es gibt und was hilft. VON MAGDALENA HÖGNER Von jetzt auf gleich geht es los: Die Haut beginnt zu jucken, rötet sich, schwillt an. Es bilden sich Quaddeln – rötliche bis blasse Erhebungen wie bei einem Brennnesselausschlag. Manchmal kommen Angioödeme hinzu, also starke Schwellungen des Unterhautgewebes, meist im Gesicht, etwa an den Lippen, Wangen oder Augenlidern. „Die Urtikaria, auch Nesselsucht genannt, ist eine Hauterkrankung, die oft plötzlich und scheinbar ohne Ursache auftritt“, erklärt PD Dr. Nicola Wagner, Sprecherin des Allergiezentrums und Leiterin der Allergieambulanz der Hautklinik des Uniklinikums Erlangen. Weitverbreitet, stark belastend Fast jede vierte Person ist im Lauf ihres Lebens mindestens einmal betroffen – Frauen häufiger als Männer. Oft verläuft die Erkrankung unproblematisch und heilt nach kurzer Zeit von allein ab. „Dann spricht man auch von einer akuten spontanen Urtikaria“, so die Dermatologin. Doch bei bis zu einem Prozent der Menschen weltweit ist die Nesselsucht chronisch – die Beschwerden dauern länger als sechs Wochen an oder kommen über Monate oder Jahre hinweg immer wieder. „Diese Form ist besonders belastend. Aufgrund des starken, teils schmerzhaften Juckreizes schlafen viele Betroffene schlecht und können sich im Alltag kaum konzen- trieren. Hinzu kommt die optische Veränderung der Haut. Einige ziehen sich dann aus Scham von ihrem sozialen Umfeld zurück“, erläutert Dr. Wagner. Auch wenn die Nesselsucht für Betroffene sehr belastend ist, lässt sie sich in den allermeisten Fällen gut unter Kontrolle bringen. PD Dr. Nicola Wagner Achtung, Lebensgefahr! Ein Angioödem im Mund- oder Halsbereich kann zu einer potenziell lebensbedrohlichen Einengung der Atemwege führen. In diesem Fall ist eine sofortige ärztliche Behandlung erforderlich. 16 | Titel
Komplexe Ursachen Sowohl bei der akuten als auch bei der chronischen spontanen Urtikaria schüttet der Körper den Botenstoff Histamin aus, der die typischen Hautreaktionen hervorruft. Die Auslöser dafür sind jedoch vielfältig: Bei der akuten Form liegt häufig eine Infektion zugrunde, etwa ein grippaler Infekt oder eine Mandel- beziehungsweise Nasennebenhöhlenentzündung. Die chronische spontane Nesselsucht ist hingegen manchmal auf einen versteckten chronischen Entzündungsherd, etwa im MagenDarm-Trakt oder im Zahnbereich, zurückzuführen. Auch Autoantikörper, die sich fälschlicherweise gegen körpereigene Strukturen richten, können die Erkrankung auslösen. Zudem gibt es Hinweise da- rauf, dass körperlicher oder psychischer Stress die Beschwerden verstärken kann. „Bei rund der Hälfte aller Betroffenen kann die Ursache leider nicht näher bestimmt werden“, betont Dr. Wagner. Juckreiz, lass nach! Die Behandlung der Urtikaria erfolgt meist symptomatisch. „Zur Linderung der Beschwerden wird zunächst ein Antihistaminikum verabreicht, also ein Medikament, das die Wirkung des Botenstoffs Histamin blockiert. Klingt die Hautreaktion nicht ausreichend ab, erhöhen wir die Dosis“, erklärt Dr. Wagner. „Bleiben die Beschwerden weiterhin bestehen, kommen die Wirkstoffe Omalizumab, Dupilumab oder Remibrutinib zum Einsatz, während in besonders schweren Fällen Immunsuppressiva notwendig sein können, die das Immunsystem unterdrücken. Wenn zusätzliche Symptome bestehen oder ein Verdacht auf begleitende Erkrankungen vorliegt, ist eine interdisziplinäre Abklärung sinnvoll, um andere Diagnosen auszuschließen oder zu bestätigen“, sagt die Hautärztin. „Gegebenenfalls sollte dann auch die Grunderkrankung mitbehandelt werden.