Ganz nah Frühchenbetreuung in der Klinik und zu Hause Polyneuropathie Eine Stimulation des Rückenmarks kann helfen Täglich Brot Ist das Backwerk Dickmacher oder Abnehmhelfer? Das kostenlose Magazin des Uniklinikums Erlangen | www.gesundheit-erlangen.com | Herbst 2026 ■ Gefährliche Enge: Hilfe bei verkalkter Halsschlagader ■ Alle für die Aorta: Teamwork bei lebenswichtigen OPs ■ Nicht in Form: wenn Blut- oder Lymphgefäße fehlgebildet sind Gesunde Gefäße
| 3 Editorial Frankreich kann Baguette. Das habe ich bei einem Roadtrip durch die Bretagne dieses Jahr erst wieder feststellen dürfen. Es gehört dort einfach zum Lebensgefühl, täglich eine lokale Bäckerei aufzusuchen und sie mit mindestens zwei knusprigen Brotstangen unter dem Arm wieder zu verlassen. Noch vor Erreichen des Campervans wird dann schon gierig das erste Stück abgerissen, weil es einfach zu verführerisch duftet und aussieht. Als wir eines Tages in einem Restaurant in einem kleinen Künstlerort zu Mittag aßen und man uns herrlichstes, fluffig-weiches Brot reichte (kein Baguette!), wollte ich unbedingt wissen, wo es gebacken wurde. Daraufhin schickte man uns zwei Straßen weiter, zur ältesten Bäckerei des Ortes, in der wir dann mit Händen und Füßen (und nur wenigen Französischvokabeln) jenes schmackhafte Backwerk beschrieben und schließlich kauften. Ich liebe gutes Brot! Und wir Deutschen haben so viel Auswahl wie keine andere Nation auf der Welt: Über 3.200 Brotsorten gibt es hierzulande. Während in Frankreich simple Weizenbrote dominieren, ist die Vielfalt bei uns unerschöpflich – vom Roggenmischbrot über die Dinkelkruste bis hin zum Emmer-Urkorn. Und obwohl Brot fest zu unserer (Ess-)Kultur gehört, kommt es bei einigen Menschen immer seltener auf den Teller: zu viele Kohlenhydrate, zu viele KaloBesser als gedacht? Chefredakteurin von „Gesundheit erlangen“ rien und ungesundes Gluten, heißt es dann oft. Aber was ist dran an diesen Vorurteilen? Ist Brot wirklich ein ungesunder Dickmacher oder doch eine solide Ballaststoffbasis? Die Expertinnen und Experten des Hector-Centers für Ernährung, Bewegung und Sport des Uniklinikums Erlangen gehen diesen Fragen auf den Grund (S. 50). Ganz genau hinsehen muss auch das Team des Aortenboards, das gemeinsam darüber entscheidet, wann und wie lebenswichtige Eingriffe an der Hauptschlagader – der Aorta – durchgeführt werden. Der fachübergreifende Ansatz half u. a. dem Studenten Hannes R. (S. 12). Daneben berichtet die 71-jährige Monika F., warum sie ihre verengte Halsschlagader operieren ließ und was sie für einen gesunden Lebensstil tut (S. 8). Wesentlich seltener als derartige Verkalkungen sind angeborene Fehlbildungen der Lymph- oder Blutgefäße. Doch auch für diese gibt es am Uniklinikum Erlangen eine Spezialambulanz – die einzige in ganz Nordbayern (S. 16). Und weil gilt „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein“, wünsche ich Ihnen nun eine erkenntnisreiche Lektüre und neue Anregungen für einen gesunden Alltag. Ganz nah ... durfte ich für diese Ausgabe zwei Frühchenfamilien begleiten. Das war auf vielen Ebenen bewegend: weil das Team der Neonatologie so liebevoll mit den Kindern umgeht, weil die Eltern alles so bewundernswert meistern, weil selbst die Kleinsten schon so große Kämpferinnen und Kämpfer sind und weil der Bunte Kreis Erlangen die Familien auch zu Hause nicht allein lässt. Lesen Sie selbst (S. 20)!
4 | Themen dieser Ausgabe HILFE BEI POLYNEUROPATHIE Schmerzen und hoch dosierte Schmerzmittel waren die ständigen Begleiter von Tanja W.-G. Ihre letzte Hoffnung: eine Rückenmarkstimulation. 3 Editorial NEUES AUS DEM UNIKLINIKUM 6 Mit Theranostik gezielt gegen Krebs | Spatenstich für CARE-MED 7 Muttermilch für alle TITEL 8 Den Engpass gemeistert Eingriffe bei verengter Halsschlagader 12 Alle für die Aorta Teamwork bei lebenswichtigen OPs 16 Ein Wollknäuel aus Gefäßen Behandlung seltener Gefäßfehlbildungen FEATURE 20 Ganz nah Wie Frühgeborene in der Neonatologie versorgt und zu Hause weiter betreut werden MEDIZIN 26 (M)ein Kind in Not Erste Hilfe bei Kindern 32 Medizin gestern und heute Vom Starstich zur Laserchirurgie 36 Ein Türsteher gegen Schmerzen Behandlung der diabetischen Polyneuropathie 40 Mittel der Wahl Zink 41 Kolumne – Kleine Sp[r]itze Über Veränderung und innere Widerstände DEN ENGPASS GEMEISTERT Anfang 2026 wird bei Monika F. eine Verengung der Halsschlagader entdeckt. Dank einer OP ist ihr Schlaganfallrisiko jetzt deutlich gesenkt. 36 8
| 5 Themen dieser Ausgabe MENSCHEN 42 Zwei Seiten von der Biologisch-technischen Assistentin Elisabeth Fantisch 44 Aus dem Medizinkästchen Dermatologin Prof. Dr. Wiebke Sondermann KOPFSACHE 46 Gewitter im Gehirn Welche modernen Therapien helfen gegen Epilepsie? ERNÄHRUNG 50 Gesund genießen Brot: Dickmacher oder gesunde Basis? ERFORSCHT UND ENTDECKT 45 Gesundheitsveranstaltungen im Herbst 53 Das Erfahrungswissen der Pflege bewahren 54 KI statt Kontrastmittel 55 Da-Vinci-OP hilft Brustkrebspatientin AKTIV LEBEN 56 Alarm in der Achillessehne Übungen und Tipps bei Entzündungen ZUM SCHLUSS 60 Krönchen auf, kleiner König! 61 Rätsel | Gewinnspiel 62 Vorschau | Impressum ALARM IN DER ACHILLESSEHNE Die Heilung einer entzündeten Achillessehne ist meist langwierig. Trotzdem können Betroffene mehr tun, als sie oft annehmen. Experte Dr. Mario Pasurka gibt Tipps. FÜRSORGE FÜR DIE KLEINSTEN Eine einfühlsame Betreuung von Kind und Eltern wird in der Neonatologie großgeschrieben. Nach der Entlassung unterstützt der Bunte Kreis die Familien zu Hause. 20 56 Video Weiterführende Informationen Kontaktaufnahme Persönlicher Kontakt zur Redaktion
