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CAR-T-Zell-Therapie bei SLE

Die den Wolf besiegte

Mit 16 Jahren erkrankte Thu Thao Vu Thi an Systemi­schem Lupus erythematodes (SLE). Als keine der verfügbaren Therapien an­schlug, wagten Erlanger Ärztinnen und Ärzte gemeinsam mit der jungen Frau einen bis dahin einzigartigen Versuch: Thu Thao Vu Thi sollte als erste SLE-Patientin weltweit eine CAR-T-Zell-Therapie erhalten.

Stand: Juni 2026, erschienen im Magazin „Gesundheit erlangen“, Sommer 2026
Text (wird nicht aktualisiert): Magdalena Högner/Uniklinikum Erlangen
Fotos: Magdalena Högner/Uniklinikum Erlangen, Thu Thao Vu Thi, Franziska Männel/Uniklinikum Erlangen, privat 

„Ich hörte das Wort ‚Heilung‘“, sagt Thu Thao Vu Thi. „Da war ich mir sicher, dass ich es versuchen möchte.“ Fünf Jahre ist es her, dass sich die junge Frau im Rahmen eines individuellen Heilversuchs ihrem Systemischen Lupus erythematodes (SLE) stellte, einer chronisch-entzündlichen Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem eigene Körperzellen in verschiedenen Organen angreift. Nachdem sie monatelang Schmerzen ertragen musste und sich kaum bewegen konnte, sollte die damals 20-Jährige als erste SLE-Patientin weltweit eine CAR-T-Zell-Therapie erhalten – eine Behandlungsmethode, die bis dato nur bei Leukämie und Lymphdrüsenkrebs zum Einsatz gekommen war. Ob die Therapie bei ihr anschlagen würde, war zu diesem Zeitpunkt ungewiss. „Mein Behandlungsteam betonte von Anfang an, dass der Ausgang nicht vorhersehbar war“, erzählt Thu Thao Vu Thi. „Aber bei dem Gedanken daran, dass ich endlich von meinen Qualen befreit werden könnte, musste ich vor Erleichterung weinen. Also stimmte ich zu.“

Die Diagnose SLE erhielt Thu Thao Vu Thi, als sie gerade 16 Jahre alt war. Im Winter 2016 traten bei der Schülerin immer wieder Gelenk- und Muskelschmerzen auf. Zu Beginn war sie unbesorgt. „Ich machte damals viel Sport, vor allem Taekwondo und Turnen. Ich dachte, das sei einfach ein Muskelkater“, erinnert sich die heute 25-Jährige. Doch die Schmerzen blieben – und wurden immer stärker. Als schließlich ein schmetterlingsartiger Ausschlag in ihrem Gesicht hinzukam, ging sie zum Hautarzt. Dieser überwies sie nach einer Blutuntersuchung sofort in die Notaufnahme. „Zu meinen Eltern sagte ich noch: ‚Ach, ihr braucht mir keine Kleidung einzupacken!‘“, erzählt sie. „Ich ging davon aus, dass ich höchstens ein, zwei Nächte bleiben werde.“ Doch es wurden sechs Wochen – und es war der Beginn eines noch viel längeren Genesungswegs.

„Als die Patientin zu uns kam, war sie schwer krank“, erklärt Prof. Dr. med. univ. Georg Schett, Direktor der Medizinischen Klinik 3 – Rheumatologie und Immunologie des Uniklinikums Erlangen. „Das Immunsystem griff bereits die Gelenke, Muskeln und Sehnen an, und auch die Nieren waren entzündet.“ Verschiedene Untersuchungen bestätigten im Februar 2017 den Verdacht: Thu Thao hatte Systemischen Lupus erythematodes. „Ich hatte von der Erkrankung bis dahin noch nie gehört. Meine erste Frage war: Muss ich jetzt ster­ben?“, erzählt sie „Ich wusste, mein Leben würde nie wieder sein wie davor.“ Thu Thao erhielt am Uniklinikum Erlangen schließlich eine Chemothe­rapie – und die Schmerzen ließen nach.

