Ganz nah
Das Team der Neonatologie des Uniklinikums Erlangen versorgt selbst kleinste Frühchen – mit behutsamer Zuwendung und medizinischem Spezialwissen. Wenn die Klinikzeit endet, übernimmt der Bunte Kreis Erlangen die Betreuung zu Hause. Wir haben zwei Familien an unterschiedlichen Punkten ihres persönlichen Weges getroffen.
Stand: September 2026, erschienen in Magazin „Gesundheit erlangen“, Herbst 2026
Text (wird nicht aktualisiert): Franziska Männel/Uniklinikum Erlangen
Fotos: Franziska Männel/Uniklinikum Erlangen

Benedikt liegt auf der Brust seiner Mutter, zugedeckt mit einem weißen Mulltuch. Ein dünnes Deckchen schützt seine Augen vor Umgebungslicht, ein Mützchen wärmt seinen kleinen Kopf und dämpft Geräusche. Kaum sieht man etwas von dem 39 Zentimeter kleinen, zierlichen Frühchen, so eingemummelt ist es – in Stoff, Wärme und Geborgenheit. „Mit ihm zu kuscheln, ist das Schönste am Tag“, sagt seine Mama Daniela B. und strahlt. Ihr Mann Daniel B., der neben ihr sitzt, fügt an: „Benedikt gefällt das auch richtig gut, das spüren wir.“ Plötzlich streckt sich eine winzige Hand aus dem Baumwolltuch hervor. „Er möchte immer etwas greifen“, erklärt Daniel B. „Manchmal nimmt er dann den Schlauch seiner Magensonde. Wir müssen aufpassen, dass er den nicht rauszieht.“ Daniela B. bietet ihrem Sohn stattdessen ihren Zeigefinger an. Sein Händchen umschließt ihn und lässt ihn nicht mehr los.
Benedikt liegt aktuell in der Neonatologie des Uniklinikums Erlangen. Wenn Eltern hier mit ihrem Kind kuscheln, heißt das „Känguruhen“. Es gehört fest zum Tagesablauf. Denn der direkte Kontakt, Haut auf Haut, stärkt die Bindung und hilft dem Kind, sich zu entwickeln, Atmung, Herzschlag und Temperatur zu regulieren. Elternwärme ist Medizin. „Wir haben mit 30 Minuten angefangen, jetzt sind es manchmal drei Stunden“, sagt Daniela B. „Frühgeborene haben ja öfter Schwankungen beim Puls und bei der Sauerstoffsättigung. Beim Känguruhen kommt das aber viel seltener vor.“
Einfühlsam begleitet
Benedikt kam im Juli 2026, in der 30. Schwangerschaftswoche, zur Welt und wog nur 1.450 Gramm. Damit ist er eines von durchschnittlich 60 Frühgeborenen unter 1,5 Kilogramm, die jedes Jahr in der Erlanger Neonatologie versorgt werden. „Auch noch viel kleinere Frühgeborene haben heute eine echte Überlebenschance“, betont Prof. Dr. Heiko Reutter, Leiter der Neonatologie und Pädiatrischen Intensivmedizin des Uniklinikums Erlangen. „In unserem Level-1-Perinatalzentrum versorgen wir Frühgeborene auf höchstem medizinischen Niveau.“ Doch neben all der Fachkenntnis und der modernen technischen Ausstattung eines Uniklinikums setzt das Erlanger Team vor allem auf eine einfühlsame Betreuung. „Wir sehen hier jeden Tag, wie liebevoll mit den Kindern umgegangen wird“, berichtet Daniel B. „Immer wieder kommt jemand bei uns vorbei, wir werden bei allen Schritten eingebunden und lernen ganz viel für daheim.“
Alle für die Kleinsten
Im Universitäts-Perinatalzentrum Franken am Uniklinikum Erlangen engagieren sich u. a.: Frauenklinik samt Pränataldiagnostik und spezieller Geburtshilfe, Kinder- und Jugendklinik mit Neonatologie, Kindergastroenterologie, Kindernephrologie, Kinderherzchirurgischer, Kinderkardiologischer und Kinderchirurgischer Abteilung sowie das Humangenetische Institut.