6 | Neues aus dem Uniklinikum Mit einem Spatenstich haben im Juli 2026 die Bauarbeiten für CARE-MED auf dem Forschungscampus Nord des Uniklinikums Erlangen begonnen. Das „Center for AI-based Real-time Medical Diagnostics and Therapy“ schafft eine Forschungsumgebung, in der Bild- und Sensordaten mit medizinischen Versorgungsdaten zusammengeführt und mithilfe von KI ausgewertet werden. Insbesondere Menschen mit chronisch-degenerativen, entzündlichen und onkologischen Erkrankungen sollen so von früheren und präziseren Diagnosen und individuellen Therapien profitieren. Forschungsbau des Uniklinikums Erlangen für KI-gestützte Präzisionsmedizin Spatenstich für CARE-MED In dem neuen Gebäude entstehen moderne Bildgebungs- und Sensoriklabore. Zur Ausstattung gehören unter anderem ein Magnetresonanztomograf, ein CBogen und ein Motion-CaptureSystem. Rund 100 Forschende aus Medizin, Physik, Ingenieurwissenschaften und Informatik sollen im CARE-MED zusammenarbeiten. Das rund 60 Millionen Euro teure Gebäude wird vom Bund und vom Freistaat Bayern finanziert. Der Rohbau soll Ende 2027 fertig sein, die Inbetriebnahme ist für Ende 2028 geplant. CARE-MED ist ein Projekt des Uniklinikums Erlangen, der FAU und des Fraunhofer IIS. Seit Mai 2026 ist Prof. Dr. Dr. Florian Rosar der neue Direktor der Nuklearmedizinischen Klinik des Uniklinikums Erlangen. Einer seiner Schwerpunkte ist die Theranostik – die Verbindung von präziser Diagnostik und gezielter Therapie, insbesondere bei Krebserkrankungen. Dabei kommen radioaktiv markierte Substanzen, sogenannte Tracer, zum Einsatz, die gezielt an bestimmte Strukturen von Tumorzellen binden. Zunächst macht ein diagnostischer Tracer Tumorherde mittels einer PET/CT- oder SPECT/CT-Bildgebung sichtbar. Anschließend kann Prof. Dr. Dr. Florian Rosar ist neuer Direktor der Nuklearmedizinischen Klinik Mit Theranostik gezielt gegen Krebs ein therapeutischer Tracer dieselben Zielstrukturen nutzen, um diese Tumorherde direkt vor Ort zu bestrahlen. Gemeinsam mit seinem Team möchte Prof. Rosar innovative Radiopharmaka und neue theranostische Verfahren entwickeln und in die klinische Anwendung überführen. Neben Prostatakrebs sollen künftig auch Darm-, Lungen- und Brustkrebs sowie bösartige Bluterkrankungen stärker in den Fokus rücken. Langfristiges Ziel ist es, die Erlanger Nuklearmedizin zu einem international sichtbaren Exzellenzzentrum weiterzuentwickeln.
| 7 Neues aus dem Uniklinikum Muttermilch ist für Säuglinge die beste Ernährung. Doch nicht alle Mütter können ihr Kind unmittelbar nach der Geburt ausreichend mit eigener Milch versorgen: Besonders nach einer Frühgeburt sind die ersten Tage und Wochen häufig von Sorgen, Unsicherheit und großer körperlicher Belastung geprägt – die Milchbildung setzt deshalb häufig verzögert ein. Das Team der Neonatologie der Kinder- und Jugendklinik des Uniklinikums Erlangen hat deshalb nun eine Frauenmilchbank ins Leben gerufen: In dieser wird gespendete Milch von gesunden stillenden Müttern gesammelt, geprüft, pasteurisiert und tiefgekühlt für maximal drei Monate gelagert. Frühgeborene können dann damit versorgt werden, bis ihre Mütter ausreichend eigene Milch bilden. „Muttermilch bietet gegenüber industriell hergestellter Anfangsnahrung viele gesundheitliche Vorteile. Sie enthält nicht nur zahlreiche wertvolle Nährstoffe, sondern auch Antikörper und bioaktive Bestandteile. Das stärkt das Immunsystem von Babys, kann das Risiko Neonatologie des Uniklinikums Erlangen eröffnet Frauenmilchbank für Frühgeborene Muttermilch für alle für Infektionen sowie schwere Darmerkrankungen senken und trägt wesentlich zu einer gesunden kindlichen Entwicklung bei“, erklärt Prof. Dr. Heiko Reutter, Leiter der Neonatologie. Zugleich schenkt die Frauenmilchbank denjenigen Müttern, die nicht stillen können, emotionale Sicherheit: „Ein Frühchen auf die Welt zu bringen, ist für viele Frauen sehr belastend. Ihnen dann die Gewissheit geben zu können, dass ihr Kind dennoch vom ersten Lebenstag an ideal versorgt wird, ist sehr entlastend“, sagt Tanja Schuster, Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin sowie Still- und Laktationsberaterin in der Neonatologie. Die Erlanger Frauenmilchbank unterliegt strengen Hygiene- und Qualitätsstandards, die gemeinsam von der Milchküche, vom Mikrobiologischen Institut – Klinische Mikrobiologie, Immunologie und Hygiene sowie vom Virologischen Institut – Harald-zurHausen-Institut für Virologie des Uniklinikums Erlangen umgesetzt werden. Als Spenderinnen kommen ausschließlich Mütter infrage, deren Kinder in der Neonatologie des Uniklinikums Erlangen in Behandlung sind. Das Pflegeteam spricht geeignete Frauen an und klärt sie über das Prozedere auf. „Die Voraussetzung ist natürlich immer, dass ausreichend Muttermilch für das eigene Kind vorhanden ist“, so Ramona Bantke, Pflegedienstleitung Frauenklinik, Kinderherzchirurgie, Kinderkardiologie, Kinderklinik, Palliativmedizin. „Die Frauenmilchbank ist ein gutes Beispiel dafür, was ein interdisziplinäres, multiprofessionelles Team bewirken kann“, sagt Prof. Reutter. „Dass wir nun zu den wenigen Kliniken in Deutschland gehören, die ihren Frühgeborenen Spenderinnenmilch anbieten können, freut uns sehr.“ Zugleich forscht das Team um Prof. Reutter weiter daran, die Bestandteile von Muttermilch genauer zu entschlüsseln. Perspektivisch könnten diese Erkenntnisse dazu beitragen, die gesundheitsförderlichen Eigenschaften noch besser zu verstehen und gezielt nutzbar zu machen. Viele stillende Mütter bilden mehr Milch, als ihr Kind benötigt. Ist die Versorgung des eigenen Babys gesichert, können sie mit ihrer Milchspende anderen Frühgeborenen helfen.
