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Schmerzen und Gefühle

Feel to heal

Gefühle sind entscheidend, wenn es um das Erleben und Verarbeiten von Schmerzen geht. Das macht sich ein neuer Ansatz zunutze, der auch im Erlanger Schmerzzentrum angewendet wird. Ein Patient berichtet, wie er die Angst vor seinen Gefühlen überwunden hat. 

Stand: März 2026, erschienen in Magazin „Gesundheit erlangen“, Frühling 2026 
Text (wird nicht aktualisiert): Franziska Männel/Uniklinikum Erlangen
Fotos: Franziska Männel/Uniklinikum Erlangen, Alejandro/stock.adobe.com

Das Kind quengelt. Ein Großeinkauf steht an. Die Eltern im Rentenalter brauchen dringend Unterstützung. Die Partnerin wünscht sich mehr Zweisamkeit. Johannes K. wollte die Erwartungen, die andere an ihn hatten, immer erfüllen – zu einhundert Prozent. Doch die höchsten Anforderungen an ihn stellte der heute 37-Jährige selbst. Komme, was wolle – er musste funktionieren. Wenn sich dann sein Nacken verspannte, er Kopf- und Magenschmerzen bekam, sagte er sich: Ich habe Rheuma, Migräne, Fibromyalgie, eine somatoforme Schmerzstörung und eine Depression – solche Grunderkrankungen bringen eben bestimmte körperliche Symptome mit sich. „Heute weiß ich: Ich habe jahrelang meine Gefühle unterdrückt. Am Ende habe ich die Emotionen in meinem Körper gespürt“, so Johannes K. 

Schmerz zeigt emotionalen Konflikt

Für Menschen wie ihn, die oft seit Jahren unter chronischen Schmerzen leiden, bietet das Schmerzzentrum des Uniklinikums Erlangen verschiedene multimodale Therapieprogramme an. Diese umfassen u. a. psychologische Verfahren, Entspannungstechniken, Bewegung sowie ärztliche Gespräche und Medikamente. Ein neuer Baustein im psychologischen Bereich ist die Emotional Awareness and Expression Therapy (deutsch: Emotionale Bewusstseins- und Ausdruckstherapie, kurz EAET). „Chronische Schmerzen und andere Symptome, für die es keine medizinische Erklärung gibt, können ein Signal für einen emotionalen Konflikt sein“, erklärt Peter Mattenklodt, leitender Psychologe des Schmerzzentrums. „Das Vermeiden von Gefühlen spielt dabei eine zentrale Rolle. Werden zum Beispiel Wut, Trauer oder Einsamkeit unterdrückt, kann das Schmerzen, aber auch Beschwerden wie Tinnitus, Bluthochdruck oder Magenprobleme auslösen, aufrechterhalten oder verstärken. Wenn ich die Emotionen allerdings erkenne, erlebe und ausdrücke, indem ich mich mit einer Erfahrung auseinandersetze, der ich bisher aus dem Weg gegangen bin, kann das Schmerzen, Stress und Angst reduzieren.“ 

Zur Person:

Peter Mattenklodt ist leitender Psychologe des Schmerzzentrums des Uniklinikums Erlangen. 

Schmerzzentrum:

09131 85-32558
schmerzzentrum(at)uk-erlangen.de
www.schmerzzentrum.uk-erlangen.de

Das Schiff über Wasser halten

Im Sommer und Herbst 2025 nahm Johannes K. an einer achtwöchigen teilstationären Gruppentherapie im Erlanger Schmerzzentrum teil und lernte dort auch die Emotional Awareness and Expression Therapy kennen. Das in zwei Blöcke gegliederte Programm – einmal fünf Wochen und einmal drei Wochen am Stück – richtet sich an Patientinnen und Patienten, die wie Johannes K. unter einer somatoformen Schmerzstörung oder unter Fibromyalgie leiden (siehe Kasten unten). Gerade für diese Betroffenen bietet die EAET großes Potenzial. „Was ich in der Therapie über mich und meine Gefühle erfahren habe, war extrem interessant“, berichtet der Vater einer fünfjährigen Tochter. Bis dato war er ein emotional verschlossener Mann gewesen, der alles mit sich selbst ausmachte. „Ich dachte, ich muss immer stark sein und alles perfekt machen, ein zuverlässiger Papa und Partner sein – sonst geht das Schiff unter“, räumt er ein. In der Schmerztherapie erkannte er allmählich, dass sich in ihm viel Wut angestaut hatte. „Nach und nach habe ich verstanden, dass darunter eine große Hilflosigkeit lag, ein Gefühl von Einsamkeit. Das Gefühl, dass ich alles alleine schaffen muss.“ Johannes K. erlebte, dass er oftmals weniger Schmerzen hatte, wenn er sich all diesen Empfindungen stellte. 