Der Wolf kommt zurück

Etwa ein Jahr lang war die Jugendliche weitgehend symptomfrei. Doch dann, im Herbst 2019, kam der SLE zurück – und zwar stärker als je zuvor. Immer häufiger wurde Thu Thao krank – ein Zeichen ihres geschwächten Körpers und der immununterdrückenden Medikamente, die sie zu diesem Zeitpunkt einnahm. Sie bekam eine Lungenentzündung, eine schwere Grippe, entwickelte eine Rippenfellentzündung. Die Lungenfunktion sank auf 32 Prozent. Wochenlang musste sie im Sitzen schlafen, weil sie Schmerzen beim Atmen hatte. Ihre steifen, schmerzenden Gelenke erlaubten zudem kaum Bewegung, und auch ihr Herz war betroffen. „Ich war fast schon Stammgast auf der Station B2-2 der Medizin 3“, blickt Thu Thao Vu Thi zurück und lacht. 

Wie schlecht es ihr ging, kann sie sich heute kaum noch vorstellen – und auch damals unterschätzte sie ihren Zustand: „Ich dachte immer: ‚Ach, so schlimm ist es nicht. Anderen geht es viel schlechter‘“, erzählt sie. „Das Stationsteam sagte dann immer ganz klar: ‚Nein, Thu Thao, das stimmt nicht!‘“

Ein Therapieversuch folgte auf den nächsten. Im Frühjahr 2021 dann die erschütternde Nachricht: Alle in Deutschland zugelassenen Therapieoptionen waren ausgeschöpft. „Wir standen mit dem Rücken zur Wand“, sagt Prof. Schett. „Aber Aufgeben war für uns keine Option.“ Das Behandlungsteam brachte zum ersten Mal CAR-T-Zellen ins Spiel, eine Methode aus der Krebstherapie. Dabei werden körpereigene Immunzellen, sogenannte T-Lymphozyten, im Labor gentechnisch so verändert, dass sie anschließend krankhafte Zellen erkennen und zerstören. „Die Idee war, die T-Zellen diesmal so zu ,programmieren‘, dass sie die fehlgeleiteten Immunzellen angreifen, die am SLE beteiligt sind“, erklärt Prof. Dr. Andreas Mackensen, Direktor der Medizinischen Klinik 5 – Hämatologie und Internistische Onkologie. „Ich wusste, dass ich ohne eine weitere Behandlung sterben würde“, sagt Thu Thao Vu Thi. „So hatte ich zumindest eine Chance.“

„Ich weiß, dass man bei Autoimmunerkrankungen nicht von ,Heilung‘ spricht – aber es fühlt sich für mich so an!“

Thu Thao Vu Thi

Der Wolf

Den Namen Lupus (lateinisch: Wolf) bekam die Erkrankung, weil die typischen Gesichtsrötungen und -entzündungen die Menschen früher an Wolfsbisse erinnerten.

„Eine Studie hat mein Leben gerettet“

Was für manche wie eine Floskel klingt, ist für Thu Thao Vu Thi zu ihrer eigenen Geschichte geworden. Mit ihrem Genesungsweg möchte die 25-Jährige zeigen, wie wichtig klinische Studien für den medizinischen Fortschritt sind. Daher engagiert sie sich heute unter anderem bei „Studien wirken“, einer deutschlandweiten Initiative, die Studien sichtbar machen möchte.

Zwischen Hightech-Medizin und TV

Es folgten zwei Monate intensiver Vorbereitung, unter anderem mittels einer leichten Chemotherapie, die das Immunsystem auf die neuen T-Zellen vorbereiten sollte. Obwohl der Behandlungserfolg ungewiss war, blickte die Patientin positiv nach vorn: „Ich habe mich richtig darauf gefreut!“ Am 22. März 2021 war es endlich so weit: „Ich saß in meinem Stationszimmer und erhielt die langersehnte, womöglich lebensretten­de CAR-T-Zell-Infusion. Im Hintergrund lief Trash-TV“, sagt sie und lacht. 