8 | Titel CAROTISSTENOSE Eine Verengung der Halsschlagader bleibt oft lange unbemerkt – kann das Schlaganfallrisiko aber deutlich erhöhen. Wird sie rechtzeitig entdeckt, lässt sie sich in vielen Fällen gut behandeln. VON MAGDALENA HÖGNER „Ich war schon immer ein harter Knochen!“, sagt Monika F. und lacht. Die 71-Jährige strahlt Lebensfreude und Tatendrang aus. Wäre Eigenverantwortung eine Person, könnte sie ihren Namen tragen: Vor etwa anderthalb Jahren erhielt die Forchheimerin die Diagnose Typ-2-Diabetes. Anstatt den Kopf in den Sand zu stecken, stellte sie ihr Leben grundlegend um: Sie nahm zehn Kilogramm ab, geht seither zweimal pro Woche ins Fitnessstudio und ernährt sich gesund. „Ich konnte mein ganzes Leben alles essen und trinken, was ich wollte. Dann kann ich jetzt auch mal auf meine Naschereien verzichten“, erklärt Monika F. heute schmunzelnd. Und auch als bei ihr Anfang des Jahres eine Carotisstenose – eine Verengung der Halsschlagader durch Gefäßablagerungen – festgestellt wurde, reagierte sie gefasst: „Na gut, das ist jetzt so. Dann mache ich eben das Beste daraus und lasse mich operieren.“ „Deutschlandweit sind jährlich rund 30.000 Schlaganfälle auf eine höhergradige Verengung oder einen Verschluss der Halsschlagader zurückzuführen“, erklärt Dr. Veronika Almási-Sperling, geschäftsführende Oberärztin der Gefäßchirurgischen Abteilung des Uniklinikums Erlangen. „ZuDen Engpass gemeistert gleich variiert das Schlaganfallrisiko bei einer Carotisstenose von Person zu Person – je nach Stelle, Grad und Beschaffenheit der Verengung.“ So ist etwa eine Stenose der inneren Halsschlagader, die für die Sauerstoffversorgung des Gehirns verantwortlich ist, deutlich gefährlicher als eine Stenose der äußeren Halsschlagader. Auch die Art der Ablagerungen ist entscheidend: „Weiche oder instabile Plaques können leichter aufbrechen als harte. Dabei können sich Bestandteile lösen, mit dem Blutstrom ins Gehirn gelangen und dort ein Gefäß verschließen“, so die Oberärztin. Eine oft unsichtbare Gefahr Die Carotisstenose war bei Monika F. ein Zufallsbefund: „Da ich in der Vergangenheit bereits eine behandlungsbedürftige Verkalkung einer Beinarterie hatte und das Risiko für Gefäßablagerungen aufgrund meines Diabetes und einer familiären Vorbelastung insgesamt erhöht ist, riet mir meine Hausärztin dazu, mich einmal vollständig durchchecken zu lassen“, erinnert sich die 71-Jährige. Eine Ultraschalldiagnostik und eine CT-Bildgebung
| 9 Titel C wie Carotis Die Carotis, auch Halsschlagader genannt, verläuft auf beiden Seiten des Halses und transportiert sauerstoffreiches Blut vom Herzen in Richtung Kopf. Etwa auf Höhe des Kehlkopfs teilt sich die Arterie auf jeder Seite in jeweils zwei Äste: Die inneren Halsschlagadern versorgen vor allem das Gehirn und die Augen, die äußeren unter anderem Gesicht, Kopfhaut und Teile des Halses. Bereits zwei Tage nach der Operation durfte Monika F. wieder nach Hause. in der Gefäßchirurgischen Abteilung des Uniklinikums Erlangen zeigten: Die inneren Halsschlagadern waren beidseits hochgradig verengt. „Carotisstenosen bleiben bei vielen Patientinnen und Patienten lange Zeit unbemerkt, da sie häufig keine Symptome verursachen. Oft werden sie erst bei routinemäßigen Untersuchungen entdeckt“, erklärt Dr. Almási-Sperling. Bei manchen Betroffenen treten jedoch Beschwerden auf: Kurzzeitige Seh- oder Sprachstörungen sowie einseitige Lähmungen, die nach wenigen Minuten bis Stunden wieder abklingen, können auf eine Verengung der Halsschlagader hinweisen. „Man spricht dann von einer transitorischen ischämischen Attacke – kurz TIA –, also einer vorübergehenden Mangeldurchblu- →
10 | Titel Fortsetzung von S. 9 tung des Gehirns. Betroffene sollten umgehend neurologisch untersucht werden, denn ihr Schlaganfallrisiko ist deutlich erhöht“, betont die Gefäßchirurgin. „Ist eine behandlungsbedürftige Carotisstenose die Ursache für die Durchblutungsstörung, stimmen wir das weitere Vorgehen gemeinsam mit den Kolleginnen und Kollegen der Neurologischen Klinik ab und operieren möglichst zeitnah.“ OP mit Augenmaß Bei beschwerdefreien Verläufen ist eine Operation nicht immer erforderlich. Stattdessen sehen die Leitlinien zunächst eine Behandlung mit blutverdünnenden und cholesterinsenkenden Medikamenten vor. Zudem sollten Grunderkrankungen wie Bluthochdruck und Diabetes therapiert werden, und auch ein gesunder Lebensstil ist förderlich. „Die Carotis wird dann halbjährlich per Ultraschall kontrolliert, beispielsweise in der hausärztlichen Praxis“, erklärt Dr. Almási-Sperling. Falls sich der Befund trotz medikamentöser Therapie verschlechtert, die Halsschlagader bereits bei der Diagnose hochgradig verengt ist oder die Plaque instabile Merkmale aufweist, kann eine Operation in Erwägung gezogen werden. Dabei sind der gesundheitliche Nutzen, der körperliche Allgemeinzustand sowie mögliche Risiken zu berücksichtigen. „Wir wägen sehr genau ab, ob die jeweilige Patientin oder der jeweilige Patient von einem chirurgischen Eingriff profitieren würde“, betont die Expertin. Zwei Verfahren, ein Ziel Bei der Patch-Plastik wird die Halsschlagader längs geöffnet. Nachdem die Plaque herausgelöst wurde, erweitert ein eingenähter „Gefäß- flicken“ die Arterie. Bei der Eversionsendarteriektomie wird das Gefäß dagegen quer durchtrennt, umgestülpt und auf diese Weise von den Ablagerungen befreit. Danach wird die Arterie wieder zusammengenäht. Dr. Veronika Almási-Sperling, geschäftsführende Oberärztin der Gefäßchirurgischen Abteilung des Uniklinikums Erlangen, untersucht die Halsschlagader einer Patientin per Ultraschall. Erst links, dann rechts Monika F. nahm zum Zeitpunkt ihrer Diagnose aufgrund der Verkalkung einer Beinarterie bereits Medikamente ein, lebte gesund und war körperlich fit. Angesichts der hochgradigen Verengung auf beiden Seiten riet ihr das ärztliche Team zu einer chirurgischen Behandlung. „Ich war zuvor noch nie in meinem Leben operiert worden. Trotzdem hatte ich keine Angst davor. Meine einzige Sorge galt dem Schlaganfallrisiko – und genau das ließ sich durch die Operationen deutlich senken“, sagt sie. In zwei jeweils etwa einstündigen Eingriffen entfernte das Operationsteam die Ablagerungen: im Februar 2026 auf der linken, im Juli auf der rechten Seite. Beide Male konnte die Patientin das Uniklinikum Erlangen bereits nach drei Nächten wieder verlassen. „Die Operation von Carotisstenosen ist in unserer Abteilung ein standardisierter Routineeingriff. Dabei stehen uns zwei Verfahren zur Verfügung: die Patch-Plastik und die Eversionsendarteriektomie, kurz EEA“, erklärt Dr. Almási-Sperling. Bei beiden