“ Gute Prognose „Auch wenn die Nesselsucht für Betroffene sehr belastend ist, lässt sie sich in den allermeisten Fällen gut unter Kontrolle bringen“, bekräftigt Dr. Wagner. „Bei vielen Patientinnen und Patienten bessern sich die Beschwerden im Verlauf deutlich oder verschwinden sogar vollständig.“ Verwechslungsgefahr In manchen Fällen ist ein Angioödem auch auf einen erblichen Gendefekt zurückzuführen. Man spricht dann auch von einem Hereditären Angioödem (HAE). Anders als bei der Nesselsucht juckt die Schwellung nicht, kann aber durch den Druck im Gewebe Schmerzen verursachen. Da die Gewebeveränderung jedoch nicht wie bei der Nesselsucht auf eine Histaminausschüttung zurückzuführen ist, sprechen Betroffene in der Regel nicht auf Antihistaminika an. Eine sorgfältige Diagnostik und Behandlung in einem spezialisierten Zentrum sind daher entscheidend. Kälte, Hitze, Wasser, Druck Bei einzelnen Patientinnen und Patienten sind physikalische Reize wie Hitze, Kälte, UV-Strahlung, Reibung oder Druck Auslöser für die Beschwerden. Dann handelt es sich um eine chronisch induzierbare Urtikaria. Die Hautreaktion ist dabei in der Regel auf das Areal begrenzt, auf dem der Reiz auftrat, und klingt langsam ab, sobald dieser verschwindet. Hautklinik Sprechstunden für Urtikaria und Angioödeme Telefonische Terminvereinbarung: 09131 85-33836 (8.00–13.00 Uhr) E-Mail: allergieambulanz@uk-erlangen.de www.hautklinik.uk-erlangen.de | 17 Titel
Auf Pilzsuche NAGELPILZ Wer seine Füße erfolgreich von Nagelpilz befreien will, braucht Ausdauer. Warum allerdings nicht nur spezieller Nagellack, sondern oft auch eine innerliche Therapie notwendig sein kann, erklärt Dr. Andreas Maronna. VON FRANZISKA MÄNNEL Schwimmbad, Sauna, Joggingschuh: „Einen Nagelpilz an den Füßen kann man sich leider fast überall einfangen“, sagt Dermatologe Dr. Andreas Maronna. „Aber ein feucht-warmes Milieu, nasse Füße und enge Schuhe fördern die Entstehung, ebenso eine schlechte Durchblutung, beispielsweise bei Diabetes.“ Bei einem Pilzbefall färbt sich der betroffene Nagel weißlich, gelblich oder bräunlich, er hebt sich immer mehr vom Nagelbett ab, verdickt sich und wird brüchig – „richtig bröselig“, sagt Dr. Maronna. Unschöne Farbveränderungen allein lassen nicht auf eine Nagelpilzinfektion (Onychomykose) schließen. Denn Verfärbungen können laut dem Experten auch durch wiederholte Stöße oder Druck entstehen – etwa in Sportschuhen. „Eine saubere Diagnostik ist deshalb wichtig. Sonst haben wir den Fall, dass ein Patient seit zwei Jahren erfolglos seinen vermeintlichen Nagelpilz behandelt – der am Ende gar keiner ist.“ Erste Anlaufstelle ist die hausärztliche beziehungsweise eine dermatologische Praxis. Dass der Nagelpilz von allein wieder verschwindet, ist unwahrscheinlich. Dr. Andreas Maronna 18 |Titel
