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Mentoren in der Kinderonkologie

Lebendige Beispiele

Wenn ein Kind an Krebs erkrankt, kann es ängstlich sein, sich erschöpft, niedergeschlagen oder einsam fühlen. Was da wohl alles noch kommt? Junge Frauen und Männer, die den Krebs überwunden haben, zeigen Patientinnen und Patienten, dass es eine Zeit nach der Krankheit gibt.

Stand: Juni 2026, erschienen in Magazin „Gesundheit erlangen“, Sommer 2026 
Text (wird nicht aktualisiert): Franziska Männel/Uniklinikum Erlangen
Fotos: Franziska Männel/Uniklinikum Erlangen, Carmen Büttel, KI-generiert

„Sie haben mir den ganzen Lymphknoten rausgenommen“, erzählt Yeliz, während sie kleine runde Steine mit Filzstiften bemalt. Die Zehnjährige, die 2025 die Diagnose Lymphdrüsenkrebs bekam, sitzt im Spielzimmer der kinderonkologischen Station des Uniklinikums Erlangen – zusammen mit einer anderen Patientin und mit Emilia, Nico und Jarl. Die drei jungen Erwachsenen waren vor wenigen Jahren selbst noch in der Onkologie in Behandlung. Heute schenken sie anderen Betroffenen ihre Zeit und teilen Erfahrungen – im Rahmen eines Mentorenprogramms. Einmal im Monat gibt es ein Kreativprojekt für die Kinder und Jugendlichen auf Station. „Das soll ein Tic-Tac-Toe-Spiel werden, ein ,Drei gewinnt‘“, erklärt Mentorin Emilia die Idee für heute. „Die Steine kommen dann in ein kleines Stoffsäckchen, und da malen wir das Spielfeld drauf.“ Ende 2023 bekam die heute 20-Jährige dieselbe Diagnose wie Yeliz: Hodgkin-Lymphom. Auch Emilia wurde am Uniklinikum Erlangen behandelt. Seit Anfang 2024 ist die junge Frau krebsfrei. „Und, wie verträgst du die Behandlung?“, fragt sie Patientin Yeliz. „Von der Chemo wird mir immer heiß, aber übel eigentlich nicht“, antwortet das Mädchen, das im Zuge der Therapie seine langen, dunkelbraunen Haare verloren hat. Auch Jarl, 18 Jahre alt, ist heute krebsfrei; der 22-jährige Nico hat eine schwere Störung der Knochenmarksfunktion überstanden. Genau wie Emilia engagieren sich die beiden seit ein paar Monaten ehrenamtlich in der Kinderonkologie. Sie alle sind lebendige Beispiele dafür, dass es sich trotz Krebs lohnt, mutig nach vorn zu schauen.

Bist du bereit dafür?

Das Mentorenprogramm wird von der Elterninitiative krebskranker Kinder Erlangen e. V. organisiert und vollständig durch Spenden finanziert. Aktuell beteiligen sich daran sieben junge Survivor – also Krebsüberlebende beziehungsweise Überlebende einer ähnlich schweren Erkrankung. Die meisten von ihnen sind parallel noch mit Schule, Ausbildung oder Studium beschäftigt, einige stehen schon im Berufsleben. Gemeinsam gestalten sie in der Kinderonkologie wechselnde Aktionen: von Plätzchenbacken und Osterbasteln über Cocktailmixen und Freundschaftsbänder-Knüpfen bis hin zum heutigen Tic-Tac-Toe-Event. „Unsere Ehrenamtlichen bringen alle selbst schwere Schicksale mit“, verdeutlicht Ulrike Hetzner, Psychologin bei der Elterninitiative und Koordinatorin des Projekts. „Bei einem Vorab-Gespräch und einem Schnupperbesuch in der Klinik klären wir deshalb zuerst, ob sich die- oder derjenige so ein Ehrenamt wirklich vorstellen kann. Ich sehe mir an, wie weit die jeweilige Person mit der eigenen Verarbeitung ist, inwieweit sie bereit ist, sich zu konfrontieren, welche Ängste es vielleicht noch gibt und wie gut sich jemand abgrenzen kann.“ In begleitenden Kommunikationstrainings werden die Survivor zum Beispiel im aktiven Zuhören geschult und darin, die Bedürfnisse der Patientinnen und Patienten nie aus den Augen zu verlieren. Dabei stabilisieren sich die Mentorinnen und Mentoren auch gegenseitig, fangen einander auf und fühlen sich in ihrer Gemeinschaft verstanden. Die Mentoren-Community freue sich jederzeit über Zuwachs, wie Ulrike Hetzner betont. „Ich erinnere mich an ein Mädchen. Es muss 2010 gewesen sein, als ich noch Psychologin in der Kinderonkologie war“, berichtet sie. „Die Patientin war viele Jahre wegen Leukämie in Behandlung, hatte einen Rückfall und bekam eine Knochenmarktransplantation. Aber sie hat überlebt. Chiara Pohl ist heute 23 Jahre alt, hat ein Buch über ihre Geschichte geschrieben und mich vor ein paar Tagen angerufen: Sie will Mentorin werden und zeigen, dass Heilung und noch viel mehr möglich ist.“