| 11 Titel Gefäßchirurgie Telefon: 09131 85-32968 E-Mail: gefaesschirurgie-sekr@uk-erlangen.de www.gefaesschirurgie.uk-erlangen.de Methoden wird die Halsschlagader über einen etwa fünf bis acht Zentimeter langen Schnitt entlang einer natürlichen Hautfalte am Hals freigelegt. Anschließend klemmt das Operationsteam das Gefäß vorübergehend ab, öffnet es mit einem Schnitt exakt über der Engstelle und schält die Ablagerungen aus der Gefäßwand. „Während der Operation überwachen wir die Hirnströme sowie die Gehirndurchblutung, und mithilfe einer Angiografie, also einer radiologischen Darstellung der Gefäße, können wir das Ergebnis nach der Rekonstruktion sofort überprüfen. Eine neurologische Beurteilung stellt zudem sicher, dass keine Nervenschäden entstehen“, betont die Expertin. Risiko deutlich gesunken Die Wunden sind bei Monika F. gut verheilt und heute kaum noch zu sehen. Vor allem aber ist die Patientin erleichtert, dass die gefährlichen Engstellen erfolgreich beseitigt wurden und ihr Schlaganfallrisiko deutlich gesunken ist. „Die Wahrscheinlichkeit, dass sich das operierte Gefäß erneut verengt, ist sehr gering“, erklärt Dr. Almási-Sperling. Dennoch bleiben regelmäßige Kontrollen wichtig. Ist zunächst nur eine Halsschlagader betroffen, kann sich später auch auf der anderen Seite eine Stenose entwickeln. „Da eine Carotisstenose häufig Ausdruck einer allgemeinen Gefäßverkalkung ist, sollte zudem die medikamentöse Therapie fortgeführt und das gesamte Herz-Kreislauf-Risiko regelmäßig hausärztlich oder kardiologisch überwacht werden – auch dann, wenn die Halsschlagader selbst nicht behandlungsbedürftig ist“, betont die Gefäßchirurgin. Auch Monika F. wird ihre Medikamente weiterhin einnehmen und alle sechs Monate zur Ultraschallkontrolle gehen. Ihren gesunden Lebensstil möchte sie ebenfalls beibehalten, um Gefäßablagerungen an weiteren Stellen möglichst vorzubeugen. Anderen Betroffenen legt sie ans Herz: „Nehmen Sie Ihre Gesundheit ernst und gehen Sie die Sache mit Verstand an. Man kann nicht alles verhindern – aber man kann selbst viel dafür tun, gesund zu bleiben.“ Stent statt OP? Als Alternative zur Operation kommt bei einigen Patientinnen und Patienten ein Carotis-Stenting infrage. Insbesondere nach einer Bestrahlung des Halses bei Krebserkrankungen oder bei einem erhöhten Operations- und Narkoserisiko ist dieser Eingriff sinnvoll. Bei dem minimalinvasiven Verfahren wird mittels eines Katheters ein feines Metallgitter (Stent) in die verengte Halsschlagader eingeführt. Die Gefäßstütze hält die Carotis offen, sichert den Blutfluss zum Gehirn und kann so das Schlaganfallrisiko senken. Ursachen und Risikofaktoren Eine Carotisstenose entsteht meist durch Arteriosklerose: Dabei lagern sich Fette, Kalk und Bindegewebe an der Gefäßwand ab und verengen die Halsschlagader. Begünstigt wird dieser Prozess vor allem durch Rauchen, Bluthochdruck, erhöhte Blutfettwerte, Diabetes, Übergewicht und Bewegungsmangel. Auch das Alter und eine genetische Veranlagung spielen eine Rolle. Häufig sind neben der Halsschlagader auch andere Gefäße betroffen.
12 |Titel Alle für die Aorta AORTENCHIRURGIE Ist die „Hauptversorgungsleitung“ des Blutkreislaufs, die Aorta, erkrankt oder verletzt, wird es schnell lebensbedrohlich. Gefäß- und Herzchi- rurgie sowie Radiologie müssen dann eng zusammenarbeiten, um für jede Patientin und jeden Patienten bestmöglich zu entscheiden. VON FRANZISKA MÄNNEL Gefäßchirurg Prof. Dr. Ulrich Rother und Hannes R. zeigen unterschiedliche Gefäßprothesen. Der junge Patient wurde schon mehrfach operiert und ist über die Jahre selbst zum Aortenexperten geworden. „Als ich zehn Jahre alt war, sagte mein Kinderarzt, mein Herz würde sich ungewöhnlich anhören“, sagt Hannes R., heute 24 Jahre alt. Es stellte sich heraus, dass seine Aortenwurzel erweitert war – also jener Abschnitt der Hauptschlagader, der direkt am Herzen liegt. „Ich bekam in der Kinderherzchirurgie des Uniklinikums Erlangen eine Gefäßprothese und auch die Aortenklappe meines Herzens wurde durch eine künstliche ersetzt“, berichtet der Student. In den folgenden Jahren lebte Hannes R. ein aktives, unbeschwertes Leben. „Ich habe Vereinsfußball gespielt, war joggen, habe mich nie eingeschränkt gefühlt“, erzählt er. Bis zu einem Tag im Oktober 2019. Hannes R. war mittlerweile 17. „Ich kam nach dem Motorradfahren nach Hause, habe geduscht und mich ins Bett gelegt. Als ich mich umdrehen wollte, hat es plötzlich in meinem Rücken gestochen. Aber das war kein normaler Schmerz, er war zerreißend. Ich dachte, ich sterbe.“ Bewegungsunfähig und mit Atemnot verharrte Hannes R. in einer Art Dämmer-
| 13 Titel Frozen Elephant Trunk („Gefrorener Elefantenrüssel“): Der „Rüssel“ beschreibt die geschwungene Form. Der nach unten verlaufende Prothesenabschnitt ist durch einen Stent – ein feines Metallgerüst – versteift und deshalb „gefroren“. zustand; rief nicht seine Eltern dazu, die sich eine Etage weiter oben aufhielten. „Am nächsten Morgen bin ich dann zum Hausarzt gegangen. Der stellte aber leider eine Fehldiagnose und schickte mich mit einer ,Wirbelblockade‘ nach Hause. Abends fuhren wir dann doch ins Krankenhaus nach Amberg. Von dort flog man mich ins Uniklinikum und ich kam sofort auf die Intensivstation.“ Ein gefrorener Elefantenrüssel Diagnose: Aortendissektion – ein Riss in der innersten Wandschicht der Hauptschlagader, ein lebensbedrohlicher Notfall. Der damalige Direktor der Erlanger Herzchirurgie setzte Hannes R. einen „Frozen Elephant Trunk“ ein, was so viel heißt wie „gefrorener Elefantenrüssel“. Diese spezielle Gefäßprothese ersetzt seitdem den Aortenbogen des Patienten. „Die verschiedenen Abschnitte der Aorta erkranken häufig nicht allein, sondern gleichzeitig oder nacheinander. Deshalb ist es für uns zen- tral, uns fachübergreifend abzustimmen – zwischen Gefäßchirurgie, Herzchirurgie und interventioneller Radiologie“, erklärt Prof. Dr. Ulrich Rother, Leiter der Gefäßchirurgischen Abteilung des Uniklinikums Erlangen. „Für jede Patientin und jeden Patienten planen wir in einem gemeinsamen Aorten- board, wann und wie welcher Abschnitt behandelt wird.“ Der Direktor der Herzchirurgischen Klinik, Prof. Dr. Robert Cesnjevar, ergänzt: „Der Frozen Elephant Trunk wird zum Beispiel vonseiten der Herzchirurgie so vorbereitet, dass die Gefäßchirurgie gut daran weiteroperieren kann. Salopp gesagt ist die Aorta wie ein Gartenschlauch: Wenn man zwei Schläuche zusammenführen will, braucht man ein gutes Steckmodul.“ Trotzdem habe keiner der Fachbereiche einen „Tunnelblick“. Prof. Rother betont: „Oft heißt es: Die Herzchirurgie arbeitet ausschließlich nah am Herzen, die Gefäßchirurgie nur im unteren Teil der Aorta. Aber hier am Uniklinikum verfolgen wir einen anderen Ansatz: Wir kümmern uns zusammen um die Patientinnen und Patienten und die Grenzen sind fließend.“ Auch eine präzise radiologische Bildgebung ist dabei entscheidend. Weil sich etwa Röntgen, CT und MRT in den vergangenen Jahren deutlich verbessert haben, sind Eingriffe heute immer exakter plan- und durchführbar. Oberarzt PD Dr. Axel Schmid vom Radiologischen Institut des Uniklinikums Erlangen erklärt: „Wenn jemand zum Beispiel ein Aneurysma hat, also eine gefährliche Ausstülpung der Aorta, machen wir ein CT und planen das weitere Vorgehen. Dabei suchen wir immer auch die anderen Abschnitte der Aorta nach Auffälligkeiten ab.“ Bei Eingriffen stellen die Expertinnen und Experten → Was ist die Aorta? Sie ist die Hauptschlagader des Körpers und beginnt direkt am Herzen. Von dort aus transportiert sie sauerstoffreiches Blut in nahezu alle Körperregionen. Vom Herzen aus verläuft die Aorta weiter nach unten durch Brust- und Bauchbereich bis zum Becken. Von der Hauptschlagader zweigen zahlreiche Arterien ab, die u. a. Gehirn, Arme, Bauchorgane, Nieren und Beine versorgen. Der Schmerz war zerreißend. Ich dachte, ich sterbe. Hannes R.