Pilzbestimmung per PCR-Test Für die Diagnostik wird in der Regel Nagelmaterial entnommen und im Labor auf einen Nährboden gegeben, um zu beobachten, ob sich darauf ein Pilz anzüchten lässt. Dr. Maronna betont: „Wichtig ist, dass die Patientin oder der Patient noch nicht mit speziellem Nagellack begonnen hat beziehungsweise, dass diese Behandlung mindestens vier Wochen lang ausgesetzt wurde, denn: Der Lack enthält pilzabtötende Substanzen, sodass dann im Labor zwangsläufig nichts wächst.“ Genauer und schneller als mit einer Pilzkultur lassen sich Erreger mit dem molekularbiologischen Verfahren der Multiplex-Polymerase-Kettenreaktion, kurz PCR, nachweisen. „Auch in der Erlanger Hautklinik können wir geeigneten Patientinnen und Patienten die Myko-PCR anbieten. Das Ergebnis liegt meist innerhalb einiger Tage vor; bei der Pilzkultur dauert es hingegen ein paar Wochen“, erklärt Andreas Maronna. In die Zange genommen Ist die Diagnose gesichert, kann der Nagelpilz äußerlich und innerlich bekämpft werden. „Äußerlich angewendete Lacke kann man versuchen, wenn maximal 50 Prozent des Nagels – von der Außenseite kommend – betroffen sind und nicht mehr als drei Nägel insgesamt“, sagt der Hautarzt. „Bei größerem Befall sind ergänzend Tabletten ratsam. Aber auch wer die einnimmt, sollte zusätzlich Lack auftragen. So wird der Pilz innerlich und äußerlich in die Zange genommen.“ Entscheidend ist, den kaputten Nagel vorzubereiten – entweder selbst oder im Rahmen einer medizinischen Fußpflege. „Der aufgeweichte, verdickte Nagel muss zuerst heruntergeschmirgelt und gefeilt werden, sodass er dünner wird und der Nagellack überhaupt tief genug eindringen kann“, erläutert Dr. Maronna. Ohne diese Vorarbeit habe eine Nagellackbehandlung wenig Aussicht auf Erfolg. Und selbst dann braucht es Geduld: Mindestens sechs bis zwölf Monate müsse man für die innerliche und äußerliche Nagelpilzbehandlung einplanen, denn Fußnägel wachsen verhältnismäßig langsam. „Dass der Pilz von allein wieder verschwindet, ist unwahrscheinlich“, stellt der Experte klar. „Es ist für viele in erster Linie kosmetisch störend, kann aber auch andere medizinische Probleme nach sich ziehen. Betroffene haben nämlich in der Regel auch Fußpilz. Beide Mykosen zusammen greifen die Hautbarriere an und machen anfälliger für bakterielle Infektionen.“ Wer sich für die innerliche, also die systemische Therapie, entscheidet, wird vorher gut aufgeklärt. „Bei dem Antimykotikum Terbinafin, das täglich eingenommen wird, kann es zum Beispiel zu Geschmacksstörungen oder Magen-Darm-Problemen kommen. Auch Veränderungen bei der Blutbildung wurden vereinzelt beobachtet“, zählt Dr. Maronna auf. „Bei Menschen, die insgesamt viele verschiedene Medikamente einnehmen, achten wir besonders auf mögliche Wechselwirkungen. Diese können beispielsweise mit Mitteln gegen Bluthochdruck auftreten.“ Dr. Andreas Maronna ist Oberarzt der Hautklinik, Leiter der Andrologie und u. a. Experte für Haut- und Nagelpilz. Nagelpilz vermeiden Zur Vorbeugung gehören vor allem gut sitzende, atmungsaktive Schuhe, Badeschlappen in Schwimmbädern und Hotels, das Waschen von Socken und Handtüchern bei mindestens 60 Grad, das gründliche Abtrocknen der Füße nach dem Baden oder Duschen sowie eine regelmäßige Fußpflege, vor allem bei Menschen mit Diabetes oder Durchblutungsstörungen. | 19 Titel
