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Erste Hilfe bei Kindern

(M)ein Kind in Not

Kinder sind neugierig, bewegungsfreudig und wollen die Welt entdecken – kleinere Verletzungen bleiben dabei nicht aus. Doch manchmal wird aus einem Missgeschick ein Notfall. Kennen Eltern die wichtigsten Sofortmaßnahmen, können sie ruhig und sicher handeln.

Stand: September 2026, erschienen in Magazin „Gesundheit erlangen“, Herbst 2026
Text (wird nicht aktualisiert): Magdalena Högner/Uniklinikum Erlangen
Fotos: Magdalena Högner/Uniklinikum Erlangen

Einmal kurz nicht hingeschaut und schon ist es passiert: Die Kinderhand greift nach der Tasse mit heißem Tee, einen Augenblick später ist das Kind verbrüht. Gerade noch tollt die Tochter fröhlich auf dem Spielplatz, kurz darauf liegt sie nach einem Sturz auf dem Boden. Und das kleine Spielzeug, das der Sohn eben noch in der Hand hielt, verschwindet plötzlich im Mund. „Notfälle bei Kindern geschehen im Alltag plötzlich und unvorhergesehen – auch dann, wenn Eltern vorsichtig und aufmerk­sam sind“, sagt Dr. Steven Hébert, Oberarzt der Kinder- und Jugendklinik des Uniklini­kums Erlangen. 

Achtung!

Die Hinweise dienen der Orientierung und ersetzen keine medizinische Beratung. Bei lebensbedrohlichen Symptomen wie Atemnot, Bewusstlosigkeit oder Krampfanfällen sollte immer direkt der Notruf 112 gewählt werden.

„Eltern müssen im Notfall nicht perfekt handeln. Wichtig ist, dass sie handeln und bei Bedarf schnell Hilfe rufen.“

Dr. Steven Hébert

Kindernotfallkurse

Am Uniklinikum Erlangen finden regelmäßig Kindernotfallkurse statt. Infos zu Ablauf und Anmeldung: www.uker.de/ki-kindernotfallkurse

Sobald Kinder etwa ab dem siebten Lebensmonat zu krabbeln beginnen und später selbstständig laufen, steigt das Ri­siko für Unfälle. Für Kleinkinder sind das Ver­schlucken von Gegenständen, Vergiftungen, Verbrühungen und Verbrennungen sowie Stürze typisch; ab dem fünften Lebensjahr überwiegen vor allem Sport- und Freizeitun­fälle. „Eltern sind sich oft unsicher, wie sie in diesen Situationen angemessen reagieren können. Dabei ist Erste Hilfe bei Kindern ein­facher, als viele denken – vorausgesetzt, man weiß, was zu tun ist“, betont der Kinderarzt. Aus diesem Grund bietet die Fachabteilung Neonatologie und Pädiatrische Intensivmedi­zin der Erlanger Kinderklinik regelmäßig Kin­dernotfallkurse für Eltern, Großeltern und Be­zugspersonen an. Darin zeigt Dr. Hébert zu­sammen mit einem Team aus Pflegefachperso­nen und Kinderärztinnen und -ärtzten, wie El­tern in brenzligen Situationen richtig reagieren. Die folgenden Seiten geben einen Überblick über wichtige Inhalte aus den Kursen.


Achtung, heiß!

Eine brennende Kerze auf dem Tisch berührt, die Hand auf die eingeschaltete Herdplatte gelegt oder einen Topf mit heißem Wasser umgestoßen – bei Verbrennungen und Verbrühungen können Sofortmaßnahmen helfen, Schmerzen zu lindern und weitere Hautschäden zu begrenzen. „Kühlen Sie die verbrannte oder verbrühte Stelle etwa fünf bis zehn Minuten lang mit fließendem, lauwarmem bis kühlem Wasser. Bitte kein Eiswasser und keine Eiswürfel verwenden, da beides das Gewebe zusätzlich schädigen kann“, empfiehlt Dr. Hébert. „Bei Verbrühungen sollten Sie möglichst rasch die nasse Kleidung des Kindes ausziehen, damit die Haut nicht länger der Hitze ausgesetzt ist. Denken Sie dabei auch an die Windel.“ Vorsicht ist allerdings bei Brandwunden geboten: „Wenn die Kleidung in die Haut eingebrannt ist, lassen Sie die Kleidung bitte so, wie sie ist. Sonst drohen weitere Verletzungen“, warnt der Experte. Anschließend sollte die Hautfläche steril verbunden werden, etwa mit Kompressen aus dem Verbandskasten. Taschentücher, Toiletten- oder Küchenpapier sind hingegen nicht geeignet, da die Fasern an der Wunde haften bleiben können. „Auf keinen Fall sollten Sie Brandblasen öffnen oder Cremes, Puder, Mehl oder Ähnliches auf die verletzte Haut auftragen“, betont der Kinderarzt. Wenn sensible Hautstellen wie das Gesicht, Gelenke oder der Genitalbereich betroffen sind, die Verletzung großflächig ist oder Hinweise auf eine tiefe Verbrennung bestehen – oft erkennbar an einer dunklen oder weißlichen Verfärbung der Haut –, ist außerdem schnelle medizinische Hilfe erforderlich. „In diesen Fällen sollten Eltern zusätzlich zur Erstversorgung unbedingt den Notruf wählen“, rät Dr. Hébert.