14 | Titel Maßgeschneiderte Medizin: Prof. Rother zeigt eine von Hand genähte Stentprothese. Fortsetzung von S. 13 der interventionellen Radiologie unter Röntgenkontrolle sicher, dass die jeweilige Gefäßprothese millimetergenau positioniert wird. Abschließend prüfen sie, ob die Prothese dicht sitzt und alle wichtigen Gefäße weiterhin gut durchblutet sind. Bei Hannes R. blieb es nicht beim Aortenbogenersatz: 2020 bildete sich ein Aneurysma an einer Nahtstelle seiner Gefäßprothese, das minimalinvasiv entfernt werden konnte. Damals bekam der Student auch die Erklärung dafür, warum es innerhalb seines Gefäßsystems immer wieder Probleme gab: Er leidet an einer seltenen angeborenen Bindegewebsschwäche. Sie ist nicht heilbar. Maßgeschneiderte Gefäßprothese Im Jahr 2024 hatte der junge Patient schließlich einen erneuten Eingriff – diesmal wegen einer Dissektion im absteigenden Abschnitt der Hauptschlagader. Das Team des Uniklinikums Erlangen ließ für ihn eine individuelle Stentprothese anfertigen. „Die wird von den Mitarbeitenden einer Spezialfirma von Hand genäht, auf Basis eines CT-Datensatzes“, erklärt Prof. Rother. Die eng zusammengefaltete Prothese schiebt der Gefäßchirurg per Katheter durch die Leistenarterie hindurch. „Dieser Zugang ist etwa so dick wie mein kleiner Finger“, beschreibt Ulrich Rother. Erst in der Aorta, also im Bauchraum, wird die Prothese entfaltet und legt sich von innen an die Gefäßwand an. Dann schließt der Gefäßchirurg die vier großen Arterien, die Nieren, Leber und Darm versorgen, mit kleinen Verbindungsstents an die Prothese an. Radiologe Dr. Schmid verdeutlicht: „Bei jedem Menschen sind diese Arterien etwas anders angeordnet. Was bei dem einen bei zwölf Uhr liegt, liegt bei dem anderen auf ein Uhr. Die patientenindividuelle Prothese berücksichtigt das. Sie hat kleine Ärmelchen, die jeweils durch einen Stent mit der jeweiligen Arterie verbunden werden – so, dass am Ende alles dicht ist.“ Manchmal passt auch die vorproduzierte Standardprothese. Das ist aber eher selten. Schonend offen Als Hannes R. Anfang 2026 schließlich auch an der Arterie, die Arm und Kopf versorgt, ein Aneurysma bekam, waren Gefäß- und Herzchirurgie sowie Radiologie nochmals gemeinsam gefordert. „Ich war niedergeschlagen, weil es hieß, dass für den Eingriff mein Brustbein durchtrennt werden muss. Die dritte große OP meines Lebens. Ich rechnete mit einem langwierigen Heilungsprozess“, erzählt der Patient. Doch seine Sorge bestätigte sich nicht. „Ich bin wirklich fasziniert davon, wie schonend das alles
| 15 Titel Gefäßchirurgie Telefon: 09131 85-32968 E-Mail: gefaesschirurgie-sekr@uk-erlangen.de www.gefaesschirurgie.uk-erlangen.de Herzchirurgie Telefon: 09131 85-33319 E-Mail: herz-sekretariat@uk-erlangen.de www.herzchirurgie.uk-erlangen.de Aortenerkrankungen gehören in ein universitäres Zentrum. Prof. Dr. Ulrich Rother Im Aortenboard diskutieren PD Dr. Axel Schmid (r.), Prof. Dr. Ulrich Rother (2. v. r.), Prof. Dr. Robert Cesnjevar (3. v. r.) und andere Kolleginnen und Kollegen das beste therapeutische Vorgehen für ihre Patientinnen und Patienten. war und wie schnell ich mich davon erholt habe“, berichtet Hannes R. „Ich war maximal eine Woche im Krankenhaus und habe schon nach vier Wochen wieder etwas mit Freunden unternommen.“ Ob letztlich offen-chirurgisch oder endovaskulär per Katheter behandelt wird, entscheidet das Aorten- board. Laut den Gefäßexperten lasse sich heute grundsätzlich immer mehr endovaskulär durchführen. Aber Axel Schmid gibt zu bedenken: „Wenn die Leistenarterie nicht groß genug ist, kann man da keine gefaltete Prothese durchschieben. Wenn die Aorta starke Knicks hat, legt sich die Prothese da vielleicht nicht gut hinein. Wie alt ist der Patient? Was bedeutet welcher Eingriff für den Organismus? Das sind alles Dinge, die wir berücksichtigen. Man muss an einem Zentrum immer alles beherrschen, sonst bekommt man Schlagseite und macht nur das, was man gut kann. Wir wollen aber das machen, was der Patientin oder dem Patienten individuell am besten hilft. Deshalb haben wir alles parat.“ Wie ist die Prognose? Nach einem Aorteneingriff können Patientinnen und Patienten trotzdem ein aktives Leben führen. „Sport ist sogar sehr gut für die Langzeitprognose, weil unsere Patientinnen und Patienten ja ohnehin oft ein Herz-Kreislauf-Risiko mitbringen“, erklärt Prof. Rother. Robert Cesnjevar ergänzt: „Es gibt aber drei Ausnahmen: Bungee Jumping, Achterbahnfahrten mit krassen Fliehkräften und Tiefseetauchen.“ Prof. Rother: „Wichtig sind auch ein Rauchstopp, eine gesunde Ernährung und ein gut eingestellter Blutdruck.“ Um einen gesunden Lebensstil hat sich Hannes R. bereits gekümmert. Anstrengende Monate liegen hinter ihm. „Die Zeit bis zur OP ist das, was einen mental am meisten herausfordert. Natürlich hat man Angst, dass bis dahin irgendetwas passiert“, räumt er ein. „Aber wenn das Gefäß mit einer Prothese versorgt ist, fühle ich mich jedes Mal wieder sicher und kann weiter mein normales Leben führen.“ Screening wahrnehmen Männer ab 65 Jahren haben Anspruch auf eine Ultraschalluntersuchung der Bauchaorta. Dabei wird geprüft, ob das Gefäß krankhaft erweitert ist. Auch Frauen ab 65 Jahren, die rauchen, können das Screening wahrnehmen.