Lebendige Beispiele MENTORINNEN UND MENTOREN Wenn ein Kind an Krebs erkrankt, kann es ängstlich sein, sich erschöpft, niedergeschlagen oder einsam fühlen. Was da wohl alles noch kommt? Junge Frauen und Männer, die den Krebs überwunden haben, zeigen Patientinnen und Patienten, dass es eine Zeit nach der Krankheit gibt. VON FRANZISKA MÄNNEL „Sie haben mir den ganzen Lymphknoten rausgenommen“, erzählt Yeliz, während sie kleine runde Steine mit Filzstiften bemalt. Die Zehnjährige, die 2025 die Diagnose Lymphdrüsenkrebs bekam, sitzt im Spielzimmer der kinderonkologischen Station des Uniklinikums Erlangen – zusammen mit einer anderen Patientin und mit Emilia, Nico und Jarl. Die drei jungen Erwachsenen waren vor wenigen Jahren selbst noch in der Onkologie in Behandlung. Heute schenken sie anderen Betroffenen ihre Zeit und teilen Erfahrungen – im Rahmen eines Mentorenprogramms. Einmal im Monat gibt es ein Kreativprojekt für die Kinder und Jugendlichen auf Station. „Das soll ein Tic-Tac-Toe-Spiel werden, ein ,Drei gewinnt‘“, erklärt Mentorin Emilia die Idee für heute. „Die Steine kommen dann in ein kleines Stoffsäckchen, und da malen wir das Spielfeld drauf.“ Ende 2023 bekam die heute 20-Jährige dieselbe Diagnose wie Yeliz: Hodgkin-Lymphom. Auch Emilia wurde am Uniklinikum Erlangen behandelt. Seit Anfang 2024 ist die junge Frau krebsfrei. „Und, wie verträgst du die Behandlung?“, fragt sie Patientin Yeliz. „Von der Chemo wird mir immer heiß, aber übel eigentlich nicht“, antwortet das Mädchen, das im Zuge der Therapie seine langen, dunkelbraunen Haare verloren hat. Auch Jarl, 18 Jahre alt, ist heute krebsfrei; der 22-jährige Nico hat eine schwere Störung der Knochenmarksfunktion überstanden. Genau wie Emilia engagieren sich die beiden seit ein paar Monaten ehrenamtlich in der Kinderonkologie. Sie alle sind lebendige Beispiele dafür, dass es sich trotz Krebs lohnt, mutig nach vorn zu schauen. Bist du bereit dafür? Das Mentorenprogramm wird von der Elterninitiative krebskranker Kinder Erlangen e. V. organisiert und vollständig durch Spenden finanziert. Aktuell beteiligen sich daran sieben junge Survivor – also Krebsüberlebende beziehungsweise Überlebende Die Initiatorinnen Eva-Maria Wild und Julia E., beide ehemalige Krebspatientinnen, haben das Erlanger Mentorenprogramm 2014 ins Leben gerufen. „In der Coronazeit wurde es leider ziemlich heruntergefahren und wir sind froh, dass wir 2025 mit neuen Ehrenamtlichen wieder durchstarten konnten“, erklärt Julia E. Eva-Maria Wild, die in der Erlanger Kinderonkologie erst Mentorin und später sogar Ärztin wurde, sagt: „Es geht bei diesem Angebot um die Momente zwischen den Therapien, um Gefühle, ums Mutmachen. Um Fragen, die Ärztinnen und Ärzte nicht beantworten können, zum Beispiel: Wie fühlt es sich an, ohne Haare rauszugehen?“ – Julia E. ergänzt: „Ein krebskrankes Kind hört oft viele aufmunternde Worte von Erwachsenen. Aber wenn jemand sagt ,Ich weiß, wie sich das anfühlt‘, hat das eine ganz andere Wirkung.“ 20 | Feature