Giftig oder harmlos?

Kleinkinder erkunden ihre Umwelt mit allen Sinnen. Dabei wandert manches in Mund und Magen, was dort nicht hingehört: Knetmasse, Handcreme, Spülmittel. Für Eltern ist oft nicht sofort ersichtlich, ob das Geschluckte für das Kind gefährlich ist. „Die Sorge vor einer Vergiftung ist dann verständlicherweise groß“, weiß Dr. Hébert. „Bleiben Sie ruhig und wählen Sie den Giftnotruf. Dieser kann die Situation einschätzen und Ihnen Anweisungen geben, was zu tun ist.“ Auf keinen Fall sollten Eltern ihr Kind zum Erbrechen bringen, da die potenziell giftige Substanz dann ein zweites Mal durch die Speiseröhre gelangt und diese dabei erneut verletzen könnte. Auch die orale Gabe von Aktivkohle zum Binden des Gifts kann einen Brechreiz auslösen und sollte daher nur durch medizinisches Fachpersonal erfolgen. Von Milch rät der Kinderarzt ebenfalls ab, denn anders als viele glauben, wirkt sie nicht als „Gegengift“. Im Gegenteil: Durch ihren Fettgehalt kann Milch in manchen Fällen die Substanzaufnahme im Darm sogar beschleunigen. „Am effektivsten ist immer noch die Prävention. Bewahren Sie alle giftigen Stoffe sicher verschlossen und außer Reichweite von Kindern auf und füllen Sie Haushaltsmittel, Chemikalien oder Ähnliches niemals in Lebensmittelbehälter um“, betont Dr. Hébert.

App bei Vergiftungen

Die App „Vergiftungsunfälle bei Kindern“ des Bundesinstituts für Risikobewertung listet alle Chemikalien, Medikamente und Pflanzen auf, die bei Kindern zu Vergiftungen führen können, und gibt Tipps zur Prävention. www.bfr.bund.de/presse/bfr-apps/

Giftnotruf

Der Giftnotruf München, die zentrale Rufnummer für Bayern, ist rund um die Uhr kostenlos erreichbar unter:
089 192 40


Nuss verschluckt? – Verschlucken oder Ersticken

Ob Erdnuss, Bonbon oder Münze: Gelangt ein Fremdkörper in die Atemwege, kann er den Luftstrom teilweise oder vollständig blockie­ren. „Auch wenn es oft der erste Reflex ist: Bitte greifen Sie Ihrem Kind nicht in den Mund, um den Gegenstand herauszuholen“, warnt Oberarzt Stefan Zimmermann. „Das birgt die Gefahr, ihn nur noch tiefer in die Luftröhre zu schieben.“ Statt­dessen sollte überprüft werden, ob das Kind bei Bewusstsein ist und hustet. „Falls ja, ermuntern Sie es, weiter zu husten. Ein spontaner Hustenstoß ist immer effektiver und sicherer als Erste-Hilfe-Maßnahmen von außen“, so der Kinderarzt. Wenn das Kind jedoch keine Luft bekommt, nicht mehr wirksam husten kann oder bewusstlos wird, ist schnelles Handeln gefragt. „Mit den richti­gen Handgriffen lässt sich von außen ein Druck erzeugen, der den Fremdkörper löst und aus den Atemwegen befördert“, er­klärt der Kinderarzt.

Sofort handeln!

Wenn Ihr Kind bewusstlos wird, machen Sie die Atem­wege frei, wählen Sie den Notruf und beginnen Sie mit der Wiederbelebung. 

Erste Hilfe bei Säuglingen

Erste Hilfe bei älteren Kindern


Gestürzt – und nun?

Ob beim Fahrradfahren oder bei den ersten Gehversuchen: „Die meisten Stürze sind bei Kindern weniger schlimm, als sie auf den ersten Blick erscheinen“, sagt Dr. Hébert. „Beruhigen Sie Ihr Kind und überprüfen Sie, ob es offene Wunden gibt, die versorgt werden müssen.“ Sollten Symptome wie Bewusstseinsstörungen, Übelkeit oder Erbrechen auftreten – auch mehrere Stunden nach dem Sturz –, ist eine Vorstellung im Krankenhaus ratsam, da sie auf eine Gehirnerschütterung hinweisen können. Bei starker Benommenheit, Bewusstlosigkeit oder Krampfanfällen sollte hingegen direkt der Rettungsdienst verständigt werden. Präventionsmaßnahmen können außerdem helfen, das Risiko für Stürze zu reduzieren und Schlimmeres zu verhindern: „Lassen Sie Säuglinge bitte nicht unbeaufsichtigt am Wickeltisch, schließen oder sichern Sie Fenster, Balkontüren und Treppen und lassen Sie Ihren Sohn oder Ihre Tochter beim Fahrrad-, Skateboard-, Roller- oder Inlinerfahren einen Helm tragen“, rät der Kinderarzt.