Die Initiatorinnen

Eva-Maria Wild und Julia E., beide ehemalige Krebspatientinnen, haben das Erlanger Mentorenprogramm 2014 ins Leben gerufen. „In der Coronazeit wurde es leider ziemlich heruntergefahren und wir sind froh, dass wir 2025 mit neuen Ehrenamtlichen wieder durchstarten konnten“, erklärt Julia E. Eva-Maria Wild, die in der Erlanger Kinderonkologie erst Mentorin und später sogar Ärztin wurde, sagt: „Es geht bei diesem Angebot um die Momente zwischen den Therapien, um Gefühle, ums Mutmachen. Um Fragen, die Ärztinnen und Ärzte nicht beantworten können, zum Beispiel: Wie fühlt es sich an, ohne Haare rauszugehen?“ – Julia E. ergänzt: „Ein krebskrankes Kind hört oft viele aufmunternde Worte von Erwachsenen. Aber wenn jemand sagt ,Ich weiß, wie sich das anfühlt‘, hat das eine ganz andere Wirkung.“

 

„Ich möchte den Patientinnen und Patienten vermitteln, dass sie nicht allein sind.“

Nico

Für dich und für mich

Alle aktuellen Survivor wurden selbst in Erlangen behandelt. In die Klinik zurückzukehren, bedeutet, ein Stück weit auch sich selbst und die eigene Vergangenheit wiederzutreffen. „Der Geruch, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von damals, Patientengeschichten – da kommen Erinnerungen hoch“, weiß Ulrike Hetzner. „Aber das bedeutet auch Verarbeitung. Mentor zu sein, ist ein gutes ,Gegenmittel‘ gegen die Ohnmacht, die viele ehemalige Betroffene im Lauf ihrer Erkrankung gespürt haben. Jetzt können sie wieder Selbstwirksamkeit erleben.“ In der Psychologie wird der Begriff des posttraumatischen Wachstums verwendet, wonach aus körperlichem und emotionalem Leid nicht nur eine psychische Belastung, sondern auch Positives erwachsen kann: So können sich Krebsüberlebende nach überstandener Krankheit stärker, empathischer und dankbarer fühlen als vorher. Nicht selten richten sie ihren Kompass neu aus und verfolgen ganz bewusst die Dinge, die ihrem Leben Sinn geben. „Ich will etwas zurückgeben“, begründet Mentor Nico seine Motivation. Von seinem 15. bis zu seinem 19. Lebensjahr wurde er in der Kinderonkologie wegen einer seltenen Knochenmarkserkrankung betreut. „Ich habe mich als Patient immer so gut aufgehoben gefühlt. Vor allem Sport und psychologische Gespräche haben mich als Jugendlicher abgeholt“, sagt er und ergänzt lachend: „Klinikclowns eher weniger. Insofern denke ich, dass ich gerade für Jugendliche da sein kann. Ich habe auch gemerkt, dass es für Eltern sehr wertvoll ist, mir Fragen zu stellen und meine Erfahrungen zu hören“, erklärt er. „Ich möchte den Patientinnen und Patienten Interesse entgegenbringen und ihnen zeigen, dass sie nicht allein sind. Und ich finde es sinnvoll, ihnen Beschäftigungsangebote zu machen. Viele sind wie ich lange hier und oft ist einem langweilig. Dann ist es schön, die Kraft, die man hat, zum Beispiel für etwas Kreatives zu nutzen“, so der Mentor weiter.

