Glaube, Freundschaft, Hoffnung
Bevor es Immuntherapien gab, war fortgeschrittener schwarzer Hautkrebs oft ein Todesurteil. Welche neuen Behandlungen es heute gibt und was das Erkrankungsrisiko senken kann.
Stand: Juni 2026, erschienen im Magazin „Gesundheit erlangen“, Sommer 2026
Text (wird nicht aktualisiert): Franziska Männel/Uniklinikum Erlangen
Fotos: Franziska Männel/Uniklinikum Erlangen, Michael Rabenstein/Uniklinikum Erlangen, Simone Kessler/Uniklinikum Erlangen
Im Juli 2026 feiert Marija P. ihren 58. Geburtstag. Dass sie den noch erleben kann, verdankt sie einer Immuntherapie gegen schwarzen Hautkrebs. „Es ist ein Wunder“, sagt sie. Und Prof. Dr. Carola Berking, Direktorin der Hautklinik des Uniklinikums Erlangen, stellt klar: „Vor zehn Jahren wären Patientinnen wie sie innerhalb eines halben Jahres gestorben.“ Heute haben Krebsexpertinnen und -experten neue Behandlungsoptionen gegen das maligne Melanom – selbst, wenn es schon tief in die Haut hineingewachsen ist oder bereits Metastasen gebildet hat.
Im Mai 2024 tastete Marija P. plötzlich Knoten am Hals, hinter ihrem rechten Ohr, an Schlüsselbein, Brust und Arm. Später fand sie blaue Flecken auf der Haut, ohne sich gestoßen zu haben. Ein Knoten an ihrer Schilddrüse, der im Klinikum Fürth untersucht wurde, stellte sich als Metastase heraus: Marija P. hatte schwarzen Hautkrebs, der bereits gestreut hatte. „Es war sehr schwer“, sagt sie und schließt die Augen, damit ihr nicht die Tränen kommen. Bis dahin hatte Marija P. selbst im Patientenservice einer Klinik gearbeitet, sah viele Krebspatientinnen und -patienten weinen. Sie erinnert sich noch gut daran, wie ihr Sohn sie damals von der Untersuchung abholte und immer wieder verzweifelt auf das Lenkrad seines Autos schlug. „Die Ärztin in Fürth klärte dann alles mit Erlangen ab, sodass ich dort schnell einen Termin bekam“, berichtet Marija P. „Es war wie ein Räderwerk, das perfekt ineinandergriff. Jeder wusste immer, was der andere schon gemacht hatte“, bestätigt eine Freundin der Patientin. Sie hat Marija P. in all der Zeit begleitet. „Sie ist mein Engel. Ich weiß nicht, wie ich das ohne sie geschafft hätte“, sagt Marija P.
Im Juni 2024 zeigten CT-Aufnahmen am Uniklinikum Erlangen, dass der Krebs schon mehrere Lymphknoten sowie Lunge und Leber befallen hatte. Ein späteres MRT offenbarte auch Metastasen im Gehirn. Stadium vier von vier. Doch der Ursprungstumor, ein ursächliches Muttermal auf der Haut, ließ sich nicht finden. „Bei etwa fünf Prozent aller Melanomfälle ist das so“, erklärt PD Dr. Michael Erdmann, Oberarzt der Hautklinik. „Der Tumor kann zum Beispiel versteckt irgendwo auf der Schleimhaut sitzen oder vom Immunsystem abgebaut werden, bevor wir ihn entdecken. Mit feingeweblichen Untersuchungen von Metastasen können wir die Tumorzellen aber trotzdem näher bestimmen.“ Anfang Juli leiteten Dr. Erdmann und seine Kollegin Dr. Rafaela Kramer eine Immuntherapie für Marija P. ein – drei Infusionen innerhalb von sechs Wochen. „Ich habe gebetet und ich hatte so ein Vertrauen zu der Ärztin, dass ich dachte: Es wird schon“, sagt die 57-Jährige.
