Alle für die Aorta
Ist die „Hauptversorgungsleitung“ des Blutkreislaufs, die Aorta, erkrankt oder verletzt, wird es schnell lebensbedrohlich. Gefäß- und Herzchirurgie sowie Radiologie müssen dann eng zusammenarbeiten, um für jede Patientin und jeden Patienten bestmöglich zu entscheiden.
Stand: September 2026, erschienen in Magazin „Gesundheit erlangen“, Herbst 2026
Text (wird nicht aktualisiert): Franziska Männel/Uniklinikum Erlangen
Fotos: Franziska Männel/Uniklinikum Erlangen, KI-generiert

„Als ich zehn Jahre alt war, sagte mein Kinderarzt, mein Herz würde sich ungewöhnlich anhören“, sagt Hannes R., heute 24 Jahre alt. Es stellte sich heraus, dass seine Aortenwurzel erweitert war – also jener Abschnitt der Hauptschlagader, der direkt am Herzen liegt. „Ich bekam in der Kinderherzchirurgie des Uniklinikums Erlangen eine Gefäßprothese und auch die Aortenklappe meines Herzens wurde durch eine künstliche ersetzt“, berichtet der Student. In den folgenden Jahren lebte Hannes R. ein aktives, unbeschwertes Leben. „Ich habe Vereinsfußball gespielt, war joggen, habe mich nie eingeschränkt gefühlt“, erzählt er. Bis zu einem Tag im Oktober 2019. Hannes R. war mittlerweile 17. „Ich kam nach dem Motorradfahren nach Hause, habe geduscht und mich ins Bett gelegt. Als ich mich umdrehen wollte, hat es plötzlich in meinem Rücken gestochen. Aber das war kein normaler Schmerz, er war zerreißend. Ich dachte, ich sterbe.“ Bewegungsunfähig und mit Atemnot verharrte Hannes R. in einer Art Dämmerzustand; rief nicht seine Eltern dazu, die sich eine Etage weiter oben aufhielten. „Am nächsten Morgen bin ich dann zum Hausarzt gegangen. Der stellte aber leider eine Fehldiagnose und schickte mich mit einer, Wirbelblockade‘ nach Hause. Abends fuhren wir dann doch ins Krankenhaus nach Amberg. Von dort flog man mich ins Uniklinikum und ich kam sofort auf die Intensivstation.“
„Der Schmerz war zerreißend. Ich dachte, ich sterbe.“
–– Hannes R.
Ein gefrorener Elefantenrüssel
Diagnose: Aortendissektion – ein Riss in der innersten Wandschicht der Hauptschlagader, ein lebensbedrohlicher Notfall. Der damalige Direktor der Erlanger Herzchirurgie setzte Hannes R. einen „Frozen Elephant Trunk“ ein, was so viel heißt wie „gefrorener Elefantenrüssel“. Diese spezielle Gefäßprothese ersetzt seitdem den Aortenbogen des Patienten. „Die verschiedenen Abschnitte der Aorta erkranken häufig nicht allein, sondern gleichzeitig oder nacheinander. Deshalb ist es für uns zentral, uns fachübergreifend abzustimmen – zwischen Gefäßchirurgie, Herzchirurgie und interventioneller Radiologie“, erklärt Prof. Dr. Ulrich Rother, Leiter der Gefäßchirurgischen Abteilung des Uniklinikums Erlangen. „Für jede Patientin und jeden Patienten planen wir in einem gemeinsamen Aortenboard, wann und wie welcher Abschnitt behandelt wird.“ Der Direktor der Herzchirurgischen Klinik, Prof. Dr. Robert Cesnjevar, ergänzt: „Der Frozen Elephant Trunk wird zum Beispiel vonseiten der Herzchirurgie so vorbereitet, dass die Gefäßchirurgie gut daran weiteroperieren kann. Salopp gesagt ist die Aorta wie ein Gartenschlauch: Wenn man zwei Schläuche zusammenführen will, braucht man ein gutes Steckmodul.“ Trotzdem habe keiner der Fachbereiche einen „Tunnelblick“.
