Gesundheit erlangen - Herbst 2026

KOLUMNE – KLEINE SP[R]ITZE Von fränkischer Gastlichkeit, Veränderungswünschen, Widerständen und den ersten Schritten in eine neue Richtung. VON FRANZISKA MÄNNEL Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war? Ich war kürzlich in der Fränkischen Schweiz wandern. In einem Biergarten an der Wiesent fragte meine Freundin todesmutig – weil wir alle schon mal ein augenrollendes Nein geerntet haben – nach Hafermilch. Freudestrahlend öffnete die Mittfünfzigerin hinter der Theke den Kühlschrank und trällerte „Jahaaa, haben wir! Ich habe den Harald lange damit genervt. Er wollte ewig keine. Er will nämlich immer alles so lassen, wie es ist.“ Haralds Gesicht sprach Bände. Band 1: peinliche Berührtheit. Band 2: Missmut, weil sie schon wieder damit anfängt. Band 3: Vorsichtige Freude über zwei glückliche Kundinnen. „Das gibt halt Sicherheit“, murmelte er. „Ich nerve ihn auch seit zwei Jahren damit, dass wir endlich mal Aperol Spritz auf die Karte setzen sollten“, fuhr die lustige Frau fort. „Den würden wir dann auch bestellen!“, ermutigte ich die beiden. Seitdem denke ich über die kleinen und großen Veränderungen in unserem Leben nach. Unsere Spezies bevorzugt ja häufig das Vertraute, selbst wenn eine Alternative vorteilhaft sein könnte. Die Psychologie nennt das Status-quo-Bias (Bias = Verzerrung). Er kann mit erklären, warum Menschen ungute Gewohnheiten nicht ablegen, an schlechten Beziehungen und noch schlechteren Jobs festhalten und Abos haben, die sie längst hätten kündigen sollen. Das Bestehende fühlt sich sicher an. An der Hafermilch durchexerziert: Biergartengäste bestellen seit jeher Kaffee mit Kuhmilch. Veränderung bedeutet Aufwand (Pflanzenmilch kaufen), Unsicherheit (Hilfe, ich kenne mich mit dem Zeug nicht aus!) und ein ungewisses Ergebnis (Wird das nachgefragt?). Zudem werden mögliche Verluste (verdorbene Hafermilch) häufig stärker gewichtet als potenzielle Gewinne (neue zufriedene Kundinnen und Kunden). Wie aufgeschlossen jemand für Neues ist, hängt auch mit der Persönlichkeit zusammen. Besonders relevant Wann haben Sie das letzte Mal etwas (grundlegend) verändert? E-Mail: franziska.maennel@uk-erlangen.de ist die Eigenschaft Offenheit für Erfahrungen: Menschen mit hoher Ausprägung interessieren sich im Durchschnitt stärker für neue Ideen und Lebensformen und stehen Ungewohntem oft aufgeschlossener gegenüber. Entscheidend ist aber auch die Umwelt: Angesichts weltweiter Krisen, KI, Dauererreichbarkeit und unendlicher Wahlmöglichkeiten sehnen sich nicht wenige nach Einfachheit und Vertrautem, nach Orientierung und Kontrolle. Denn wenn die Welt immer unübersichtlicher wird, kann das Angst machen. Die Wissenschaft zeigt, dass Individuen und Gruppen bei wahrgenommenen Bedrohungen dazu neigen, auf eingeübte Reaktionen zurückzugreifen – auch wenn diese gar nicht mehr angemessen sind. Das kann Menschen empfänglicher für Angebote machen, die eine Rückkehr zu vermeintlich klareren Verhältnissen versprechen – mit einfachen Feindbildern, festen Hierarchien und traditionellen Rollenmustern. Während Nürnberg schon Ube Latte trinkt, ringt Harald noch mit der Hafermilch. Aber jeder hat eben sein eigenes Tempo. Und: Nicht jeder Trend bedeutet Fortschritt. Nachdem meine Freundin und ich die neue Getränkeauswahl ausgiebig gelobt hatten, sagte die Frau an der Ausgabe: „Siehst du, Harald. Und als Nächstes richten wir dir PayPal ein!“ Erschrocken blickte er zum Himmel. „Nicht so viel auf einmal!“, schien er zu denken. Aber wer weiß, möglicherweise kann man bei Harald eines Tages sogar mit Karte zahlen. Zum Abschied winkte er uns nach – vielleicht sogar ein bisschen stolz darauf, etwas Neues ausprobiert zu haben. | 41 Medizin

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