Wenn eine OP nicht reicht
„Mehr als 90 Prozent der Melanompatientinnen und -patienten können wir sehr gut mit einer Operation helfen“, erklärt Prof. Berking. „Der Hauttumor wird dann großzügig entfernt. Je kleiner und oberflächlicher er ist, desto besser die Prognose. Wenn er schon in die Tiefe gewachsen ist und Metastasen gebildet hat, stehen die Chancen schlechter.“ Marija P. gehörte zu den weniger als 10 Prozent der Erkrankten, bei denen der Tumor schon weiter fortgeschritten oder nicht operabel ist. Für diese Fälle sind erst seit rund zehn Jahren moderne Immuntherapien verfügbar. Carola Berking erklärt: „Meistens meinen wir damit Immuncheckpoint-Inhibitoren. Das sind Antikörper, die das körpereigene Immunsystem aktivieren, damit es den Krebs selbst bekämpfen kann.“ Bei den meisten metastasierten Melanomen beginnen die Erlanger Hautkrebsexpertinnen und -experten sofort mit einer Immuntherapie. Die Patientinnen und Patienten bekommen Infusionen, in der Regel so lange, bis kein Krebs mehr nachweisbar ist – vorausgesetzt, die Nebenwirkungen sind tolerier- und behandelbar. Der aktuelle Goldstandard ist eine Kombination der Antikörper Ipilimumab und Nivolumab; auch Marija P. erhielt diese Wirkstoffe. „Immuntherapien haben die beste Langzeitwirkung. Die Hälfte der Behandelten führen wir damit in Richtung Langzeitüberleben. Für die andere Hälfte forschen wir weiter“, betont Prof. Berking. „Alternativ gibt es auch sogenannte zielgerichtete Therapien in Tablettenform, die den Tumor direkt attackieren und sein Wachstum hemmen. Leider bilden sich dabei aber schnell Resistenzen und die Krebszellen finden Wege, das Medikament zu umgehen.“
Der Preis der starken Wirkung
Bei Marija P. schlug die Immuntherapie außergewöhnlich gut und schnell an: Ihr anfangs 20-fach erhöhter Tumormarker sank innerhalb von sechs Wochen in den Normalbereich. „Häufig geht eine sehr gute Wirkung aber leider auch mit stärkeren Nebenwirkungen einher“, räumt Carola Berking ein. „Das liegt daran, dass das Immunsystem sehr stark aktiviert wird und dabei auch gesunde körpereigene Strukturen angreift.“ Häufig beobachte sie Darm-, Leber- und Schilddrüsenentzündungen, Hautausschläge mit Juckreiz, Entzündungen der hormonproduzierenden Hirnanhangsdrüse oder einen neu auftretenden Diabetes. „Da steuern wir schnell mit entzündungshemmenden Medikamenten oder auch mit Ersatzhormonen gegen.“ Folgenreicher seien jedoch oft neurologische Nebenwirkungen, etwa Entzündungen von Gehirn und Nerven – so auch bei Marija P. Weil ihr Immunsystem intensiv reagierte, bekam sie entzündliche Schwellungen am Augenhintergrund – mit Folgen für ihre Sehkraft. „Aber der Krebs war zurückgegangen, die Immuntherapie hatte angeschlagen“, betont Dr. Erdmann. „Sobald das passiert, beenden wir die Infusionen, um alle Organfunktionen bestmöglich zu schützen.“ Bis heute ist das Sichtfeld der Patientin eingeschränkt und sie sieht wie durch Nebel. Auch ihr Darm war durch die Immuntherapie stark entzündet. „Aber ich hatte immer ein Warum. Ich habe das in Kauf genommen, um gesund zu werden. Als die Metastasen zurückgingen, habe ich geschrien vor Glück“, erzählt sie.