Man kann Ärztinnen und Ärze alles fragen, aber die wenigsten hatten selbst Krebs.

Emilia

Was macht dich aus?

„Ich sehe, du hast ein Paris-Trikot an“, richtet sich der 22-Jährige an Patientin Yeliz, die bereits fünf hellblaue Steine für ihr Tic-Tac-Toe-Spiel fertig grundiert hat und nun zu einer rosa Serie übergeht. „Ja, das hat mir mein Papa gekauft“, entgegnet die Zehnjährige. Sportlich interessiere sie sich aber vor allem für Taekwondo und Schwimmen. „Ah, ich habe auch mal Taekwondo gemacht!“, hakt Mentorin Emilia ein. „Ich war schon bei vielen Wettkämpfen“, erzählt Yeliz weiter, „zum Beispiel in Innsbruck. Ich habe auch schon Gold geholt“, berichtet sie stolz. „Beim letzten Mal habe ich dann schlecht Luft bekommen. Mein Papa meinte, ich muss an meiner Atmung arbeiten. Aber dann kam raus, dass die Schwellung am Hals von meiner Krebserkrankung kam. Wenn die Chemo vorbei ist, kann ich wieder besser atmen.“ Das Mentoren-Team erkundigt sich bei Yeliz nach weiteren Hobbys, nach ihren Geschwistern und Haustieren. „Wenn alles gut läuft, dürfen wir Samstag zwei Tage nach Hause“, freut sich das Mädchen. Im Nebenraum berichtet Yeliz’ Vater, seine Tochter sei für alles zu begeistern: ob Karottenschälen beim Freitagskochen in der Elternküche, Schlagzeugspielen in der Musiktherapie oder Basteln mit den Mentorinnen und Mentoren. Yeliz besuche die vierte Klasse, wolle unbedingt aufs Gymnasium. „Sie liebt die Schule, geht weiterhin mit Perücke und Maske zum Unterricht. Sie hat Ziele. Und der Sport gibt ihr Stärke“, sagt er. „Das Mentorenprogramm ist wirklich ein ganz tolles Projekt. Es bedeutet ihr viel, sich mit anderen auszutauschen und neue Kontakte zu knüpfen.“

Wir kommen zu dir

Doch nicht alle krebskranken Kinder und Jugendlichen können die Gruppenangebote wahrnehmen. Manche müssen in Isolierzimmern bleiben, um sich vor Infekten zu schützen. Andere fühlen sich einfach zu schlapp oder sind nicht in Stimmung. Zu Beginn gehen die Survivor deshalb grundsätzlich bei allen vorbei, stellen sich und ihr Vorhaben vor, bringen eventuell Bastelmaterialien mit und bieten zudem auch Einzelgespräche im Patientenzimmer an. „Ich hatte ja Leukämie, aber ganz hinten liegt ein Patient, der wohl das hat, was du hattest, und der dich was fragen will“, wendet sich Mentor Jarl an Emilia. Die beiden laufen den Stationsflur entlang, vorbei an einem bunten „Keep-Going“-Graffiti, bis zum Ende des Gangs, wo der jugendliche Patient in einem Einzelzimmer liegt. Er wirkt schwach und niedergeschlagen. „Du hattest auch ein Hodgkin-Lymphom? Wie war das bei dir?“, will er von Emilia wissen. „Es war schon ein Schock. Aber heute habe ich keine Einschränkungen mehr“, entgegnet sie. „Wie lange hat es gedauert?“, fragt der Junge weiter. „Ich hatte vier Chemo-Zyklen, insgesamt fünf Monate, danach bin ich noch mit Maske zum Weihnachtsmarkt, habe aufgepasst“, berichtet Emilia. Die Mutter des Patienten klinkt sich ein: „Er kriegt sechs Chemo-Blöcke.“ Sie zeigt der Mentorin ihr Handy mit Bildern von der Tumordiagnostik. „So viel war befallen. Beim ersten Mal war ihm übel, beim zweiten Mal war es besser. Aber er bekommt immer wieder hohes Fieber, manchmal 41 Grad, mit Durchfall und Erbrechen.“ Emilia richtet sich wieder an den Teenager: „Es hat bei dir ein bisschen stärker gestreut als bei mir, deshalb brauchst du wahrscheinlich mehr Therapieblöcke. Es ist nicht immer leicht, aber du kannst dich beschäftigen. Bei Chemo Nummer drei kannst du dir sagen, du hast schon die Hälfte geschafft“, ermutigt sie ihn und fragt, ob er Sport mache, und dann, ob er mit seinem Portkatheter zur Medikamentengabe gut zurechtkomme. „Naja, geht so“, gesteht der Junge. Emilia zeigt ihm die Narbe unterhalb ihres Schlüsselbeins: „Mein Port kam vor drei Wochen raus. Zwei Jahre nach Therapieende ist das Rückfallrisiko nicht mehr so hoch.“ Der Patient bedankt und verabschiedet sich. Außerhalb des Zimmers erklärt Emilia: „Man darf sich vom Kopf her nicht runterziehen lassen. Eine negative Einstellung macht es schwieriger, finde ich. Ich habe mir immer gesagt: Es ist, was es ist. Ich hatte das Gefühl, dass seine Stimmung zum Ende hin schon besser war.“