Was ist die Aorta?
Sie ist die Hauptschlagader des Körpers und beginnt direkt am Herzen. Von dort aus transportiert sie sauerstoffreiches Blut in nahezu alle Körperregionen. Vom Herzen aus verläuft die Aorta weiter nach unten durch Brust- und Bauchbereich bis zum Becken. Von der Hauptschlagader zweigen zahlreiche Arterien ab, die u. a. Gehirn, Arme, Bauchorgane, Nieren und Beine versorgen.
Prof. Rother betont: „Oft heißt es: Die Herzchirurgie arbeitet ausschließlich nah am Herzen, die Gefäßchirurgie nur im unteren Teil der Aorta. Aber hier am Uniklinikum verfolgen wir einen anderen Ansatz: Wir kümmern uns zusammen um die Patientinnen und Patienten und die Grenzen sind fließend.“ Auch eine präzise radiologische Bildgebung ist dabei entscheidend. Weil sich etwa Röntgen, CT und MRT in den vergangenen Jahren deutlich verbessert haben, sind Eingriffe heute immer exakter plan- und durchführbar. Oberarzt PD Dr. Axel Schmid vom Radiologischen Institut des Uniklinikums Erlangen erklärt: „Wenn jemand zum Beispiel ein Aneurysma hat, also eine gefährliche Ausstülpung der Aorta, machen wir ein CT und planen das weitere Vorgehen. Dabei suchen wir immer auch die anderen Abschnitte der Aorta nach Auffälligkeiten ab.“ Bei Eingriffen stellen die Expertinnen und Experten der interventionellen Radiologie unter Röntgenkontrolle sicher, dass die jeweilige Gefäßprothese millimetergenau positioniert wird. Abschließend prüfen sie, ob die Prothese dicht sitzt und alle wichtigen Gefäße weiterhin gut durchblutet sind.
Bei Hannes R. blieb es nicht beim Aortenbogenersatz: 2020 bildete sich ein Aneurysma an einer Nahtstelle seiner Gefäßprothese, das minimalinvasiv entfernt werden konnte. Damals bekam der Student auch die Erklärung dafür, warum es innerhalb seines Gefäßsystems immer wieder Probleme gab: Er leidet an einer seltenen angeborenen Bindegewebsschwäche. Sie ist nicht heilbar.

Frozen Elephant Trunk („Gefrorener Elefantenrüssel“): Der „Rüssel“ beschreibt die geschwungene Form. Der nach unten verlaufende Prothesenabschnitt ist durch einen Stent – ein feines Metallgerüst – versteift und deshalb „gefroren“. Abbildung: KI-generiert
Maßgeschneiderte Gefäßprothese
Im Jahr 2024 hatte der junge Patient schließlich einen erneuten Eingriff – diesmal wegen einer Dissektion im absteigenden Abschnitt der Hauptschlagader. Das Team des Uniklinikums Erlangen ließ für ihn eine individuelle Stentprothese anfertigen. „Die wird von den Mitarbeitenden einer Spezialfirma von Hand genäht, auf Basis eines CT-Datensatzes“, erklärt Prof. Rother. Die eng zusammengefaltete Prothese schiebt der Gefäßchirurg per Katheter durch die Leistenarterie hindurch. „Dieser Zugang ist etwa so dick wie mein kleiner Finger“, beschreibt Ulrich Rother. Erst in der Aorta, also im Bauchraum, wird die Prothese entfaltet und legt sich von innen an die Gefäßwand an. Dann schließt der Gefäßchirurg die vier großen Arterien, die Nieren, Leber und Darm versorgen, mit kleinen Verbindungsstents an die Prothese an. Radiologe Dr. Schmid verdeutlicht: „Bei jedem Menschen sind diese Arterien etwas anders angeordnet. Was bei dem einen bei zwölf Uhr liegt, liegt bei dem anderen auf ein Uhr. Die patientenindividuelle Prothese berücksichtigt das. Sie hat kleine Ärmelchen, die jeweils durch einen Stent mit der jeweiligen Arterie verbunden werden – so, dass am Ende alles dicht ist.“ Manchmal passt auch die vorproduzierte Standardprothese. Das ist aber eher selten.