Wiederbelebung bei Kindern

„Eltern sollten keine Angst haben – es ist selten, dass man ein Kind reanimieren muss. Aber wenn sie wissen, was im Ernstfall zu tun ist, können Eltern ihrem Kind wirklich gut hel­fen und die Zeit überbrücken, bis der Rettungsdienst eintrifft“, ordnet Stefan Zimmermann ein. Die Wiederbelebungsmaßnahmen bei Kindern ähneln denen bei Erwachsenen. Dennoch gibt es wichtige Unterschiede, die man kennen und beachten sollte. „Bei Erwachsenen ist der Herz-Kreislauf-Stillstand in vielen Fällen auf einen Herzinfarkt, Herzrhythmusstörungen oder andere Komplikationen des Herzens zurückzuführen. Bei Kindern ist meistens ein Sauerstoffmangel durch Atemnot die Ursache; Kreislauf- und Herzprobleme treten oft erst als Folge des Sauerstoffmangels auf“, erklärt der Kinderarzt. „Deshalb beginnt die Wiederbelebung bei Kindern immer mit der Beatmung. Erst dann folgt die Herzdruckmassage.“ Dabei erfordert die kindliche Anatomie teilweise andere Handgriffe, etwa bei der Kopfhaltung, der Beatmung oder der Herzdruckmassage.

„Haben Sie bei der Reanimation keine Angst, etwas falsch zu machen! Sie können dem Kind nicht schaden – nur helfen!“

Stefan Zimmermann

(M)ein Kind ist in Lebensgefahr – was soll ich tun?

1. Bewusstsein prüfen
Das Kind ansprechen und vorsichtig berühren. Wichtig: Säuglinge niemals schütteln, da es sonst zu Gehirnschäden kommen kann.

2. Notruf veranlassen
Falls keine Reaktion zu beobachten ist, sofort den Rettungsdienst unter 112 verständigen oder eine andere Person damit beauftragen und den Anweisungen der Leitstelle folgen.

3. Atemwege frei machen
Das Kind auf den Rücken auf eine feste Unterlage legen. Beim Säugling den Kopf in eine neutrale Position bringen: den Hals nicht überstrecken, die Nase bildet den höchsten Punkt. Ab dem Kleinkindalter den Hals überstrecken, den Kopf leicht nach hinten neigen und das Kinn mit den Fingerspitzen anheben. Dabei keinen Druck auf die Halsweichteile oder den Mundboden ausüben.

4. Atmung überprüfen
Die Atemwege geöffnet halten und sehen, hören und spüren, ob eine normale Atmung vorhanden ist. Ist ein Luftstrom an der eigenen Wange spürbar? Die Atmung nicht länger als zehn Sekunden prüfen; im Zweifelsfall immer von einem Atemstillstand ausgehen.

5. Fünfmal beatmen
Beim Säugling: Mund und Nase mit dem eigenen Mund umschließen. Beim Kind: Die Nase mit Daumen und Zeigefinger zuhalten und den Mund des Kindes mit dem eigenen Mund umschließen. Die Luft jeweils gleichmäßig für etwa anderthalb Sekunden einblasen. Dabei beobachten, ob sich der Brustkorb hebt. Anschließend den Mund abheben, das Absinken des Brustkorbs abwarten und erneut Luft zuführen. Fünf wirksame Atemspenden geben.

6. Lebenszeichen prüfen
Bewegt sich das Kind, hustet es oder atmet es normal? Sind keine eindeutigen Lebenszeichen erkennbar, sofort mit der Herzdruckmassage beginnen.

7. Herzdruckmassage
Der Druckpunkt liegt bei Säuglingen und Kindern in der Mitte des Brustbeins. Den Brustkorb etwa um ein Drittel eindrücken und nach jeder Kompression vollständig entlasten. Das Tempo beträgt 100 bis 120 Kompressionen pro Minute. Der Rhythmus des Songs „Stayin’ Alive“ von den Bee Gees kommt der notwendigen Frequenz sehr nahe. Beim Säugling: Mit zwei Fingern drücken. Beim Kleinkind: Mit dem Ballen einer Hand drücken. Bei größeren Kindern gegebenenfalls beide Hände verwenden.

8. Wiederbelebung fortführen
30 Herzdruckmassagen und zwei Atemspenden so lange im Wechsel durchführen, bis das Kind Lebenszeichen gibt oder der Rettungsdienst eintrifft.

Herzdruckmassage bei Kindern

Statt „Prüfen. Rufen. Drücken.“ bei Erwachsenen gilt bei Kindern „Prüfen. Rufen. Beatmen. Drücken.“


Weitere Informationen

Kinder- und Jugendklinik
www.kinderklinik.uk-erlangen.de