Gesundheit erlangen - Herbst 2026

32 | Medizin Vom Starstich zur Laserchirurgie MEDIZIN GESTERN UND HEUTE Bis in die Frühe Neuzeit wurde der Graue Star mit dem sogenannten Starstich behandelt – einem riskanten, schmerzhaften Verfahren. Wie daraus die moderne Kataraktchirurgie hervorging. VON MAGDALENA HÖGNER Es ist Mitte des 17. Jahrhunderts. Seit einigen Jahren ist Wilhelm F.s Blick auf die Welt getrübt: Farben verblassen. Kontraste schwinden. Konturen verwischen. „Wie ein Nebelschleier, der immer dichter wird“, beschreibt es der ältere Herr. Auch von außen ist die Trübung sichtbar: Sein linkes Auge, das früher blau war, ist heute weiß-gräulich. Eines Tages kommt seine Nachbarin aufgeregt auf ihn zu: „Wilhelm, seit gestern ist ein reisender Okulist in der Stadt. Lass dir doch einen Starstich setzen!“ Der Mann überlegt: Soll er es wagen und seinen Grauen Star behandeln lassen? Schon in der Antike war das Krankheitsbild des Grauen Stars – auch Katarakt genannt – bekannt. Aus dieser Zeit stammen auch erste dokumentierte Versuche, das getrübte Auge mit einem „Starstich“ zu behandeln. Dabei wurde eine Nadel in das Auge eingeführt, um die Linse aus ihrer Verankerung zu lösen und in das Innere des Auges zu drücken. Nach dem „Hinunterstoßen“ in den Augapfel konnte das Licht wieder ungehindert und ohne Trübung auf die Netzhaut fallen. Da das Auge dadurch keine natürliche Linse mehr hatte, war die Sicht nach der Behandlung sehr unscharf – vergleichbar mit einer Weitsichtigkeit von 15 Dioptrien. Dafür erhielten Betroffene, die zuvor durch ihren Grauen Star fast erblindet waren, zumindest kurzfristig ein rudimentäres Sehvermögen zurück. Nur kurzzeitige Linderung Langfristig führte das rabiate Vorgehen unter meist unhygienischen Bedingungen allerdings oft zu schweren Komplikationen wie schmerzhaften Infektionen, Entzündungen und Blutungen. Auch eine erneute Erblindung war möglich, wenn sich die nach unten gedrückte Linse nach Tagen oder Wochen wieder aufrichtete und in ihre alte Position zurückwanderte. Obwohl der Starstich qualvoll und riskant war, war er bis ins 19. Jahrhundert weitverbreitet. Besonders in der Frühen Neuzeit – also zu Lebzeiten von Wilhelm F. – zogen reisende Okulisten, auch „Starstecher“ genannt, von Stadt zu Stadt. Sie versprachen eine verbesserte Sehkraft, behandelten und waren wieder verschwunden, bevor sich die gesundheitlichen Folgen des Eingriffs bemerkbar machten. Starstich, ade! Hätte Wilhelm F. gut 100 Jahre später gelebt, hätte sich ihm eine neue Möglichkeit eröffnet: Im Frühjahr 1747 entfernte der französische Augenarzt Jacques Daviel die getrübte Linse eines Patienten zum ersten Mal über einen Schnitt, anstatt sie ins Augeninnere zu stoßen. Zwar blieb auch mit diesem neuen Verfahren das Problem der extremen Weitsichtigkeit bestehen, doch stellte es für die Betroffenen eine deutlich sicherere Variante dar: Da die Linse nicht mehr als Fremdkörper im Augapfel ver-

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