Mehr als weiße Flecken
Erst verlieren einzelne Stellen ihre Farbe, dann werden immer größere Flächen blass. Und mit jedem weißen Hautfleck nimmt die seelische Belastung bei vielen Betroffenen zu: Bis zu zwei Prozent der Menschen weltweit leben mit Vitiligo. Was die Erkrankung für sie bedeutet, welche Therapiemöglichkeiten es gibt und was Hoffnung schenkt.
Stand: Juni 2026, erschienen in Magazin „Gesundheit erlangen“, Sommer 2026
Text (wird nicht aktualisiert): Magdalena Högner/Uniklinikum Erlangen
Fotos: SalenayaAlena/stock.adobe.com (KI-generiert), PD Dr. Anke Hartmann/Uniklinikum Erlangen, Magdalena Högner/Uniklinikum Erlangen, privat
Es war 1973, als Georg Pliszewskis Haut an einzelnen Stellen farblos wurde. Erst an den Händen und den Armen, später auch im Gesicht. Die Diagnose: Vitiligo, auch Weißfleckenkrankheit genannt. „Damals gab es ja noch kein Internet. Ich konnte mich weder informieren noch mit anderen Betroffenen austauschen. Ich wusste nur, dass ich helle Flecken auf der Haut hatte, dass sie sich ausbreiteten und dass es eine Autoimmunerkrankung ist“, erzählt der heute 70-Jährige. „Vitiligo ist die häufigste depigmentierende Hauterkrankung weltweit“, ordnet PD Dr. Anke Hartmann ein. Sie ist Oberärztin der Hautklinik des Uniklinikums Erlangen und leitet dort die Sprechstunde für Pigmentstörungen. „Das Immunsystem der Patientinnen und Patienten greift fälschlicherweise Melanozyten, also pigmentbildende Zellen, an. Das führt dazu, dass die Haut an diesen Stellen farblos wird und weiße, scharf abgegrenzte Flecken entstehen.“ Ausgelöst wird die Erkrankung vermutlich durch ein Zusammenspiel aus einer genetischen Veranlagung – sogenannten Empfänglichkeitsgenen – und äußeren Faktoren wie Stress, Verletzungen oder Infektionen, die das anfällige Immunsystem aus dem Gleichgewicht bringen. Die Empfänglichkeitsgene erhöhen auch das Risiko von Vitiligo-Betroffenen, andere Autoimmunerkrankungen, etwa Schilddrüsenfunktionsstörungen, zu entwickeln. Zugleich schützt sie ihr hyperaktives Immunsystem vor anderen Erkrankungen wie weißem und schwarzem Hautkrebs oder Lymphdrüsenkrebs.
Sonnenschutz nicht vergessen!
Da das Pigment Melanin nicht nur den Hautton bestimmt, sondern auch vor schädlicher UV-Strahlung schützt, reagieren von Vitiligo betroffene Hautstellen besonders empfindlich auf Sonne.
Seelisch belastend
„Wir unterscheiden zwischen nicht-segmentaler und segmentaler Vitiligo. Letztere ist einseitig, entsteht häufig im Kindesalter und bleibt nach einem einmaligen Schub meist unverändert“, erläutert Anke Hartmann. „Bei der nicht-segmentalen Vitiligo sind beide Körperhälften betroffen. Hier beobachten wir oft einen schubweisen Verlauf.“ Obwohl die veränderten Hautstellen nur selten jucken, brennen oder andere Beschwerden verursachen, ist die Belastung für viele Patientinnen und Patienten groß – besonders dann, wenn die hellen Flecken an gut sichtbaren Körperstellen auftreten. „Einige erleben Ausgrenzung, etwa in der Schule oder auf der Arbeit. Sie ziehen sich zurück, gehen nicht mehr ins Schwimmbad, sagen Treffen mit Freundinnen und Freunden ab. Das mindert die Lebensqualität enorm“, ordnet Dr. Hartmann ein. Zugleich sei es oft auch die Angst vor weiteren Schüben, die lähme. „Viele fühlen sich ohnmächtig und haben Sorge, dass sich die Flecken ausbreiten.“ Auch Studien belegen, dass Vitiligo mit einer hohen seelischen Belastung einhergeht: Bei mehr als der Hälfte der Betroffenen wird eine psychische Erkrankung diagnostiziert, meist Angststörungen oder Depressionen.