Papa hat auch Gefühle

Mit Unterstützung der Psychologinnen und Psychologen des Schmerzzentrums fand er einen Weg in seine innere Welt. „Ich habe mir die Bücher ‚Der Gefühls- und Bedürfnisnavigator‘ und ‚Praktische Selbst-Empathie‘ von Gerlinde Fritsch gekauft und wollte alles dazu wissen“, berichtet der Patient. Er spürte, dass er seine Schmerzen häufig beeinflussen konnte, indem er einen Zugang zu seinen Emotionen fand. „Früher waren meine Frau und mein Kind für mich immer ganz oben. Jetzt sind es meine Bedürfnisse auch. Und trotzdem kann ich ein guter Vater und Ehemann sein.“ Sich mal Zeit für einen Kaffee nehmen, allein einen Spaziergang machen, Musik hören, bouldern gehen – Johannes K. hat Fürsorge und Mitgefühl für sich selbst entwickelt. Er schafft sich aktiv Momente, in denen er sich gut fühlt, was wiederum seine Schmerzen senkt. Mittlerweile könne er es sogar genießen, einfach mal auf einer Bank zu sitzen und durchzuatmen – ohne dabei in Habachtstellung schon an die nächsten To-dos zu denken. Vor der Therapie sei alles in seinem Inneren eine „graue Suppe“ gewesen. „Durch das Zulassen, Fühlen und Benennen akzeptiere ich jetzt aber, dass ich überhaupt bestimmte Emotionen habe“, sagt der 37-Jährige. „Sie dürfen da sein. Und indem ich sie erkenne, kann ich frühzeitig handeln.“ Peter Mattenklodt beschreibt Emotionen in diesem Zusammenhang als wichtige Hinweisgeber, die der fühlenden Person zu einer angemessenen Reaktion verhelfen. „Es ist wichtig, diese Botschaften zu hören, denn sie verraten einem viel über sich selbst.“ Sind die Gefühle erlebt und ausgedrückt, können sie losgelassen werden. 

„Dass ich auf meine Gefühle höre, wirkt sich positiv auf meine Schmerzstärke aus.“

Johannes K.

Der neue Johannes

Bei der Emotional Awareness and Expression Therapy lernen Patientinnen und Patienten, ihre Emotionen zunächst für sich selbst zu spüren. „Das gelingt gut über die Körperwahrnehmung. Wo ist Druck, Enge, Spannung, vielleicht Hitze – wenn Sie an diese oder jene Situation denken?“, erklärt Peter Mattenklodt. „Im nächsten Schritt können die Gefühle im geschützten Raum der Therapiegruppe artikuliert werden – verbal, über Mimik und Körpersprache. Im dritten Schritt folgt das Ausdrücken gegenüber Personen im näheren Umfeld. Dort geht es dann darum, im sozialen Miteinander neue, positive Erfahrungen zu machen.“ Dabei hilft es laut dem Psychologen auch, hinderliche Glaubenssätze zu überwinden wie „Ich darf keine Schwäche zeigen“ oder „Ich muss meine Bedürfnisse immer zurückstellen“. Peter Mattenklodt erläutert: „Oft erlebt die Person, die ihre Gefühle ausdrückt, dass ihr neues Verhalten soziale Dynamiken eher verbessert.“ Johannes K. stimmt dem zu: Entgegen der Annahme, seine Frau würde ihn zurückweisen, wenn er ihr seine Gefühle mitteilt, erlebte er etwas ganz anderes: „Sie findet das super, weil sie jetzt viel besser versteht, was in mir vorgeht. So ein emotionaler Eisklotz bringt ihr einfach nichts. Diese offene Kommunikation hat die Beziehung zu meiner Frau auf jeden Fall verbessert“, berichtet er. Auch in anderen familiären Beziehungen trat keine der befürchteten „Katastrophen“ ein. Wenn seine Eltern ihn heute um einen Gefallen bitten, ihm das aber gerade zu viel ist, dann sagt Johannes K. auch mal Nein und bittet um Geduld – ohne sich zu rechtfertigen. „Früher hätte ich alles sofort erledigt, ohne auf mich zu achten.“ Der „neue Johannes“ – so nennt sich der Schmerzpatient heute selbst – war für andere, gerade für seine Eltern, Schwiegereltern und seinen großen Bruder, erst einmal ungewohnt, schließlich sei er jahrelang ein anderer gewesen. Aber überraschenderweise hätten alle seine Verhaltensänderung recht schnell akzeptiert. „Das alles wirkt sich so positiv auf meine Schmerzstärke aus, auf meine gesamte physische und psychische Gesundheit. Ich bin so dankbar, dass ich dadurch oft weniger Tabletten nehmen muss. Ich habe mehr Lebensqualität, bin weniger reizbar. Und am Ende geht es so auch meiner Familie besser“, betont er. Wenn seine Tochter ihn frage „Papa, wie geht es dir?“, dann gehe er mit ihr in den Austausch. „Und ich bin auch viel empfänglicher dafür geworden, wie sie sich fühlt – auch das habe ich aus der Therapie mitgenommen.“ 

Somatoforme Schmerzen und Fibromyalgie

Bei Menschen mit somatoformer Schmerzstörung ist die Schmerz- und Stressverarbeitung gestört. Sie leiden unter andauernden quälenden Schmerzen, für Erklärung gibt, können ein Signal für einen emotionalen Konflikt sein“, erklärt Peter Mattenklodt, leitender Psychologe des Schmerzzentrums. „Das Vermeiden von Gefühlen spielt dabei eine zentrale Rolle. Werden zum Beispiel Wut, Trauer oder Einsamkeit unterdrückt, kann das Schmerzen, aber auch Beschwerden wie Tinnitus, Bluthochdruck oder Magenprobleme auslösen, aufrechterhalten oder verstärken. Wenn ich die Emotionen allerdings erkenne, erlebe und ausdrücke, indem ich mich mit einer Erfahrung auseinandersetze, der ich bisher aus dem Weg gegangen bin, kann das Schmerzen, Stress und Angst reduzieren.“

Schmerzhafte Gefühle

Schmerz und Emotionen werden in denselben Gehirnbereichen verarbeitet. Belastende Gefühle und Schmerzen können sich demnach gegenseitig verstärken. Das Gute: Positive Emotionen senken das Schmerzempfinden. Wer gerade herzhaft lacht, kann währenddessen keine Schmerzen empfinden.