Die Behandlung schlug an: Die Blutwerte verbes­serten sich zügig und die angegriffenen Organe er­holten sich. Doch Thu Thao Vu This Körper musste sich erst wieder daran gewöhnen, zu funktionieren. „Aufgrund meiner Schmerzen hatte ich mich zwei Jahre lang kaum bewegt – meine Muskulatur war sehr schwach“, erklärt sie. Sie musste das Laufen neu erlernen und auch das Atmen, denn durch die Rippenfellentzündung war ihre Atmung nur noch sehr flach. Monatelang trainierte sie zu Hause, be­suchte nebenbei die Schule. Mathe, Englisch, Lau­fen lernen. Das war ihr Stundenplan. „Meine Selbstständigkeit war mir immer sehr wichtig – ich wollte das alleine schaffen“, betont sie. Rund ein halbes Jahr nach der CAR-T-Zell-Gabe fühlte sie sich wieder wie sie selbst. „Nach all den kräftezeh­renden Jahren war ich endlich beschwerdefrei. Ich konnte sogar wieder Sport machen!“, erzählt sie und strahlt. Fast 1.000 Tage nach der Infusion war der SLE nicht mehr im Blut nachweisbar.

Medizingeschichte geschrieben

Am 22. März 2026 jährte sich die CAR-T-Zell-Gabe zum fünften Mal. Für Thu Thao Vu Thi ein Meilenstein. „Bei vielen Krebserkrankungen gilt man fünf Jahre nach Therapieende als geheilt“, erklärt sie. „Ich weiß, dass man bei Autoimmunerkrankungen nicht von ,Heilung‘ spricht – aber es fühlt sich für mich so an!“ Erst im Januar 2026 veröffentlichten Prof. Schett und Prof. Mackensen die weltweit größte Studie zur Wirksamkeit von CAR-T-Zellen bei Autoimmunerkrankungen – der Behandlungserfolg bei Thu Thao Vu Thi war hierfür wegbereitend. Insgesamt konnten im Rahmen der Studie 24 Patientinnen und Patienten mit lebensbedrohlichen Autoimmunerkrankungen von ihren Beschwerden befreit werden. „Mir war damals gar nicht bewusst, welche Wellen mein Fall geschlagen hat“, erzählt die junge Frau. Heute weiß sie es, denn die 25-Jährige studiert inzwischen Industrielle Biotechnologie in Ansbach. „Einmal ging es in einer Vorlesung um CAR-T-Zellen. Plötzlich sah ich ein Foto in den Vorlesungsunterlagen und stellte fest: ,Huch, das bin ja ich!‘“, sagt sie und lacht. Nach wie vor spielt die Erkrankung in ihrem Leben eine wichtige Rolle: Nach dem Studium möchte sie selbst zu CAR-T-Zellen forschen. Zudem steht sie regelmäßig mit anderen SLE-Patientinnen und -Patienten im Austausch und ermutigt sie auf ihrem Weg. Ihnen und anderen Betroffenen mit bisher nicht heilbaren Erkrankungen möchte sie eine Botschaft mitgeben: „Die Forschung bewegt sich so schnell voran – es ist sehr wahrscheinlich, dass es auch für euch bald eine Therapie geben wird. Haltet durch!“

Seitenwechsel

Ab Herbst 2025 machte Thu Thao Vu Thi genau dort ein sechsmonatiges Praktikum, wo sie 2021 ihr Leben zurückbekam: in der Medizinischen Klinik 3 – Rheumatologie und Immunologie und der Medizini­schen Klinik 5 – Hämatologie und Internistische Onkologie des Uniklinikums Erlangen. Sie durfte ihr ehemaliges Behandlungsteam nicht nur als Kollegin unterstützen, sondern auch die Herstellung von CAR-T-Zellen im GMP-Labor begleiten. „Durch mein Praxissemester ist mir erst bewusst geworden, wie viele Menschen an so einer Therapie beteiligt sind. Ärztinnen und Ärzte, Pflegekräfte, Labormitarbeiten­de, so viele im Hintergrund, die jeden Tag alles geben. Euch allen gilt mein Dank!“, sagte sie rückblickend.