16 | Titel Ein Wollknäuel aus Gefäßen
| 17 Titel „Nur 1,5 Prozent der Bevölkerung haben das“, erklärt Dr. Antje Mükke, Oberärztin der Gefäßchirurgischen Abteilung des Uniklinikums Erlangen. „Das Krankheitsbild ist also sehr selten und wird deshalb oft übersehen.“ Gemeint sind angeborene Fehlbildungen der Blut- oder Lymphgefäße, sogenannte Gefäßmalformationen oder auch -anomalien. „Die Patientinnen und Patienten berichten oft: ,Ich habe da eine Schwellung am Hals‘ oder ,Mein Bein ist nicht richtig belastbar, wird immer schnell müde und dann kriege ich Schmerzen‘ oder ,Ich habe hier so eine rote Hautveränderung, die mich stört‘“, gibt Dr. Mükke typische Beispiele. Mit ihren Beschwerden sitzen die Betroffenen dann meist erst einmal in der hausärztlichen, orthopädischen oder dermatologischen Praxis. „Und dort muss irgendwann jemand an eine Gefäßerkrankung denken, einen Ultraschall machen und die Person in die Gefäßchirurgie überweisen“, so die Expertin. „Wir stellen die endgültige Diagnose dann immer mittels MRT.“ Gefäßfehlbildung heißt: Arterien, Venen oder Lymphgefäße sind nicht gleichmäßig angelegt, sondern verlaufen beispielsweise erweitert oder verschlungen. „Dabei entsteht eine Art ,Wollknäuel‘ aus Gefäßen“, beschreibt Antje Mükke. „Je nach Art der Malformation können sich Blut oder Lymphflüssigkeit in dem Knäuel entweder stauen oder aber schnell und mit großem Druck hindurchfließen.“ Die Veränderungen sind angeboren und wachsen bis zum 18. Lebensjahr proportional mit dem Körper mit. Die betroffene Stelle bleibt aber immer dieselbe, es kommen also keine neuen Areale dazu. Einzige Einrichtung in Nordbayern Die Klassifikation der unterschiedlichen Fehlbildungen ist komplex; es gibt zahlreiche Ausprägungen und Mischformen – je nach Art der beteiligten Gefäße. Das Uniklinikum Erlangen ist die einzige Einrichtung in Nordbayern mit einer Spezialambulanz für Gefäßmalformationen. Das Behandlungsspektrum ist groß. „Wenn etwas gar keine Probleme macht, muss man es auch nicht therapieren. Manches stört die Betroffenen hauptsächlich kosmetisch, zum Beispiel im Gesicht“, erklärt Antje Mükke. „Andere Malformationen können aber richtig entstellen, die Beweglichkeit einschränken und auch wirklich gefährlich werden – unter anderem deshalb, weil sich dort so viel Blut sammeln kann, dass das Herz das nicht mehr schafft“, ergänzt Oberarzt PD Dr. Axel Schmid vom Radiologischen Institut des Uniklinikums Erlangen. → GEFÄßMALFORMATIONEN So selten sie sind, so stark können sie Betroffene beeinträchtigen: fehlgebildete Blut- oder Lymphgefäße. Beurteilung und Behandlung gehören in die Hände von Spezialistinnen und Spezialisten. VON FRANZISKA MÄNNEL Normalzustand der Gefäße (kleines Bild): Kapillaren sind die feinsten Blutgefäße. Sie verbinden Arterien (rot) mit Venen (blau). In gesunden Kapillaren fließt das Blut langsam und gleichmäßig. Es gibt Sauerstoff und Nährstoffe an das Gewebe ab und nimmt Abfallstoffe auf, bevor es über die Venen zum Herzen zurückfließt. Beispiel einer Gefäßfehlbildung (großes Bild): Anstelle der feinen Kapillaren zwischen Arterie und Vene besteht hier ein „Gefäßknäuel“. Es verbindet Arterie und Vene direkter, in einer Art „Kurzschluss“. Deshalb fließt sehr schnell sehr viel Blut in diesen Bereich. Das umliegende Gewebe wird dadurch oft schlechter versorgt. Das Krankheitsbild ist sehr selten und wird deshalb oft übersehen. Dr. Antje Mükke
18 |Titel Fortsetzung von S. 17 In der Diagnostik und Therapie von Malformationen arbeiten Gefäßchirurgie und Radiologie am Uniklinikum Erlangen Hand in Hand. Schon Babys in Behandlung Die meisten Menschen mit Gefäßfehlbildungen brauchen eine fortlaufende Therapie, denn das Krankheitsbild ist chronisch. „Unser Ziel ist es, die Lebensqualität der Betroffenen so gut wie möglich zu verbessern“, sagt Dr. Mükke. „Man darf aber nicht erwarten, nach einer Behandlung geheilt zu sein“, stellt sie klar. Viele ihrer Patientinnen und Patienten betreut Antje Mükke seit dem Kindes- oder Jugendalter. Und sogar Babys werden schon gefäßchirurgisch versorgt. Dr. Schmid erinnert sich: „Wir hatten mal einen recht dramatischen Fall: ein Neugeborenes mit einer großen Malformation an der Leber. Wir haben das Kind schon relativ kurz nach der Geburt behandelt und das fehlentwickelte Areal so verschlossen, dass es sich nicht weiter mit Blut füllen konnte. Ohne diesen Eingriff wäre das Kind gestorben. Sein Herz-Kreislauf-System wäre schlicht zusammengebrochen“, berichtet der Radiologe. Was dieses Beispiel verdeutlicht: Nicht immer zeigt sich eine Gefäßfehlbildung äußerlich als Schwellung oder Hautverfärbung. Betrifft sie ein inneres Organ, bleibt sie unsichtbar. „Manchmal sind das reine Zufallsbefunde“, sagt Dr. Mükke. Von Kompression bis Katheter Aber wie lassen sich Gefäßfehlbildungen nun konkret behandeln? „Die Therapie ist superindividuell“, erklärt Dr. Mükke. Der wichtigste Baustein: eine lebenslange konservative Behandlung. Diese umfasst vor allem die Kompressions- und Entstauungstherapie, wozu in erster Linie Kompressionsware, z. B. Strümpfe, und die manuelle Lymphdrainage gehören. Physio- und Ergotherapie tragen außerdem dazu bei, die Mobilität zu erhalten und Schmerzen zu reduzieren. Auch Medikamente spielen eine Rolle – allen voran Mittel, die die Blutgerinnung hemmen. Oberärztin Dr. Antje Mükke untersucht die Kniearterie und -vene eines Patienten per Ultraschall. Abhängig von Hormonen In Pubertät und Schwangerschaft – vor allem, wenn das Hormon Östrogen ansteigt – können sich die Beschwerden im Zuge einer Gefäßmalformation verschlimmern.
