KOLUMNE – KLEINE SP[R]ITZE Langsam laufen ist gesund – sagt die Wissenschaft. Mein Ego sieht das anders. VON MAGDALENA HÖGNER Aufruf zur Langsamkeit Seit ich 16 bin, schlüpfe ich regelmäßig in die Laufschuhe. 2023 nahm ich zum ersten Mal an einem Laufwettkampf teil. Letztes Jahr absolvierte ich meinen ersten Halbmarathon. Und für 2026 ist sogar die Königsdisziplin geplant: der Marathon (Quarter-LifeCrisis lässt grüßen!). Man könnte sagen: Ich liebe Laufen. Und zwar am liebsten schnell. Tempolauf, Intervalle, Bergsprints? Ich bin dabei! Getreu dem Motto: Wer schneller läuft, muss kürzer leiden. Doch seit ich für den Marathon trainiere, werde ich immer öfter mit einer Art des Laufens konfrontiert, die ich so gar nicht ins Herz schließen kann: Zone-2Training. Das ist eine Form des Ausdauertrainings, bei dem die Herzfrequenz nur etwa 60 bis 70 Prozent des Maximalwerts entsprechen soll. Anders gesagt: Es geht darum, in einem Tempo zu laufen, bei dem man sich noch gut unterhalten kann. Und zwar je nach Trainingsstand 30 bis 60 Minuten lang. Fortgeschrittene laufen 90 Minuten oder sogar noch länger. Auch in meinem Instagram-Feed, der mich seit Wochen mit Lauf-Content flutet, sind sich alle einig: Zone-2-Training ist der Schlüssel zum Marathon – wenn nicht sogar die neue Religion des Laufsports. Wo früher galt „höher, schneller, weiter“, heißt es nun „langsam, langsamer, Zone 2“. Und die Gläubigen in den sozialen Netzwerken haben tatsächlich recht, denn es ist wissenschaftlich belegt: Zone-2-Training stärkt das Herz-Kreislauf-System, verbessert langfristig den Energiestoffwechsel und beugt Verletzungen vor. Kurz: GGG – gut für Gesundheit und Grundlagenausdauer. Hinzu kommt: Da man sich ja noch unterhalten kann (Stichwort „Talk-Test“), lässt sich die Laufeinheit wunderbar zum Telefonieren mit Freundinnen und Freunden oder mit dem Partner oder der Partnerin nutzen. Wer braucht schon Wolke 7, wenn es Zone 2 gibt? Doch wenn langsames Laufen so effektiv ist, frage ich mich: Warum fällt es mir so schwer? Ich ahne, woran es liegt – und es fällt mir nicht leicht, mir das einzugestehen: Könnte es sein, dass mich mein Ego davon abhält? In den vergangenen Jahren waren Lauf-Apps voll mit Bestzeiten. Eine schneller als die andere. Und ich mittendrin – immer auf der Jagd nach dem nächsten Rekord. Getrieben von vermeintlichen Standards, die zu meinem inneren Anspruch wurden. Stets mit dem Gedanken: Wenn ich langsamer bin als beim letzten Mal, bin ich als Läuferin gescheitert. Niemand ist beeindruckt. Nicht mal ich selbst. Dass das Unsinn ist, weiß ich. Dennoch fühlt es sich so an. Vielleicht fällt mir das langsame Laufen auch deshalb so schwer, weil es allem entgegensteht, was in der schnelllebigen Leistungsgesellschaft als erstrebenswert gilt. Denn heutzutage wird alles optimiert: die Ernährung, der Körper, ja sogar der Schlaf. Produktivität und Effizienz als Maxime. Dabei tut Langsamkeit gut. Nicht nur beim Laufen, sondern auch im Alltag: Gemächliches Gehen reduziert Stress und verbessert die Stimmung. Achtsamkeit bei Mahlzeiten hilft, emotionales Essen zu vermeiden. Und Monotasking ist nicht nur effizienter als Multitasking, sondern auch weniger stressig und weniger erschöpfend. Ich habe deshalb einen neuen Vorsatz: Ich möchte ab sofort mehr Zone 2 wagen – beim Laufen und im Alltag. Also gehe ich jetzt laufen. Ganz langsam, ganz achtsam. Mein Ego bleibt heute zu Hause. Was lassen Sie am liebsten langsam angehen? E-Mail: magdalena.hoegner@uk-erlangen.de | 37 Medizin
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