„Mentor zu sein heißt, wieder Selbstwirksamkeit zu erleben.“

Ulrike Hetzner

Ein sicheres Fundament errichten

„Aktuell hängt das Mentorenprogramm stark vom Engagement Einzelner ab“, betont Eva-Maria Wild, die die Initiative mit aufgebaut hat. „Wir wünschen uns, dass solche Projekte langfristig unterstützt werden und dass es hierfür feste Strukturen gibt.“ Prof. Dr. Markus Metzler, Leiter der Erlanger Kinderonkologie, setzt sich sehr dafür ein, dass Angebote wie das Survivor-Programm einen dauerhaften Platz im Klinikalltag haben. Er sagt: „In der Kinderonkologie behandeln wir eben nicht nur eine Er­krankung. Wir begleiten Kinder und Familien durch eine Ausnahmesituation, die oft Monate oder Jahre anhält. Survivor sind deshalb so wertvoll, weil sie etwas geben, das wir Ärzte und Ärztinnen in dieser Form nicht vermitteln können: persönliche Erfah­rungen und sichtbare Behandlungserfolge. Das kann mehr Hoffnung spenden als viele erklärende Worte von medizinischer Seite. Solche Angebote sind deshalb kein nettes Extra, sondern Teil einer ganzheitlichen Versorgung. Wir sind der Elternini­tiative sehr dankbar für ihre Unterstützung. Aber für die Zukunft wünsche ich mir eine gesicherte Fi­nanzierung – auch unabhängig von Spenden –, die den tatsächlichen Bedarf krebskranker Kinder, Ju­gendlicher und ihrer Familien wirklich anerkennt.“

Als der Vater der zehnjährigen Yeliz seine Tochter später in ihrem Zimmer fragt, ob ihr die heutige Aktion mit den Mentorinnen und Mentoren Spaß gemacht habe, antwortet sie: „Aber wie!“ Nach Abschluss der Therapie will das Mädchen mit der Kämpfernatur wieder zu Taekwondo-Wettkämp­fen fahren. Nach all dem hier könnte Yeliz stärker sein als jemals zu vor.

„Eins werde ich nie tun: Aufgeben!“

Unter diesem Motto steigen 2026 wieder rund 50 junge Erwachsene – alle ehemalige Krebspatientinnen und -patienten – aufs Rad und besuchen im Rahmen der Regenbogenfahrt der Deutschen Kinderkrebsstiftung mehrere Kinderkrebszentren. Das Ziel: Betroffe­nen und ihren Familien Hoffnung und Kraft schenken. Dieses Jahr geht es von Kassel nach Nürnberg. Am 22. August 2026 macht die Mut-Mach-Tour Halt in Erlangen.