Zur Person:
PD Dr. Anke Hartmann, Oberärztin der Hautklinik des Uniklinikums Erlangen, ist auf Vitiligo und andere Pigmentstörungen spezialisiert.
Hautklinik
Sprechstunde für Pigmentstörungen
Telefonische Terminvereinbarung:
09131 85-33842 (8.00–11.00 Uhr)
hochschulambulanz.de(at)uk-erlangen.de
www.hautklinik.uk-erlangen.de
Gemeinsam stark
Georg Pliszewski ist ein Beispiel dafür, dass es nicht immer so sein muss. „Mir ging es damit gut“, sagt er heute. Dass dem so ist, führt er unter anderem darauf zurück: „Ich hatte beruflich immer viel mit Menschen zu tun – die allermeisten haben positiv auf mich reagiert. So konnte erst gar keine Angst vor der Ablehnung entstehen.“ Zugleich habe er früh begonnen, sich intensiv mit seiner Erkrankung auseinanderzusetzen: „Als in den 90er-Jahren das Internet eingeführt wurde, habe ich mich dort auf die Suche nach anderen Betroffenen gemacht. Dieser Erfahrungsaustausch war für mich sehr wertvoll.“ Im Oktober 2006 gründete er den Deutschen Vitiligo-Bund e. V. mit, eine bundesweite Selbsthilfeorganisation. Seit 20 Jahren setzt sich die Vereinigung nun schon für Betroffene ein, etwa indem sie aufklärt, berät und informiert, Menschen mit Vitiligo im In- und Ausland vernetzt und das Gespräch mit Ärztinnen und Ärzten, Krankenkassen, politischen Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträgern sowie der breiten Öffentlichkeit sucht. Unter anderem durch dieses Engagement wurde Vitiligo 2020 als behandlungsbedürftige Krankheit eingestuft. „Das war für uns ein Meilenstein, denn Vitiligo ist kein kosmetisches Problem. Aufgrund der oft hohen psychischen Belastung handelt es sich um eine ernst zu nehmende Erkrankung“, betont Georg Pliszewski. Auch Dr. Hartmann teilt diese Einschätzung. Zugleich sieht sie weiteren Handlungsbedarf: „Neben Vitiligo führen auch andere vermeintlich rein kosmetische Störungen zu einem deutlichen Verlust der Lebensqualität, etwa kreisrunder Haarausfall oder Melasmen, also dunkle Hautveränderungen. Ihre Behandlung wird aber noch nicht von den Kassen erstattet. Wir haben also noch einen weiteren Weg vor uns.“
Zur Person:
Georg Pliszewski ist Gründungsmitglied und erster Vorsitzender des Deutschen Vitiligo-Bunds.