| 19 Titel Kein Krebs Auch wenn das lateinische Wort „malus“ für „böse“ oder „schlecht“ in „Gefäßmalformationen“ steckt: Es handelt sich dabei nicht um (bösartige) Tumoren. Tastbare Schwellungen können dennoch auf den ersten Blick wie ein Geschwür wirken. Um Gefäßfehlbildungen ganz sicher von einer Krebserkrankung abzugrenzen, wird manchmal zusätzlich zum MRT noch eine Gewebeprobe entnommen. Schrumpfen und verschließen Zusätzlich stehen invasive Methoden zur Verfügung. So wird bei einer Sklerotherapie, auch Verödung genannt, eine spezielle Substanz entweder mit einer feinen Nadel direkt in die betroffene Stelle oder per Katheter über die Leiste eingebracht. Dr. Schmid erläutert: „Das Sklerosierungsmittel bewirkt, dass sich die erkrankten Gefäße entzünden und anschließend schrumpfen. Die betroffene Körperstelle wird dann von außen verbunden und komprimiert, sodass die Gefäße verkleben und sich damit selbst verschließen.“ Das Einstechen der Nadel bei der Sklerotherapie geschieht unter UltraGefäßchirurgie Sprechstunde für Gefäßmalformationen Telefon: 09131 85-32968 E-Mail: gefaesschirurgie-sekr@uk-erlangen.de www.gefaesschirurgie.uk-erlangen.de Weitere Informationen für Patientinnen und Patienten: www.compgefa.de Kurzbericht einer Patientin Die 23-jährige Vanessa T. aus Nürnberg hatte bis heute elf Sklerosierungen wegen einer venösen Gefäßfehlbildung im Bein – im Durchschnitt nimmt sie pro Jahr eine Therapieeinheit wahr. Immer wieder wird die rechte Wade der jungen Frau sehr dick; enge Hosen und langes Stehen schmerzen. Dr. Antje Mükke betreut die Patientin seit ihrer Kindheit. „Meist ist der Eingriff freitags und sonntags darf ich wieder heim“, berichtet Vanessa T. Während sie beim ersten Mal 2014 noch ängstlich war, weiß sie heute, was am Uniklinikum Erlangen auf sie zukommt – und dass es ihr nach der Behandlung besser geht. „Wenn unter örtlicher Betäubung die Nadel gesetzt wird, schaue ich trotzdem nie hin“, gibt sie zu. „Aber ich fühle mich am Uniklinikum sehr wohl, alle sind sehr freundlich – ohne Ausnahme.“ schallkontrolle. Mit einem Kontrastmittel und Röntgenaufnahmen lässt sich wiederum abbilden, wie das Gefäßsystem genau aufgebaut ist und wie sich das Verödungsmittel darin verteilt. Alternativ können Ärztinnen und Ärzte die Gefäße auch thermisch veröden, indem sie sie gezielt von innen erhitzen. Ein weiteres Verfahren ist die Embolisation. „Hier bringen wir kathetergestützt flüssigen Gefäßkleber in die betroffenen Areale ein“, sagt Dr. Schmid. „Ich spreche immer von einer Art ,Bauschaum‘, mit dem wir die Gefäße ausfüllen.“ Lokal begrenzte, deutlich umschriebene Gefäßmalformationen lassen sich manchmal auch chirurgisch entfernen. Nicht selten werden mehrere Verfahren miteinander kombiniert. „Bei Gefäßmalformationen ist es nicht so eindeutig wie, sagen wir, bei Bluthochdruck, wo ab Werten über 140 zu 90 mit Tabletten begonnen werden soll. Gefäßfehlbildungen sind komplex und ihre Behandlung ist sozusagen immer personalisierte Medizin“, sagt Dr. Schmid. Mit einer Art ‚Bauschaum‘ füllen wir die Gefäße aus. PD Dr. Axel Schmid
20 | Feature Ganz nah Benedikt liegt auf der Brust seiner Mutter, zugedeckt mit einem weißen Mulltuch. Ein dünnes Deckchen schützt seine Augen vor Umgebungslicht, ein Mützchen wärmt seinen kleinen Kopf und dämpft Geräusche. Kaum sieht man etwas von dem 39 Zentimeter kleinen, zierlichen Frühchen, so eingemummelt ist es – in Stoff, Wärme und Geborgenheit. „Mit ihm zu kuscheln, ist das Schönste am Tag“, sagt seine Mama Daniela B. und strahlt. Ihr Mann Daniel B., der neben ihr sitzt, fügt an: „Benedikt gefällt das auch richtig gut, das spüren wir.“ Plötzlich streckt sich eine winzige Hand aus dem Baumwolltuch hervor. „Er möchte immer etwas greifen“, erklärt Daniel B. „Manchmal nimmt er dann den Schlauch seiner Magensonde. Wir müssen aufpassen, dass er den nicht rauszieht.“ DanieFRÜHSTART INS LEBEN Das Team der Neonatologie des Uniklinikums Erlangen versorgt selbst kleinste Frühchen – mit behutsamer Zuwendung und medizinischem Spezialwissen. Wenn die Klinikzeit endet, übernimmt der Bunte Kreis Erlangen die Betreuung zu Hause. Wir haben zwei Familien an unterschiedlichen Punkten ihres persönlichen Weges getroffen. VON FRANZISKA MÄNNEL la B. bietet ihrem Sohn stattdessen ihren Zeigefinger an. Sein Händchen umschließt ihn und lässt ihn nicht mehr los. Benedikt liegt aktuell in der Neonatologie des Uniklinikums Erlangen. Wenn Eltern hier mit ihrem Kind kuscheln, heißt das „Känguruhen“. Es gehört fest zum Tagesablauf. Denn der direkte Kontakt, Haut auf Haut, stärkt die Bindung und hilft dem Kind, sich zu entwickeln, Atmung, Herzschlag und Temperatur zu regulieren. Elternwärme ist Medizin. „Wir haben mit 30 Minuten angefangen, jetzt sind es manchmal drei Stunden“, sagt Daniela B. „Frühgeborene haben ja öfter Schwankungen beim Puls und bei der Sauerstoffsättigung. Beim Känguruhen kommt das aber viel seltener vor.“
| 21 Feature Einfühlsam begleitet Benedikt kam im Juli 2026, in der 30. Schwangerschaftswoche, zur Welt und wog nur 1.450 Gramm. Damit ist er eines von durchschnittlich 60 Frühgeborenen unter 1,5 Kilogramm, die jedes Jahr in der Erlanger Neonatologie versorgt werden. „Auch noch viel kleinere Frühgeborene haben heute eine echte Überlebenschance“, betont Prof. Dr. Heiko Reutter, Leiter der Neonatologie und Pädiatrischen Intensivmedizin des Uniklinikums Erlangen. „In unserem Level-1-Perinatalzentrum versorgen wir Frühgeborene auf höchstem medizinischen Niveau.“ Doch neben all der Fachkenntnis und der modernen technischen Ausstattung eines Uniklinikums setzt das Erlanger Team vor allem auf eine einfühlsame Betreuung. „Wir sehen hier jeden Tag, wie liebevoll mit den Kindern umgegangen wird“, berichtet Daniel B. „Immer wieder kommt jemand bei uns vorbei, wir werden bei allen Schritten eingebunden und lernen ganz viel für daheim.“ Emotionen teilen – und Milch Regelmäßig pumpt Daniela B. Muttermilch ab, die in der Milchküche des Uniklinikums Erlangen mit zusätzlichen Nährstoffen und Kalorien angereichert wird, damit Benedikt schneller zunimmt. Aktuell bekommt er diese Milch, Milliliter für Milliliter, per Magensonde – also über einen dünnen Schlauch direkt in den Bauch. Das bleibt so, bis Benedikt kräftig genug ist, um selbst an der Flasche oder Brust zu trinken. Reicht ihre eigene Muttermilch nicht aus, kann Daniela B. dank der neuen Frauenmilchbank des Uniklinikums Erlangen auch auf gespendete Milch anderer Frauen zurückgreifen. Sowieso sei das Gefühl der Verbundenheit auf Station groß. „Wir sehen hier auch die anderen Kinder in den Inkubatoren. Sie sind manchmal kaum größer als eine Faust“, sagt Daniel B. Seine Frau ergänzt: „Man kann die Gefühle der anderen Eltern so nachempfinden und feiert jeden Erfolg, jede gute Entwicklung mit.“ Weil Daniela B. vor der Zeit in der Neonatologie vier Wochen stationär in der Frauenklinik des Uniklinikums Erlangen verbringen musste, konnte sie keinen Geburtsvorbereitungskurs machen. „Darauf hatte ich mich eigentlich schon gefreut“, sagt die 32-Jährige. Doch ihr Gebärmutterhals war verkürzt, eine Frühgeburt wurde immer wahrscheinlicher. Dann bekam sie nachts plötzlich Wehen; am nächsten Tag musste Benedikt per Kaiserschnitt geholt werden. „Auf einmal hat sich unser Leben um 180 Grad gedreht. → Alle für die Kleinsten Im Universitäts-Perinatalzentrum Franken am Uniklinikum Erlangen engagieren sich u. a.: Frauenklinik samt Pränataldiagnostik und spezieller Geburtshilfe, Kinder- und Jugendklinik mit Neonatologie, Kindergastroenterologie, Kindernephrologie, Kinderherzchirurgischer, Kinderkardiologischer und Kinderchirurgischer Abteilung sowie das Humangenetische Institut. Daniela B. mit Sohn Benedikt beim „Känguruhen“, daneben ihr Mann Daniel. Benedikt ist das erste Kind des Paares.