„Benedikt ist so ein kleiner, zierlicher Mensch. Da mussten wir erst mal Berührungsängste abbauen.“

Emotionen teilen – und Milch
Regelmäßig pumpt Daniela B. Muttermilch ab, die in der Milchküche des Uniklinikums Erlangen mit zusätzlichen Nährstoffen und Kalorien angereichert wird, damit Benedikt schneller zunimmt. Aktuell bekommt er diese Milch, Milliliter für Milliliter, per Magensonde – also über einen dünnen Schlauch direkt in den Bauch. Das bleibt so, bis Benedikt kräftig genug ist, um selbst an der Flasche oder Brust zu trinken. Reicht ihre eigene Muttermilch nicht aus, kann Daniela B. dank der neuen Frauenmilchbank des Uniklinikums Erlangen auch auf gespendete Milch anderer Frauen zurückgreifen. Sowieso sei das Gefühl der Verbundenheit auf Station groß. „Wir sehen hier auch die anderen Kinder in den Inkubatoren. Sie sind manchmal kaum grSowieso sei das Gefühl der Verbundenheit auf Station groß. „Wir sehen hier auch die anderen Kinder in den Inkubatoren. Sie sind manchmal kaum größer als eine Faust“, sagt Daniel B. Seine Frau ergänzt: „Man kann die Gefühle der anderen Eltern so nachempfinden und feiert jeden Erfolg, jede gute Entwicklung mit.“
Weil Daniela B. vor der Zeit in der Neonatologie vier Wochen stationär in der Frauenklinik des Uniklinikums Erlangen verbringen musste, konnte sie keinen Geburtsvorbereitungskurs machen. „Darauf hatte ich mich eigentlich schon gefreut“, sagt die 32-Jährige. Doch ihr Gebärmutterhals war verkürzt, eine Frühgeburt wurde immer wahrscheinlicher. Dann bekam sie nachts plötzlich Wehen; am nächsten Tag musste Benedikt per Kaiserschnitt geholt werden. „Auf einmal hat sich unser Leben um 180 Grad gedreht. Es war sehr emotional, der Kopf kam gar nicht so schnell hinterher. Aber wir haben gleich gemerkt, dass wir hier in guten Händen sind.“

In kleinen Schritten
Statt im Geburtsvorbereitungskurs lernen die jungen Eltern aus Höchstadt jetzt direkt auf Station, wie sie mit ihrem Baby umgehen sollten. Sie entwickeln Routine darin, Benedikt im Brutkasten ruhig zu begrüßen, ihn langsam über die Seite umzulagern, ihn zu wickeln, vorsichtig zu halten, seine Bedürfnisse zu erkennen, ihm Muttermilch zu geben, Blutdruck und Temperatur zu messen und den Sauerstoffsensor von einem Füßchen zum anderen zu wechseln, damit die zarte Haut keine Druckstellen bekommt. Sie erfahren, dass flüchtiges Streicheln ihren Sohn eher irritiert, aber eine auf ihm ruhende Hand Sicherheit vermittelt. Spürt Benedikt zum Beispiel eine flächige Berührung an Kopf und Füßen, hilft ihm das, seinen kleinen Körper im Raum wahrzunehmen. Gleichzeitig erinnert ihn das an die räumliche Enge im Mutterleib. Immer an der Seite der Eltern: erfahrene und auf Frühgeborene spezialisierte Pflegefachpersonen. Gut beobachtet von ihnen übt Benedikt auch das selbstständige Atmen ohne zusätzlichen Sauerstoff, indem ihm die kleine Maske zur Atemunterstützung eine Zeit lang abgenommen wird. „Er schafft es teilweise schon eine Stunde allein“, berichtet seine Mama stolz. Die pflegerische Leitung der Station Neonatologie 1, Katrin Klein, erklärt: „Wir arbeiten hier mit der basalen Stimulation. Mit sanften Berührungen, ruhigen Bewegungen und vertrauten Stimmen geben wir den Frühchen Orientierung, ohne sie zu überreizen. Dabei behalten wir Kreislauf, Atmung, Mimik und Motorik immer im Blick und passen uns auch an die Wach- und Schlafphasen der Kinder an. Ausreichend Ruhe ist ganz wichtig – unter anderem für das Wachstum und die Entwicklung des Gehirns.“
Abends nach Hause zu gehen und Benedikt in der Klinik zurückzulassen, fällt Daniel und Daniela B. schwer. „Aber wenn wir uns Sorgen machen, rufen wir an. Nach zwei Sekunden geht hier jemand ran“, sagt Daniel B. Dieses Informieren und Einbinden helfe dem Paar, Ängste ab- und Vertrauen aufzubauen. Und dennoch: Die Situation ändert sich manchmal täglich. Benedikts Gesundheitszustand ist noch nicht stabil. Freude und Sorge, Fortschritt und Rückschlag, Hoffnung und Verzweiflung – all das liegt in der Neonatologie eng beisammen.