Deutscher Vitiligo-Bund e. V.:
„Vitiligo ist nicht heilbar, aber durchaus zu behandeln.“

Geduld ist gefragt
Für die Weißfleckenkrankheit kommen unterschiedliche Therapieoptionen infrage. Seit 2023 ist in Deutschland erstmals eine Creme mit dem Wirkstoff Ruxolitinib zugelassen. Zweimal täglich auf die farblose Haut aufgetragen, unterbricht sie die fehlgeleitete Immunreaktion und es kommt zu einer schrittweisen Wiederpigmentierung der Haut. Alternativ können Calcineurininhibitoren oder Kortikosteroide eingesetzt werden, die off-label – also ohne offizielle Zulassung für Vitiligo – auf die betroffenen Stellen aufgetragen werden. Auch verschiedene Lichttherapien können helfen; selten und in ausgewählten Fällen kommen auch chirurgische Verfahren zur Hauttransplantation zum Einsatz. „Welche Behandlungsform angewandt wird, ist abhängig vom bisherigen Krankheitsverlauf, vom Alter sowie davon, welche Körperstellen betroffen sind und ob eine segmentale oder nicht-segmentale Vitiligo vorliegt. Auch der Patientenwunsch ist wichtig“, erklärt Anke Hartmann. Zugleich variiere die Wirksamkeit von Person zu Person. „Bei dem einen wirkt Ruxolitinib hervorragend, bei dem anderen ist sehr viel mehr Geduld gefragt. Bei ihm ist dafür vielleicht eine Lichttherapie oder eine Kombination damit Erfolg versprechend“, fährt sie fort. Und auch im Einzelfall gibt es Unterschiede: Nicht alles, was im Gesicht wirkt, erzielt auch Erfolge an den Beinen – und umgekehrt. „Es gilt, verschiedene Therapien auszuprobieren und sehr viel Geduld mitzubringen“, sagt die Dermatologin. „Oft tritt eine Besserung erst nach Monaten oder Jahren ein.“
Das Leben mit Vitiligo lernen
Aus ihrer Sprechstunde weiß Dr. Hartmann, wie positiv sich eine erfolgreiche Behandlung auf die Lebensqualität auswirken kann. „Ich erinnere mich sehr gut an eine 15-jährige Patientin. Sie litt seelisch sehr stark und wurde in der Schule ausgegrenzt. Als die Therapie bei ihr eine deutliche Repigmentierung der Haut erreichte, berichtete sie mir stolz, dass sie jetzt eine Friseurlehre macht und einen Partner hat – sie ist richtig aufgeblüht!“ Sowohl Anke Hartmann als auch Georg Pliszewski wollen Betroffenen Mut machen. „Es gilt, das Leben mit Vitiligo zu lernen“, sagt der engagierte Patient. Er rät, sich Rituale zu schaffen und sich selbst Gutes zu tun, etwa jeden Sonntag einen Waldspaziergang zu machen. „Natürlich verschwinden die Flecken dadurch nicht, aber man gewinnt das Gefühl zurück, der Erkrankung nicht ausgeliefert zu sein, sondern das eigene Leben gestalten zu können.“ Auch die Teilnahme an lokalen Selbsthilfegruppen des Deutschen Vitiligo-Bunds können unterstützend wirken. Tritt die Hautveränderung bereits im Kindesalter auf, sei es außerdem wichtig, dass Eltern Ruhe bewahren. „Man sollte das Kind aufklären, aber nicht verängstigen und stattdessen seinen Selbstwert stärken. Eltern können ihrem Kind etwa zeigen, dass die Vitiligo ein Alleinstellungsmerkmal ist oder dass es inzwischen auch Models damit gibt“, sagt Dr. Hartmann. „Bei Bedarf können auch Lehrkräfte einbezogen werden, um Mitschülerinnen und Mitschüler aufzuklären. Und: Äußert das Kind, die oder der Jugendliche einen Therapiewunsch, sollten Eltern das ernst nehmen und Unterstützung anbieten.“
Jetzt mitmachen bei weltweiter Studie
Ein internationales Netzwerk von Patientenorganisationen, das Vitiligo International Patient Organisations Committee, hat im Mai2026 eine weltweite Befragung gestartet. Sie untersucht die Lebensrealität von Vitiligo-Betroffenen und ihren Angehörigen und soll helfen, die Versorgung zu verbessern.
Allen Patientinnen und Patienten – unabhängig vom Alter – möchte die Dermatologin drei Dinge mit auf den Weg geben: „Suchen Sie sich Ärztinnen und Ärzte, die sich mit Vitiligo auskennen, nehmen Sie bei Bedarf psychotherapeutische Hilfe in Anspruch und haben Sie Geduld – die Behandlung der Vitiligo ist kein Sprint, sondern ein Langstreckenlauf.“