36 | Medizin Ein Türsteher gegen Schmerzen DIABETISCHE POLYNEUROPATHIE Jahrelang litt Tanja W.-G. aufgrund von diabetischer Polyneuropathie an starken Schmerzen. Als hoch dosierte Schmerzmittel nicht mehr ausreichten, setzte sie alle Hoffnungen auf eine Rückenmarkstimulation. VON MAGDALENA HÖGNER 16 Milligramm Hydromorphon morgens, zwei Akuttabletten abends. Dazwischen Hoffen und Bangen, dass die starken Schmerzmittel ausreichend Linderung bringen, um den Tag und die Nacht zu überstehen. „Ich fieberte tagsüber regelrecht darauf hin, abends endlich wieder eine Dosis nehmen zu dürfen“, erinnert sich Tanja W.-G. Bei der heute 54-Jährigen wurde bereits im Alter von 30 Jahren Typ-1-Diabetes diagnostiziert. Im Jahr 2020 kam eine diabetische Polyneuropathie hinzu – eine chronische Nervenschädigung, die durch dauerhaft erhöhte Blutzuckerwerte entstehen kann und Missempfindungen sowie Schmerzen in Händen und Füßen zur Folge hat. „Meine Fußsohlen fühlten sich oft heiß an, obwohl sie kalt waren. Sie kribbelten häufig oder waren taub“, erzählt die Bayreutherin. Doch vor allem die dauerhaften brennenden Schmerzen in den Füßen waren für sie sehr belastend: „Es fühlte sich an wie Messerstiche.“ „Nerven sind wie Stromkabel, die elektrische Signale leiten“, erklärt Dr. med. univ. Franziska Schmidt, Oberärztin der Neurochirurgischen Klinik des Uniklinikums Erlangen. „Liegt eine Hand etwa auf einer heißen Herdplatte, gelangt eine entsprechende Information über die Nerven ins Gehirn. Dort wird sie als Gefahr erkannt – wir empfinden Schmerz und ziehen die Hand weg.“ Bei der diabetischen Polyneuropathie ist genau diese Informationsübermittlung gestört: „Die Nervenenden in Händen und Füßen senden unkontrolliert Signale ans Gehirn – also auch dann, wenn gar keine Gefahr vorliegt. Betroffene empfinden deshalb ohne äußeren Anlass Schmerzen oder leiden unter den typischen Missempfindungen“, so die Neurochirurgin. Zwischen Schmerzen und Müdigkeit Zu Beginn wurde Tanja W.-G. von ihrer niedergelassenen Neurologin medikamentös mit Antiepileptika behandelt. Als die Beschwerden nicht nachließen, bekam sie von ihrem Schmerztherapeuten hoch dosierte Schmerzmittel verschrieben – erst Tapentadol, später Hydromorphon. Die Medikamente verschafften ihr zeitweise Linderung, doch mit ihnen ging auch eine bleierne Müdigkeit einher. Für Aktivitäten, die der sonst so aktiven, lebensfrohen Frau früher Freude bereitet hatten, fand sie plötzlich keinen Antrieb mehr. „Ich bin eigentlich gern im Garten, kümmere mich um meine Katzen, treffe Freun- „Geschwindigkeitsmessung“ Um eine diabetische Polyneuropathie festzustellen, kann unter anderem die Nervenleitgeschwindigkeit gemessen werden. Sie zeigt, wie schnell elektrische Signale über die Nerven weitergeleitet werden. Ist die Reizübertragung sehr langsam, kann dies ein Hinweis auf eine Nervenschädigung sein.
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