Schonend offen
Als Hannes R. Anfang 2026 schließlich auch an der Arterie, die Arm und Kopf versorgt, ein Aneurysma bekam, waren Gefäß- und Herzchirurgie sowie Radiologie nochmals gemeinsam gefordert. „Ich war niedergeschlagen, weil es hieß, dass für den Eingriff mein Brustbein durchtrennt werden muss. Die dritte große OP meines Lebens. Ich rechnete mit einem langwierigen Heilungsprozess“, erzählt der Patient. Doch seine Sorge bestätigte sich nicht. „Ich bin wirklich fasziniert davon, wie schonend das alles war und wie schnell ich mich davon erholt habe“, berichtet Hannes R. „Ich war maximal eine Woche im Krankenhaus und habe schon nach vier Wochen wieder etwas mit Freunden unternommen.“ Ob letztlich offen-chirurgisch oder endovaskulär per Katheter behandelt wird, entscheidet das Aortenboard. Laut den Gefäßexperten lasse sich heute grundsätzlich immer mehr endovaskulär durchführen. Aber Axel Schmid gibt zu bedenken: „Wenn die Leistenarterie nicht groß genug ist, kann man da keine gefaltete Prothese durchschieben. Wenn die Aorta starke Knicks hat, legt sich die Prothese da vielleicht nicht gut hinein. Wie alt ist der Patient? Was bedeutet welcher Eingriff für den Organismus? Das sind alles Dinge, die wir berücksichtigen. Man muss an einem Zentrum immer alles beherrschen, sonst bekommt man Schlagseite und macht nur das, was man gut kann. Wir wollen aber das machen, was der Patientin oder dem Patienten individuell am besten hilft. Deshalb haben wir alles parat.“
Screening wahrnehmen
Männer ab 65 Jahren haben Anspruch auf eine Ultraschalluntersuchung der Bauchaorta. Dabei wird geprüft, ob das Gefäß krankhaft erweitert ist. Auch Frauen ab 65 Jahren, die rauchen, können das Screening wahrnehmen.
„Aortenerkrankungen gehören in ein universitäres Zentrum.“

Wie ist die Prognose?
Nach einem Aorteneingriff können Patientinnen und Patienten trotzdem ein aktives Leben führen. „Sport ist sogar sehr gut für die Langzeitprognose, weil unsere Patientinnen und Patienten ja ohnehin oft ein Herz-Kreislauf-Risiko mitbringen“, erklärt Prof. Rother. Robert Cesnjevar ergänzt: „Es gibt aber drei Ausnahmen: Bungee Jumping, Achterbahnfahrten mit krassen Fliehkräften und Tiefseetauchen.“ Prof. Rother: „Wichtig sind auch ein Rauchstopp, eine gesunde Ernährung und ein gut eingestellter Blutdruck.“ Um einen gesunden Lebensstil hat sich Hannes R. bereits gekümmert. Anstrengende Monate liegen hinter ihm. „Die Zeit bis zur OP ist das, was einen mental am meisten herausfordert. Natürlich hat man Angst, dass bis dahin irgendetwas passiert“, räumt er ein. „Aber wenn das Gefäß mit einer Prothese versorgt ist, fühle ich mich jedes Mal wieder sicher und kann weiter mein normales Leben führen.“
Weitere Informationen:
Gefäßchirurgische Abteilung
09131 85-32968
gefaesschirurgie-sekr(at)uk-erlangen.de
www.gefaesschirurgie.uk-erlangen.de
Herzchirurgische Klinik
09131 85-33319
herz-sekretariat(at)uk-erlangen.de
www.herzchirurgie.uk-erlangen.de