Von der Klinik ins Kinderzimmer
Petra Oehrlein vom Nachsorgeprogramm Bunter Kreis Erlangen kennt diese Schwankungen. „Leider ist dieses Auf und Ab ein recht häufiges Phänomen“, weiß die Fachkinderkrankenschwester. Der Bunte Kreis bietet eine sozialmedizinische Nachsorge zu Hause an, um Familien mit frühgeborenen, schwer oder chronisch kranken Kindern bis 14 Jahren den Übergang von der Klinik in den Alltag zu erleichtern. Das Team besteht aus Case-Managerinnen, Pflegefachfrauen, einer Sozialpädagogin und einer Kinderärztin. „Das Angebot gilt für Kinder mit mindestens einer medizinischen Diagnose – etwa extreme Frühgeburtlichkeit. Das betrifft also alle, die wie Benedikt in beziehungsweise vor der 30. Schwangerschaftswoche geboren wurden, die zu wenig wiegen oder andere gesundheitliche Probleme haben, beispielsweise mit der Atmung oder mit dem Darm“, erklärt Petra Oehrlein. Bereits in der Neonatologie nimmt das Team des Bunten Kreises mit den Familien Kontakt auf und fragt deren Bedarf ab – so auch bei Daniela und Daniel B. „Ich denke, wir würden die Nachsorge gern in Anspruch nehmen, um auch nach der Entlassung jemanden an unserer Seite zu haben“, blickt Benedikts Mama in die Zukunft.
Mehrlingsgeburten
... sind am Uniklinikum Erlangen sehr gut aufgehoben. So wurden u. a. von 2020 bis 2025 an der Erlanger Frauenklinik zwei Vierlingsschwangerschaften und 15 Schwangerschaften mit Drillingen betreut – eine davon war die von Gizem T.
„Ganz wichtig war mir, das Selbstvertrauen der Eltern aufzubauen.“

Drei Frühgeborene auf einmal
Eine andere Familie ist diesen Weg bereits gemeinsam mit Petra Oehrlein gegangen: Gizem T. und Serhat M. wurden im März 2025 Eltern der Drillinge Serem, Karan und Yaman. Auch sie wurden viel zu früh – in der 26. Schwangerschaftswoche – geboren, wogen jeweils nur zwischen 540 und 700 Gramm. In der 21. Schwangerschaftswoche hatte Gizem T.s Gynäkologe die Kinder im Mutterleib per Ultraschall untersucht und auch die Länge des Gebärmutterhalses gemessen. „Auf einmal wurde der Arzt ganz weiß. Er sagte, dass ich sofort ins Uniklinikum müsse“, berichtet die 38-Jährige. In der Erlanger Frauenklinik wurde ihr ein Pessar eingesetzt, das den Druck auf den Muttermund reduzieren sollte. „Aber drei Kinder drücken eben auch stärker als eins“, ordnet Petra Oehrlein ein. „Ich erinnere mich, dass mich Prof. Reutter aus der Neonatologie schon in der Frauenklinik immer wieder besuchte. Das Team wollte die Geburt bis mindestens zur 30. Woche hinauszögern. Leider wurde das nichts“, erzählt die Drillingsmama. Die ersten ein bis zwei Wochen in der Neonatologie verliefen für die drei Frühchen den Umständen entsprechend gut. „Aber dann ist es bei Yaman komplett eskaliert. Sein Darm war schwer entzündet. Es ging um Leben und Tod“, sagt Gizem T., und noch einmal kommt der Schmerz von damals hoch. „Er hatte noch so einen langen Weg vor sich.“ Yaman – auf Türkisch heißt das Kämpfer.
„Der große Vorteil ist, dass wir am Uniklinikum alle kindermedizinischen Fächer vereinen und die jeweiligen Expertinnen und Experten immer hier vor Ort haben“, betont Prof. Reutter. Und so öffnete das kinderchirurgische Team Yamans winzigen Bauchraum und legte mithilfe von Miniaturinstrumenten und extrafeinen Fäden einen künstlichen Darmausgang an; auch eine Leistenhernie wurde operiert – genau wie bei seinem Bruder Karan. Ihre Schwester hingegen musste am Herzen behandelt werden und nahm besonders zögerlich zu. „Es war eine schwere Zeit“, gesteht Gizem T. „Und auch zu Hause habe ich mir noch viele Gedanken gemacht. Jedes zugenommene Gramm war für mich so wichtig.“ Umso dankbarer waren sie und ihr Mann für den Bunten Kreis.