„Die Hälfte der Behandelten führen wir dank Immuntherapien in Richtung Langzeitüberleben.“
Weniger Nebenwirkungen, neue Ansätze
Seit April 2026 ist in Deutschland eine neue Kombination von Checkpoint-Inhibitoren verfügbar: Nivolumab und Relatlimab. Sie kommen für Betroffene infrage, deren Krebszellen kein oder nur eine kleine Menge des Proteins PD-L1 enthalten. „Mit der neuen Kombi können wir die aktuellen Nebenwirkungen um rund 50 Prozent reduzieren“, zeigt sich Carola Berking zuversichtlich. „Wenn jemand also beispielsweise sehr große Angst vor unerwünschten Wirkungen hat oder wenn zusätzlich andere Vorerkrankungen bestehen, haben wir jetzt eine neue Alternative.“ Zudem arbeiten Krebsforscherinnen und -forscher mit tumorinfiltrierenden Lymphozyten. Dazu entnehmen sie Abwehrzellen aus dem Tumor, bereiten sie auf und verabreichen sie der erkrankten Person als Infusion. „Die Therapie ist anspruchsvoll und bisher noch experimentell. Die Patientinnen und Patienten müssen sehr fit sein, weil sie vorher eine anstrengende Chemotherapie bekommen“, erläutert Prof. Berking. Die bisher beobachtete Wirkung sei aber vielversprechend. Große Hoffnungen setzen Forschende auch in die T-Zell-Rezeptor-Therapie. Dabei handelt es sich um eine Zelltherapie, bei der patienteneigene T-Zellen genetisch so verändert werden, dass sie tumorspezifische Antigene erkennen und Krebszellen gezielt angreifen. Und auch individualisierte Krebsimpfstoffe werden aktuell in Studien erprobt. Erste Ergebnisse haben gezeigt, dass damit das Rückfallrisiko von Hochrisikopatientinnen und -patienten um 50 Prozent gesenkt werden könnte.
Marija P. sagt, sie sei heute nicht mehr dieselbe – schneller erschöpft, mit schlechteren Augen und in der Erwerbsminderungsrente. Aber sie lebt. „Der Krebs hat mir viel genommen, aber er hat mir auch viel gegeben“, erklärt sie. „Ich weiß, wer meine Freunde sind, ich bin dankbar für meine Kinder, meine Familie und meinen Partner und bestärkt in meinem Glauben.“ Ihre Vertraute sagt: „Ich denke schon, dass eine Freundin in so einer Situation eine große Hilfe ist – auch bei dem ganzen Papierkram und bei allen finanziellen Sorgen, die sich an so eine Erkrankung anschließen, wenn man nicht mehr arbeiten kann. Das Sozialsystem lässt einen da leider ziemlich im Stich.“ Marija P. ist sich sicher: „Du wurdest mir geschickt, genau zur richtigen Zeit.“
Hautkrebs vorbeugen
Sonnenschutz: gut eincremen (mind. Lichtschutzfaktor 30, besser 50), Schatten suchen, Mittagssonne meiden, die Haut mit langer Kleidung schützen, Sonnenbrille und -hut tragen, Sonnenbrände vermeiden (vor allem in der Kindheit)
UV-Index: „Prüfen Sie den aktuellen UV-Index per Wetter-App“, empfiehlt Carola Berking. Bei Stufe 1 bis 2 ist kein Schutz erforderlich, von 3 bis 7 wird er empfohlen und ab 8 ist er absolut notwendig.
Hautkrebsscreening: „Auch wenn es aktuell Kürzungspläne gibt, befürworte ich das Hautkrebsscreening, vor allem für Risikogruppen. Je früher ein Melanom entdeckt wird, desto besser“, so die Meinung von Prof. Berking.
Persönliches Risiko beachten: Neben der UV-Strahlung der Sonne erhöhen auch Solarienbesuche, Hautkrebsfälle in der Familie, helle Haut, viele Muttermale, Sonnenbrände in der Kindheit und ein höheres Lebensalter das persönliche Hautkrebsrisiko.
Auch Junge betroffen
Bei 25- bis 29-jährigen Frauen ist das Melanom die häufigste Tumorart.