„Keep going!“ – Survivor wie Jarl und Emilia machen krebskranken Kindern und Jugendlichen Mut und schenken ihnen Zuversicht und Verständnis. Sie sind der lebende Beweis dafür, dass es sich lohnt, zu kämpfen. einer ähnlich schweren Erkrankung. Die meisten von ihnen sind parallel noch mit Schule, Ausbildung oder Studium beschäftigt, einige stehen schon im Berufsleben. Gemeinsam gestalten sie in der Kinderonkologie wechselnde Aktionen: von Plätzchenbacken und Osterbasteln über Cocktailmixen und Freundschaftsbänder-Knüpfen bis hin zum heutigen Tic-Tac-Toe-Event. „Unsere Ehrenamtlichen bringen alle selbst schwere Schicksale mit“, verdeutlicht Ulrike Hetzner, Psychologin bei der Elterninitiative und Koordinatorin des Projekts. „Bei einem Vorab-Gespräch und einem Schnupperbesuch in der Klinik klären wir deshalb zuerst, ob sich die- oder derjenige so ein Ehrenamt wirklich vorstellen kann. Ich sehe mir an, wie weit die jeweilige Person mit der eigenen Verarbeitung ist, inwieweit sie bereit ist, sich zu konfrontieren, welche Ängste es vielleicht noch gibt und wie gut sich jemand abgrenzen kann.“ In begleitenden Kommunikationstrainings werden die Survivor zum Beispiel im aktiven Zuhören geschult und darin, die Bedürfnisse der Patientinnen und Patienten nie aus den Augen zu verlieren. Dabei stabilisieren sich die Mentorinnen und Mentoren auch gegenseitig, fangen einander auf und fühlen sich in ihrer Gemeinschaft verstanden. Die MentorenCommunity freue sich jederzeit über Zuwachs, wie Ulrike Hetzner betont. „Ich erinnere mich an ein Mädchen. Es muss 2010 gewesen sein, als ich noch Psychologin in der Kinderonkologie war“, berichtet sie. „Die Patientin war viele Jahre wegen Leukämie in Behandlung, hatte einen Rückfall und → | 21 Feature
Fortsetzung von S. 21 bekam eine Knochenmarktransplantation. Aber sie hat überlebt. Chiara Pohl ist heute 23 Jahre alt, hat ein Buch über ihre Geschichte geschrieben und mich vor ein paar Tagen angerufen: Sie will Mentorin werden und zeigen, dass Heilung und noch viel mehr möglich ist.“ Für dich und für mich Alle aktuellen Survivor wurden selbst in Erlangen behandelt. In die Klinik zurückzukehren, bedeutet, ein Stück weit auch sich selbst und die eigene Vergangenheit wiederzutreffen. „Der Geruch, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von damals, Patientengeschichten – da kommen Erinnerungen hoch“, weiß Ulrike Hetzner. „Aber das bedeutet auch Verarbeitung. Mentor zu sein, ist ein gutes ,Gegenmittel‘ gegen die Ohnmacht, die viele ehemalige Betroffene im Lauf ihrer Erkrankung gespürt haben. Jetzt können sie wieder Selbstwirksamkeit erleben.“ In der Psychologie wird der Begriff des posttraumatischen Wachstums verwendet, wonach aus körperlichem und emotionalem Leid nicht nur eine psychische Belastung, sondern auch Positives erwachsen kann: So können sich Krebsüberlebende nach überstandener Krankheit stärker, empathischer und dankbarer fühlen als vorher. Nicht selten richten sie ihren Kompass neu aus und verfolgen ganz bewusst die Dinge, die ihrem Leben Sinn geben. „Ich will etwas zurückgeben“, begründet Mentor Nico seine Motivation. Von seinem 15. bis zu seinem 19. Lebensjahr wurde er in der Kinderonkologie wegen einer seltenen Knochenmarkserkrankung betreut. „Ich habe mich als Patient immer so gut aufgehoben gefühlt. Vor allem Sport und psychologische Gespräche haben mich als Jugendlicher abgeholt“, sagt er und ergänzt lachend: „Klinikclowns eher weniger. Insofern denke ich, dass ich gerade für Jugendliche da sein kann. Ich habe auch gemerkt, dass es für Eltern