22 | Feature Pflegefachkraft Annika Drexler leitet Daniel B. bei der Versorgung von Benedikt an und hilft ihm dabei, dem Kleinen seinen Strampler wieder anzuziehen. Anschließend darf der Papa seinen Sohn im Arm halten. Benedikt ist so ein kleiner, zierlicher Mensch. Da mussten wir erst mal Berührungsängste abbauen. Daniel B. Fortsetzung von S. 21 Es war sehr emotional, der Kopf kam gar nicht so schnell hinterher. Aber wir haben gleich gemerkt, dass wir hier in guten Händen sind.“ In kleinen Schritten Statt im Geburtsvorbereitungskurs lernen die jungen Eltern aus Höchstadt jetzt direkt auf Station, wie sie mit ihrem Baby umgehen sollten. Sie entwickeln Routine darin, Benedikt im Brutkasten ruhig zu begrüßen, ihn langsam über die Seite umzulagern, ihn zu wickeln, vorsichtig zu halten, seine Bedürfnisse zu erkennen, ihm Muttermilch zu geben, Blutdruck und Temperatur zu messen und den Sauerstoffsensor von einem Füßchen zum anderen zu wechseln, damit die zarte Haut keine Druckstellen bekommt. Sie erfahren, dass flüchtiges Streicheln ihren Sohn eher irritiert, aber eine auf ihm ruhende Hand Sicherheit vermittelt. Spürt Benedikt zum Beispiel eine flächige Berührung an Kopf und Füßen, hilft ihm das, seinen kleinen Körper im Raum wahrzunehmen. Gleichzeitig erinnert ihn das an die räumliche Enge im Mutterleib. Immer an der Seite der Eltern: erfahrene und auf Frühgeborene spezialisierte Pflegefachpersonen. Gut beobachtet von ihnen übt Benedikt auch das selbstständige Atmen ohne zusätzlichen Sauerstoff, indem ihm die kleine Maske zur Atemunterstützung eine Zeit lang abgenommen wird. „Er schafft es teilweise schon eine Stunde allein“, berichtet seine Mama stolz. Die pflegerische Leitung der Station Neonatologie 1, Katrin Klein, erklärt: „Wir arbeiten hier mit der basalen Stimulation. Mit sanften Berührungen, ruhigen Bewegungen und vertrauten Stimmen geben wir den Frühchen Orientierung, ohne sie zu überreizen. Dabei behalten wir Kreislauf, Atmung, Mimik und Motorik immer im Blick und passen uns auch an die Wach- und Schlafphasen der Kinder an. Ausreichend Ruhe ist ganz wichtig – unter anderem für das Wachstum und die Entwicklung des Gehirns.“ Abends nach Hause zu gehen und Benedikt in der Klinik zurückzulassen, fällt Daniel und Daniela B.
| 23 Feature 80 Kilometer rund um Erlangen In diesem Radius ist das Team des Bunten Kreises Erlangen unterwegs. Familien, die weiter weg wohnen, werden von den Erlanger Expertinnen mit anderen Partnern aus dem Netzwerk des Bundesverbands Bunter Kreis e. V. vernetzt. Mittlerweile gibt es knapp 100 Nachsorgestandorte in ganz Deutschland. schwer. „Aber wenn wir uns Sorgen machen, rufen wir an. Nach zwei Sekunden geht hier jemand ran“, sagt Daniel B. Dieses Informieren und Einbinden helfe dem Paar, Ängste ab- und Vertrauen aufzubauen. Und dennoch: Die Situation ändert sich manchmal täglich. Benedikts Gesundheitszustand ist noch nicht stabil. Freude und Sorge, Fortschritt und Rückschlag, Hoffnung und Verzweiflung – all das liegt in der Neonatologie eng beisammen. Von der Klinik ins Kinderzimmer Petra Oehrlein vom Nachsorgeprogramm Bunter Kreis Erlangen kennt diese Schwankungen. „Leider ist dieses Auf und Ab ein recht häufiges Phänomen“, weiß die Fachkinderkrankenschwester. Der Bunte Kreis bietet eine sozialmedizinische Nachsorge zu Hause an, um Familien mit frühgeborenen, schwer oder chronisch kranken Kindern bis 14 Jahren den Übergang von der Klinik in den Alltag zu erleichtern. Das Team besteht aus Case-Managerinnen, Pflegefachfrauen, einer Sozialpädagogin und einer Kinderärztin. „Das Angebot gilt für Kinder mit mindestens einer medizinischen Diagnose – etwa extreme Frühgeburtlichkeit. Das betrifft also alle, die wie Benedikt in beziehungsweise vor der 30. Schwangerschaftswoche geboren wurden, die zu wenig wiegen oder andere gesundheitliche Probleme haben, beispielsweise mit der Atmung oder mit dem Darm“, erklärt Petra Oehrlein. Bereits in der Neonatologie nimmt das Team des Bunten Kreises mit den Familien Kontakt auf und fragt deren Bedarf ab – so auch bei Daniela und Daniel B. „Ich denke, wir würden die Nachsorge gern in Anspruch nehmen, um auch nach der Entlassung jemanden an unserer Seite zu haben“, blickt Benedikts Mama in die Zukunft. Drei Frühgeborene auf einmal Eine andere Familie ist diesen Weg bereits gemeinsam mit Petra Oehrlein gegangen: Gizem T. und Serhat M. wurden im März 2025 Eltern der Drillinge Serem, Karan und Yaman. Auch sie wurden viel zu früh – in der 26. Schwangerschaftswoche – geboren, wogen jeweils nur zwischen 540 und 700 Gramm. In der 21. Schwangerschaftswoche hatte Gizem T.s Gynäkologe die Kinder im Mutterleib per Ultraschall untersucht und auch die Länge des Gebärmutterhalses gemessen. „Auf einmal wurde der Arzt ganz weiß. Er sagte, dass ich sofort ins Uniklinikum müsse“, berichtet die 38-Jährige. In der Erlanger Frauenklinik wurde ihr ein Pessar eingesetzt, das den Druck auf den Muttermund reduzieren sollte. „Aber drei Kinder drücken eben auch stärker als eins“, ordnet Petra Oehrlein ein. „Ich erinnere mich, dass mich Prof. Reutter aus der Neonatologie schon in der Frauenklinik immer wieder besuchte. Das Team wollte die Geburt bis mindestens zur 30. Woche hinauszögern. Leider wurde das nichts“, erzählt die Drillingsmama. Die ersten ein bis zwei Wochen in der Neonatologie verliefen für die drei Frühchen den Umständen entsprechend gut. „Aber dann ist es bei Yaman komplett eskaliert. Sein Darm war schwer entzündet. Es ging um Leben und Tod“, sagt Gizem T., und noch einmal kommt der Schmerz von damals hoch. „Er hatte noch so einen langen Weg vor sich.“ Yaman – auf Türkisch heißt das Kämpfer. → Mehrlingsgeburten … sind am Uniklinikum Erlangen sehr gut aufgehoben. So wurden u. a. von 2020 bis 2025 an der Erlanger Frauenklinik zwei Vierlingsschwangerschaften und 15 Schwangerschaften mit Drillingen betreut – eine davon war die von Gizem T.
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