„Wir konnten Frau Oehrlein alles fragen, immer anrufen oder eine Nachricht schreiben.“
Harl.e.kin-Nachsorge
Zusätzlich zum Bunten Kreis bietet die Kinder- und Jugendklinik in Kooperation mit der Frühförderung der Lebenshilfe die Harl.e.kin-Nachsorge an. „Sie kommt für früh- und risikogeborene Kinder infrage“, erklärt Case-Managerin Dagmar Kußberger. „Für Harl.e.kin braucht es aber keine medizinische Diagnose, also auch keine extreme Frühgeburt. Frühcheneltern sind trotzdem oft unsicher und sehr dankbar für die Unterstützung, gerade bei Mehrlingen.“
Im Babyalltag ankommen

Serem, Karan und Yaman wurden zeitversetzt aus der Kinderklinik entlassen. Ab Tag eins war Petra Oehrlein für die Familie da und kam für die folgenden vier Monate einmal pro Woche vorbei. „Wir konnten sie alles fragen, immer anrufen oder eine Nachricht schreiben“, erinnert sich Gizem T. Bei ihren Hausbesuchen wog Petra Oehrlein die Kinder und verfolgte ihre körperliche und geistige Entwicklung, während die Drillinge auf der Krabbeldecke lagen und sie mit den Eltern sprach. Die erfahrene Fachkinderkrankenschwester schulte die Eltern im Umgang mit Sauerstoffgerät und Überwachungsmonitor, beriet zu Medikamentengaben, hatte anstehende Arzttermine mit im Blick und half immer wieder einzuschätzen: Ist das normales Säuglingsverhalten? Oder ist es der Frühgeburtlichkeit geschuldet und muss genauer kontrolliert werden? „Ganz wichtig war mir, das Selbstvertrauen der Eltern aufzubauen und sie in ihrem Tun zu bestärken“, erklärt Petra Oehrlein. Gizem T. sagt: „Ich wollte von Anfang an sehr viel – Physio, Heilpraktiker, Frühförderung. Es waren ja Frühchen und ich hatte Angst, dass es Folgen haben könnte, wenn wir das nicht machen.“ Die Nachsorgeexpertin erläutert: „Mir ging es darum, zu vermitteln, dass die drei erst mal in Ruhe im Babyalltag ankommen dürfen und dass sie Zeit brauchen, sich zu entwickeln.“ Gizem T. erinnert sich: „Bei Serem habe ich einfach nicht die richtige Fütterposition gefunden, in der sie die Flasche nahm. Frau Oehrlein hat mir dann eine Variante gezeigt, bei der meine Tochter längs in meinem Schoß liegt – das machen wir bis heute so.“ Auch Alltagstipps der Expertin – wie der, sich vielleicht einen automatischen Milchflaschenbereiter zuzulegen – waren für die Drillingseltern Gold wert. Bei Petra Oehrlein, die schon viele Kinder und Eltern betreut hat, wird diese Bunte-Kreis-Familie besonders im Gedächtnis bleiben: „Drillinge hat man nicht alle Tage – und dann noch so kleine Frühchen. Ich habe die Eltern immer dafür bewundert, wie sie das alles meistern.“ – „Wir können nur sagen: Danke, Frau Oehrlein, danke, liebes Team der Frauenklinik und der Neonatologie – ihr habt alle euer Bestes gegeben“, so Gizem T. abschließend. „Anderen Familien kann ich versichern: Sie sind immer an eurer Seite!“
Während die Drillinge mittlerweile neugierig ihr Zuhause erkunden, Fensterbänke erklimmen und Bausteintürme errichten, steht Frühchen Benedikt dieser große Schritt noch bevor. Bis dahin wird er noch einige Wochen in der Neonatologie verbringen, wird lernen, stabil zu atmen und zuverlässig zu trinken, wird zunehmen und Kraft sammeln. „Zu wissen, dass wir auch danach nicht allein sind, ist schön“, findet seine Mama. Und von anderen zu hören, die es schon geschafft haben, mag die Eltern hoffnungsvoll stimmen.
Weitere Informationen
Neonatologie in der Kinderklinik
Beratung bei besonderen Schwangerschaftssituationen Telefon: 09131 85-41700 (dienstags 11.00 – 12.00 Uhr)
Bunter Kreis Erlangen
09131 85-41172
bunterkreis.kinder(at)uk-erlangen.de
www.uker.de/ki-bunter-kreis
Videos (auf YouTube)
Feinfühlig betreut in der Neonatologie
Von der Neonatologie nach Hause:
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