sehr wertvoll ist, mir Fragen zu stellen und meine Erfahrungen zu hören“, erklärt er. „Ich möchte den Patientinnen und Patienten Interesse entgegenbringen und ihnen zeigen, dass sie nicht allein sind. Und ich finde es sinnvoll, ihnen Beschäftigungsangebote zu machen. Viele sind wie ich lange hier und oft ist einem langweilig. Dann ist es schön, die Kraft, die man hat, zum Beispiel für etwas Kreatives zu nutzen“, so der Mentor weiter. Was macht dich aus? „Ich sehe, du hast ein Paris-Trikot an“, richtet sich der 22-Jährige an Patientin Yeliz, die bereits fünf hellblaue Steine für ihr Tic-Tac-Toe-Spiel fertig grundiert hat und nun zu einer rosa Serie übergeht. „Ja, das hat mir mein Papa gekauft“, entgegnet die Ich möchte den Patientinnen und Patienten vermitteln, dass sie nicht allein sind. Nico Nico zeigt den Aushang der Survivorgruppe in der Elternküche auf Station: Wer Kontakt zu den Mentorinnen und Mentoren aufnehmen möchte, kann sich per E-Mail melden. 22 | Feature
Beim Kreativabend kommen Survivor wie Nico, Jarl und Emilia mit Patientinnen wie Yeliz ins Gespräch. Neben Themen wie Hobbys, Familie und Schule geht es dabei auch um persönliche Erfahrungen und Fragen zur Krebstherapie. Mentor zu sein heißt, wieder Selbstwirksamkeit zu erleben. Ulrike Hetzner Zehnjährige. Sportlich interessiere sie sich aber vor allem für Taekwondo und Schwimmen. „Ah, ich habe auch mal Taekwondo gemacht!“, hakt Mentorin Emilia ein. „Ich war schon bei vielen Wettkämpfen“, erzählt Yeliz weiter, „zum Beispiel in Innsbruck. Ich habe auch schon Gold geholt“, berichtet sie stolz. „Beim letzten Mal habe ich dann schlecht Luft bekommen. Mein Papa meinte, ich muss an meiner Atmung arbeiten. Aber dann kam raus, dass die Schwellung am Hals von meiner Krebserkrankung kam. Wenn die Chemo vorbei ist, kann ich wieder besser atmen.“ Das Mentoren-Team erkundigt sich bei Yeliz nach weiteren Hobbys, nach ihren Geschwistern und Haustieren. „Wenn alles gut läuft, dürfen wir Samstag zwei Tage nach Hause“, freut sich das Mädchen. Im Nebenraum berichtet Yeliz’ Vater, seine Tochter sei für alles zu begeistern: ob Karottenschälen beim Freitagskochen in der Elternküche, Schlagzeugspielen in der Musiktherapie oder Basteln mit den Mentorinnen und Mentoren. Yeliz besuche die vierte Klasse, wolle unbedingt aufs Gymnasium. „Sie liebt die Schule, geht weiterhin mit Perücke und Maske zum Unterricht. Sie hat Ziele. Und der Sport gibt ihr Stärke“, sagt er. „Das Mentorenprogramm ist wirklich ein ganz tolles Projekt. Es bedeutet ihr viel, sich mit anderen auszutauschen und neue Kontakte zu knüpfen.“ Wir kommen zu dir Doch nicht alle krebskranken Kinder und Jugendlichen können die Gruppenangebote wahrnehmen. Manche müssen in Isolierzimmern bleiben, um sich vor Infekten zu schützen. Andere fühlen sich einfach zu schlapp oder sind nicht in Stimmung. Zu Beginn gehen die Survivor deshalb grundsätzlich bei allen vorbei, stellen sich und ihr → Ulrike Hetzner ist Psychologin, Psychologische Psychotherapeutin und Pädiatrische Psychoonkologin. Nach jedem Stationsbesuch reflektiert sie das Erlebte gemeinsam mit den Mentorinnen und Mentoren und ist auch sonst immer ansprechbar für sie. | 23 Feature
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